Stolp i. Pommern (jetzt Slupsk) 22.5. - 5.6.1945 - vor 70 Jahren

In der Marktapotheke heute, 1.6.15
(Fortsetzung!)

22.5.45
Heute war ich im Museum am Neuen Tor. An dem Eingang, der immer noch voller Kram und Schutt ist, ging ich jeden Tag vorüber, aber hineinzugehen, die Idee kam mir erst heute. All die schönen Erinnerungsstücke lagen kunterbunt durcheinander. Ich habe Verschiedenes mitgenommen, darunter die Urkunde von der Stolper Handwerkerschaft vom Jahre 1597 (Anm.: Befindet sich heute in der Stolper Stube in Bonn *) und einige Bronzehalsringe und Armreifen.

23.5.45
Heute Nachmittag gab es die erste Kinovorstellung mit dem Film "Im weißen Rössel" in den Kammerspielen, dazu einen russischen Propagandastreifen über die Ukraine. Das Theater war kaum halb gefüllt. Zu viele Leute haben noch keinen Mut, sich draußen blicken zu lassen. Abends habe ich wieder mit Niki und Harald W. Tennis gespielt. Harald ist wieder da, nachdem er acht Wochen in Graudenz gesessen hatte.

24.5.45
"Liebe, du Himmel auf Erden" spielte das Theaterorchester, als die erste deutsche Eheschließung nach dem Kriege stattfand. Es war glänzend, Lehar zu spielen, doch wahrscheinlich ist alles andere jetzt auf dem Index. Wer da geheiratet hat, hatte ich nicht herausgefunden, war ja auch nicht so wichtig, wurde aber als Zeichen des "normalen Lebens" sehr herausgestellt.

25.5.45
Im Rathaussaal findet morgen ein Bankett statt. Die neue Haute volée ist eingeladen. Es soll der deutsch-sowjetischen Verbrüderung dienen. Obwohl ich durch Niki hätte hingehen können, ging ich lieber nicht die Karten holen. Das wird meistens ein
Alkoholfest, sonst nichts.

28.5.45
Um 12 Uhr war Gr. noch nicht da. Das Fest muss eine wahre Schnapsorgie gewesen sein. Russische Offiziere sollen auf den Tischen getanzt haben, Nationaltänze anfangs und dann nur noch Torkelei. Damen, so welche vorhanden, seien sehr entsetzt gewesen, konnten aber nicht hinaus, weil die Türen verrammelt waren.
Wir haben sei heute eine Neue, Dorothea mit Namen, eine der Tänzerinnen vom Maifest im Schützenhaus. Sie sagte, sie habe aus Freude am Tanz dort mitgemacht, na ja, sie ist erst achtzehn. Sie ist ein kulleräugiges Mädchen, mit braun-schwarzen Locken. Auch ein Zeichen von Normalisierung, wenn man solche Einzelheiten wieder wahrnimmt.

29.5.45
Unsere Ernährungslage ist weiter auf dem aufsteigenden Ast. Zwei Zentner Roggenmehl ergattert, fein gemahlen, was für eine Menge Brot reicht.
Ein ganzes Pfund Butter in der Apotheke für jeden und Käse aus der Molkerei, Camembert a lá Stolper Jungchen.

2.6.45
Heute im Tausch gegen Sulfonamide von einem Russen eine goldene Armbanduhr eingehandelt. Eine Damenuhr - wer weiß, wem die einmal gehört hat?

3.6.45
Mit R. habe ich ein sehr gutes Verhältnis, obwohl er 63 ist, verstehe ich mich mit ihm wie mit einem Gleichaltrigen. Bei Boxer hat er Physik gehabt (wer in Stolp eigentlich nicht?). Er hat die Notwohnung in der Stromstraße mit seiner Frau, die bei uns
hinten die Gläserküche überwacht.
In der Offizin heute eine Bochumerin getroffen, die wiederum Bochumer Mädchen kannte. Sylvia ist noch herausgekommen aus Stolp, ob auch weiter nach Westen, das ist die Frage. In der Augustastraße bei Johannes G. ´s Wirtin gefahndet, war nicht zu finden.
Die ersten Fälle von Typhus werden im Landhaus, Stolpmünder Straße kaserniert. Alle typhusverdächtigen müssen gemeldet werden, auch von uns. Die Ruhr grassiert noch, doch die ist nach wenigen Tagen vorbei, hinterlässt ein enormes Schwächegefühl, doch sterben nicht viele daran (5% etwa) Typhus ist gefährlicher, weil er wochenlanges Fieber bedeutet und das halten die geschwächten Körper nicht aus. Wir müssen unsere Kohlevorräte gegen den Durchfall irgendwie strecken! Wir haben noch etwa 1 kg Kohlegranulat, das ist alles. Es wurde also beschlossen, die Holzkohle aus den verbrannten Häusern zu nehmen. Man kann die Balken abkratzen und die teils kristalline, teils pulvrige Kohle im Mörser mit dem Messingspistill fein zerkleinern. Die Kohle soll dann in kleine Tüten abgefüllt und abgegeben werden. Sauber ist sie ja einigermaßen. Digitalis wird auch knapp - es muss der Wald nach Fingerhutpflanzen abgesucht werden, die Blätter werden gesammelt und bei uns mit Alkohol extrahiert. Woraus eine Tinctura Digitalis entsteht. Außerdem machen wir viel Infusum Digitalis FMB und RF aus frischen Blättern, nicht standardisiert. Dann geht enorm viel: Targesinlösung 2 % zur lokalen Behandlung von Harnwegsinfektionen. Bei Gonorrhoe nur beschränkt wirksam, aber besser als gar nichts. Strophantinampullen mussten wir an das Landhaus abgeben, wir haben nur noch einen eisernen Vorrat für uns selbst.
Kopfschmerztabletten sind auch alle weg. Wir haben aber noch jede Menge Phenacetin und Aspirinpulver, woraus Kopfschmerzpulver gemacht werden, die gut wirken sollen.

5.6.45
Manche nehmen die spärlichen vorteilhaften Seiten dieser wirren Zeiten mit, so gut es geht. Ursula K., meine "bakteriologische Freundin", ist ein Exempel. Andererseits ist sie so hübsch, dass ich es verstehen kann. Wir essen jetzt bei Klugkist usammen
und drehen dann eine Runde um den Bismarckplatz, der neuerdings "Aleja Poplawskiego" heißt. Dadurch gewisse Reibereien mit Liesel E.
Bei G. ´ s war gestern Abend ein kleines Fest Wir hörten Radio (!!), das ein Pole mitgebracht hatte (der darf Radio hören und wir mit). Aus Berlin Nachrichten über Deutschlands ersten Monat nach der Niederlage. Muss überall so katastrophal sein wie hier. - Ein junges Mädchen trat auf, steppte mit mehr Anmut als Technik, lockerte aber die Stimmung sehr auf. Im Radio Tanzmusik aus Amerika, "in the mood" und "Chatta-nooga Choo cho" - sehr flott! Aber auch Altes von Jary und Mackeben hört man wieder. Um ein Uhr riefen wir R. ans Fenster - er wohnt gleich nebenan - fragten höflich, ob er gut geschlafen habe? Er hatte, hoffentlich nimmt
er es uns nicht übel. Sehr gutes Essen -sehr viel Wodka!

Erhard Groll, Stolper Tagebuch

* Dort war ich 03.14 zu Besuch.
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 23.06.2015 | 19:44   Melden
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