Das Nachbeben

Das Buch
"Es gibt in Deutschland keine Familie, an der der Krieg und die NS-Zeit spurlos vorübergegangen sind. Der größte Teil der Bevölkerung will das auf sich beruhen lassen. Man sagt: Wir wollen an die alten Familiengeschichten nicht mehr denken und was damals in Deutschland geschah, ist uns ja nun hinreichend bekannt. In der Schule mussten wir uns bis zum Überdruss damit befassen. Es fehlt nicht an Fakten.

Mag sein. Was aber fehlt, ist ein Verständnis für die Auswirkungen dieser Vergangenheit. Was bedeutet diese Erbschaft für unsere persönliche Identität, für unsere Familienidentität und letztlich auch für unsere gesellschaftliche Identität? Was bedeutet es, in der Schule mit Leichenbergen in KZs konfrontiert worden zu sein, und wie lebte es sich mit der ständigen Bedrohung durch einen Atomkrieg? Auch in anderen Ländern wurde diese Angst empfunden, aber nirgendwo anders war sie so ausgeprägt und, wie wir heute noch besser wissen als damals, so berechtigt. [...]

Die Schriftstellerin Tanja Dückers, 1968 geboren, spricht im Zusammenhang mit den Spätfolgen von NS-Zeit und Krieg von einem Nachbeben. Also nach dem Erdbeben das Nachbeben. Um es neben allen anderen Lebenserschütterungen zu identifizieren, bedarf es einer geradezu seismografischen Wahrnehmung, Rein intellektuell lässt es sich erst recht nicht erfassen. Dennoch: Viele Nachgeborene werden etwas davon spüren, aber sie können es nicht einordnen. Das Erdbeben selbst haben sie ja nicht erlebt.

Vielleicht nehmen sie etwas anderes bei sich wahr: Sie haben das Gefühl, sie würden ihre Potenziale nicht ausschöpfen. Irgendwas bremst sie. Die Kinder der Kriegskinder gehören der Altersgruppe an, die am stärksten an psychologischer Hilfe interessiert ist. Den Psychotherapeuten sind die in diesem Buch beschriebenen Schwierigkeiten und Symptome wohlbekannt, weshalb sie zunehmend die Eltern und Großeltern ihrer Patienten mit deren zeitgeschichtlichen Hintergrund in den Blick nehmen. Die Psychotherapeuten sagen: Auffällig bei den heute 40 bis 50-Jährigen ist eine diffuse Identität. Offenbar empfinden sich viele Menschen als unstimmig. Nicht alles lässt sich aus der eigenen Biografie erklären. Der Psychoanalytiker Hartmut Radehold stellt dazu fest: Die von der 2. an die 3. Generation ´vererbte´ psychische Erfahrungsgeschichte lässt sich zwar verleugnen, bagatellisieren und bewusst für nichtig erklären - auslöschen lassen die Spuren sich nicht. Die dritte Generation besaß und besitzt allerdings die Chance, sich ihrer eigenen Reaktionen bewusst zu werden, um sie zu reflektieren und gegebenenfalls verändern zu können."


Quelle:
Sabine Bode, Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation, 2009
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Ralf Springer aus Aschersleben | 17.03.2016 | 00:35   Melden
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 17.03.2016 | 05:28   Melden
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Otto Sauerbier aus Dessau-Roßlau | 17.03.2016 | 10:32   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 17.03.2016 | 17:34   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 17.03.2016 | 21:42   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 18.03.2016 | 13:51   Melden
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Ralf Springer aus Aschersleben | 18.03.2016 | 17:43   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 18.03.2016 | 20:25   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 18.03.2016 | 22:25   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 21.03.2016 | 16:23   Melden
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