Etwas aus der Schulzeit - Jahrzehnte zurück!

Verlauf unserer Tour
 
der Radfahrer in Hasselfelde (Harz)
Eine Harztour

Auf der Fahrt nach Born in der Letzlinger Heide, die Horst R., Ulrich G., Uwe P. und ich am 1.Mai 1955 unternahmen, beschlossen wir, in den Pfingstferien eine Radtour in den Harz zu machen.
Da Uwe aber keine Erlaubnis erhielt, war unsere Gruppe auf drei Mann zusammengeschmolzen.
Der Plan, den ich aufstellte:
1. Eilsleben - Wernigerode, 70 km
2. Ilsenburg, Schierke, 30 km
3. um Hasselfelde, 10 km
4. Thale, Blankenburg, 40 km
5. Halberstadt, Eilsleben, 80 km

12.5. 1955
Heute fuhren wir nach Wanzleben zur Kreisleitung der FDJ, um einen Fahrtenleiterausweis zu holen. Dort wurde uns gesagt, daß wir keinen mehr brauchen. Wir besorgten uns Postkarten und schrieben noch am gleichen Tag an die Jugendherbergen in den Übernachtungsorten, um für uns drei den Schlafplatz zu bestellen.
16.5.55
Die beiden ersten Antworten trafen ein. Blankenburg sagte uns ein Quartier zu. Die Jhb. in Schierke verwies uns auf die zweite. Wir riefen an und erhielten auch hier eine Absage.
17.5.55
Wir riefen in Benneckenstein an und erhielten eine Zusage. Eine weitere Absage aber kam mit der Post von Werigerode. Auch das Ausweichquartier Elbingerode war besetzt.
23.5.55
Die letzte Antwort, ein Brief aus Hasselfelde, war ebenfalls eine Absage.
25.5.55
Die Erlaubnis, einen Tag vor der Radtour frei zu bekommen und die Turnprüfung, die einen Tag nach der Fahrt stattfinden sollte, nachmachen zu dürfen, erhielten wir von der Schulleitung nicht. Wir bekamen noch Schularbeiten auf, die wir in den Ferien anfertigen sollten.
Uli hatte aus bestimmten Gründen schlechte Laune. So war unsere Stimmung nicht gerade gut. Wir hofften aber noch auf Besserung.
26.5.55
Heute war also der letzte Tag vor der Radtour. Horst hatte mit eine mal die Lust verloren. Er sagte, er wolle in den Ferien für die Russischprüfung lernen, die Schularbeiten machen und sich ausschlafen. Wir konnten ihn noch überreden. Nachmittags putzten wir unsere Stahlrösser und abends wurde der Rucksack gepackt.
27.5.55
Als der Wecker um 4 Uhr klingelte, stand ich auf, machte mich fertig, und um halb 5 fuhr ich los, von den besten Wünschen begleitet. Bei Horst trafen wir uns. Nachdem wir geknipst waren, ging es los. Wir staunten nicht wenig, als Horst uns schon hinter Eilsleben erklärte, daß er nicht weiter mitfahre, weil er nur bis Wernigerode mi dürfe. Außerdem fühle er sich gar nicht wohl. Wie gesagt, wir waren sprachlos. Alles Reden nützte nichts mehr. So fuhren wir also alleine weiter. Zwei Jungen auf einer Radtour.
Die Fahrt ging, einige Unterbrechungen nicht gerechnet, gut voran. Vor Dingelstedt aßen wir Frühstück. in Reddeber "Zum schwarzen Adler" erhielten wir unser erstes Nachtquartier. Wir stellten unsere Rucksäcke ab und fuhren nach Wernigerode. Hier besorgten wir uns bei der Kreispolizei den Passierschein zum Brocken und besuchten dann das Feudalmuseum. Hier kann man Zimmereinrichtungen von früher, alte Waffen, viele Gemälde und viel Anderes sehen.
Im Waldrestaurant "Christianental" aßen wir Mittag und schrieben die ersten Postkarten. Es hatte inzwischen angefangen, heftig zu regnen. Wir besahen trotzdem noch etwas die Stadt. Durchgeweicht kamen wir dann "zu Hause" an, zogen uns schnell um, aßen tüchtig und fielen dann ermüdet in die weichen Federbetten.
28.5.55
Als wir heute morgen aufwachten, wußten wir nicht, daß der erlebnisreichste Tag vor uns liegt.
Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, der Rucksack festgeschnallt und die Zeche bezahlt war, fuhren wir ab. Es nieselte. Auf ziemlich ebener Straße fuhren wir Ilsenburg entgegen. Von hier aus näherten wir uns auf einem Wanderweg langsam dem Brocken. Der Weg ging bergan, so daß wir unsere Räder fast immer schieben mußten. Wir wußten nicht, daß uns der Weg bis auf 500 Meter an die Grenze näher bringen würde.Mit einem Holzarbeiter, den wir unterwegs trafen, unterhielten wir uns. Er erzählte uns von seinen Brockenwanderungen und bestätigte uns, daß wir auf dem richtigen Weg waren. Wir verabschiedeten uns, fuhren weiter und wurden, als wir die 500-m-Zone bald erreicht hatten, von zwei KVPisten angehalten. Sie verlangten den Passierschein und unseren Ausweis und fragten uns, wohin wir wollten. Was wir ihnen sagten, glaubten sie uns nicht. Sie sagten uns frech ins Gesicht, daß wir nach "drüben" abhauen wollen. Den Inhalt unserer Rucksäcke hatten sie bald besichtigt. Auch dieser war ihrer Ansicht nach dazu geeignet. Alles Reden unsererseits nützte nichts. Wir mußten ihnen darauf vorangehen, und sie brachten uns immer im gleichen Abstand von der Grenze einen Kilometer weiter. Auf einem freien Platz mit einem Baum "Am Kruzifix" hielten sie mit uns an. In
einem Abstand von eineinhalb Stunden gaben sie zwei mal zwei Schüsse ab. Sie erklärten uns, daß sie dem nächsten Stützpunkt signalisieren, die uns abholen sollen. Die Patronen hob ich auf und sagte ihnen, daß ich Buntmetall sammle.Trotz vielem Schimpfen mußten wir bis zur Ablösung warten. So machten wir dann gute Niene zum bösen Spiel. Die Zeit verging sehr langsam. Den Platz durften wir auch ohne Fahrrad nicht verlassen. Unter anderem vertrieb ich mir die Zeit damit, daß ich einen weißen Sowjetstern rot anmalte. Als sich ein Eichhörnchen sehen ließ, machten wir darauf Jagd. Wir machten viele Witze. Die Polizisten erzählten uns
von ihren abenteuerlichen Erlebnissen und boten uns von der Tagesration Bonbons welche an. Die Waffeln, die wir ihnen anboten, nahmen sie nicht.
Wie Verbrecher wurden wir, als die Ablösung kam, mit aufgepflanztem Bajonett abgeführt. Die Gedanken der Leute hätte ich lesen mögen, an deren Fenster wir vorbei geführt wurden. Wir dachten auf diesem Weg besonders viel an zu Hause und versuchten uns vorzustellen, was wohl dieser oder jener in unsere Situation sagen würde. Auf der Wache forderte uns ein Offizier mit solch einer Stimme auf, den Raum zu betreten, die wir wohl einem preußischen General, aber nicht einem Volkspolizisten zugetraut hätten. Nochmals wurden wir verhört usw., von drei Offizieren. Da aber alle Papiere in Ordnung waren und sie uns nichts nachweisen
konnten, ließen sie uns frei. Wir fragten noch, ob uns unser Passagierschein zum Übernachten im Sperrgebiet berechtige und erhielten positive Antwort. Nachdem wir uns nach dem Weg erkundigt hatten, machten wir uns an den Brockenaufstieg.


Auf einem schlechten Weg, besonders für einen Wanderer mit Fahrrad und Rucksack, kämpften wir uns Meter um Meter voran. Der Weg war mit Felsbrocken gepflastert, hatte einen großen Steigungswinkel, und ein kleines Bächlein hatte sich gerade den Weg für sein Bett ausgesucht. Wir mußten mehrere Pausen einlegen. Je höher wir kamen, um so kleiner wurden die Bäume. Ebenfalls wurde es immer kälter, was wir aber kaum merkten. Wenn uns dichte Wölken umgaben, konnten wir kaum wenige Meter sehen. Dann schien es, als ob wir in einer Waschküche ständen. Sogar mein kleiner Bär am Fahrrad verlor sein Fell. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir abseits vom Wege einige Haufen Schnee liegen sahen. Als wir auf dem kahlen Brocken ankamen, sahen wir nichts.
Aber (dafür) suchten wir das Brockenhotel auf und tranken ein paar Bier. Hier wurden zum zweiten Mal unsere Papiere kontrolliert.
In einer schnellen Fahrt sausten dann ungefähr elf Kilometer Landschaft an uns vorbei. Wir brauchten nicht zu treten. Dafür mußien wir aber Rücktritt halten. Eisiger Fahrtwind pustete auf unsere nackten Beine. In Schierke mußien wir einem Kriminalpolizisten unseren Passierschein zeigen. Über Elend und Sorge ging es dann nach Benneckenstein weiter. In der Jugendherberge erfuhren wir, daß der Passierschein doch nicht ausreicht. Der Leiter war sehr freundlich und überredete uns, nach Hasselfelde zu fahren. Die Jugendherberge war besetzt, was wir ja schon wußten. Doch im dortigen Pionierheim fanden wir auf einem Boden Unterkunft und gingen bald schlafen.

29.5.55
Als wir aufwachten, schaute der erste Pfingsttag durch die Dachluken. Uns fror. Darum machten wir uns bald fertig und fuhren dann los. Die Rucksäcke ließen wir dort. Auf der Straße nach Rübeland ging es einmal rauf und dann wieder runter.An ein ruhiges Fahren war auf dem ganzen Weg nicht zu denken. In Rübeland angekommen, stellten wir unsere Räder in einem Fahrradstand unter. Dann gingen wir zu Fuß weiter. Zuerst besahen wir die Hermannshöhle mit der Olmengrotte. Nach dem Mittagessen, das wir im Bahnhofsrestaurant eingenommen hatten, besahen wir die Stadt. Von oben sahen wir auf die Stadt herab, als wir in die Berge stiegen. Bald darauf stiegen wir wieder in die Stadt herab, holten unsere Fahrräder und fuhren über Hüttenrode, Wendefurrt nach Hasselfelde zurück. In Hasselfelde wanderten wir noch ein bisschen ohne Ziel und Fahrrad. Auf einer Wiese schliefen wir eine gute Stunde. Dann gingen wir langsam nach Hause. Bald waren wir fertig und legten uns schlafen.
30.5.55
Der Tag begann gleich schlecht. Als wir nämlich fahrtbereit waren, merkte ich, daß mein Rad im Hinterrad keine Luft mehr hatte. Die Fahrt, die wir nach dem Flicken des Schlauches aufnahmen, wollte gar nicht gehen. Immer wieder nußten wir halten, um etwas zurecht zu rücken oder zu befestigen. Einmal saß der Rucksack schief, dann drohte er zu fallen oder die Feldflasche wollte sich selbständig machen. Wir dachten schon, wir würden nicht heil nach Blankenburg kommen. In Thale aßen wir Mittag. Nachdem wir in der Jugendherberge unsere Räder abgestellt hatten, bestiegen wir die Teufelsmauer. Von oben genossen wir einen Blick über die ganze Stadt. Als wir zurück kamen, wurde uns ein Lager in einem Pferdestall angewiesen. Auf den Strohsäcken schlief es sich prima, da wir sehr müde waren.
31.5.55
Heute fuhren wir schon früh los. Vor uns lag die letzte Etappe der Radtour. Von Blankenburg ging es nach Halberstadt. Hier warteten wir, bis die Geschäfte geöffnet wurden. In der Buchhandlung kaufte ich das Tagebuch. Über Gröningen ging es weiter. Nachdem wir uns Radieschen und etwas zu trinken gekauft hatten, ließen wir uns auf einer Bank zum letzten Frühstück nieder. Alle Reste wurden mit gutem Appetit verzehrt. Die Straßen, über die wir dann von Gröningen über Oschersleben nach Eggenstedt fuhren, waren zur Festigkeitsprüfung für unsere Räder geschaffen, so glaubten wir. Doch wir kamen auch gut nach Eggenstedt, tranken schnell noch etwas und waren gegen Mittag zu Hause angelangt.

So endete unsere Pfingsttour. Sie war ein schönes, großes Erlebnis, wenn sie auch anstrengend war. Wir hatten viel Neues gesehen und erlebt und bereuten es nicht, die Fahrt gemacht zu haben. Abends gingen wir ins Kino und sahen "Wenn der weiße Flieder wieder blüht". Am anderen Morgen war die Sportprüfung.


(Wird fortgesetzt, mit Statistik zur Tour!)

Siehe dazu auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/abberode/hobbys/h...
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3 Kommentare
9.029
Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 04.08.2014 | 22:05   Melden
2.374
Heiko Scharf aus Bernburg (Saale) | 05.08.2014 | 08:56   Melden
5.911
Annette Funke aus Halle (Saale) | 05.08.2014 | 16:41   Melden
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