Die Stunde ist ungewiß

Das Buch
oder Gevatter Tod

Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, also daß die Flämmchen in beständigem Wechsel hin- und herzuhüpfen schienen.

"Siehst du", sprach der Tod, "das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen."

"Zeige mir mein Lebenslicht", sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß.
Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: "Siehst du, da ist es." -

"Ach, lieber Pate", sagte der erschrockene Arzt, "zündet mir ein neues an, tut mirs zuliebe, damit ich meines Lebens genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter." -

"Ich kann nicht", antwortete der Tod, erst muß eins verlöschen, eh ein neues anbrennt." -

"So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist", bat der Arzt.

Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei; aber weil er sich rächen wollte, versah ers beim Umstecken absichtlich, und das Stückchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden, und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.




So endet Brüder Grimms Märchen "Der Gevatter Tod", das Sibyl Gräfin Schönfeldt für den vorletzten Teil ihrer Gedanken einer Alten über das Alter unter der obigen Überschrift verwendet.

Darin heißt es u.a.: Der Tod ist gewiß. Die Stunde ist ungewiß.

Den gesamten Tei ihres Buches * habe ich in den Bildern 2 - 6 eingestellt.



* Sybil Gräfin Schönfeldt: Die Jahre, die uns bleiben
© 1997 Piper Verlag GmbH, München
1
1 1
1
Einem Mitglied gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.