Erklären Sie uns die Welt, Herr Platzeck ... (3)

Platzeck, Wolf - Spaziergang nach dem Mittagessen - Foto Nikola Kuzmanic/SUPERillu
Teil 3

Vegleich: http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/ra...

"Mich beunruhigt heute vor allem das Wiedererstarken nationalstaatlicher Tendenzen: Amerika zuerst, Russland zuerst, Frankreich zuerst, England zuerst, Deutschland zuerst, Polen zuerst - haben wir vergessen, dass dieses Denken uns in furchtbare Konflikte geführt hat?" (Wolf) *

"Auf jeden Fall führt dieses Denken am Ende zu einer deutlich erhöhten Kriegsgefahr. Wenn jeder sich am wichtigsten nimmt, dann ist damit zwangsläufig verbunden, dass Konflikte eskalieren und Europa in einen Zustand gerät, in dem es viele Jahrhunderte war." (Platzeck) **

"Sie ganz persönlich, lieber Herr Platzeck: Haben Sie Angst vor einem Krieg?" (Wolf)

"Ich bin nicht angstfrei. Deshalb möchte ich auch mit der Arbeit in Russland und Osteuropa mein kleines Mosaiksteinchen dazu beitragen, dass es dazu nie kommt. Und dass das Glück unserer Generation, ohne Krieg aufzuwachsen, auch noch für unsere Kinder und Enkelkinder bewahrt bleibt." (Platzeck)

"Und heute haben viele Deutsche, darunter auch viele ehemalige DDR-Bürger, die dem Land den Rücken kehrten, einfach Angst vor Putin. Ist die Welt mit Putin unsicherer geworden?" (Wolf)

"Eine ganz schwierige Frage. Russland hat damals in den 1990er Jahren eine erste Demokratisierungsphase unter Jelzin erlebt. Man kann nicht verdrängen, dass für die meisten Russen, heute Putin-Freunde oder Putin-Gegner, diese Jahre eine schlimme Zeit waren. In dieser Zeit sind die Oligarchen entstanden, ein paar wenige Reiche. Die Masse aber verarmte, die Konten wurden auf null gestellt, oftmals Renten nicht mehr ausbezahlt -für viele herrschte blanke Not. Dann kommt jemand wie Putin, der dem Land wieder Struktur, Gehaltszahlungen, Rente, Zukunft gibt, und ist erst mal der Held für viele. Ich teile die Kritik daran, wie Putin z. B. mit der Krim-Frage und der Ostukraine umgegangen ist. Aber man muss immer die Gesamtsituation berücksichtigen. Und deshalb ehe ich im Moment keinen erheblichen, darstellbaren Grund, Angst vor dem. Putin hat 2001 eine Rede auf Deutsch im Bundestag gehalten, bei der es stehende Ovationen gegeben hat. Er hat zwei Wünsche geäußert: eine Sicherheitsarchitektur gemeinsam mit Europa und Amerika, in der Russland auf Augenhöhe eine Rolle spielt, und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum von Wladiwostock bis Lissabon. Trotz des Beifalls: Es passierte nichts in dieser Richtung! Dabei ist es ein legitimer Wunsch der Russen, auf Augenhöhe behandelt zu werden!" (Platzeck)

" Ist es auch ein Fehler, jetzt z. B. Montenegro an die NATO zu binden?" (Wolf)

"Ich frage mich einfach, ob es klug ist. Klug ist immer der, der auch die Interessen der formal nicht Beteiligten mitberücksichtigt! Formal ist es so: Wer einen Antrag stellt und die Bedingungenerfüllt, kann genommen werden. Wenn es da noch drei Umgebungspartner gibt, die alle von dem Vorgang intensivberührt werden, holt der Kluge sie mit an den Tisch. Wenn das nicht passiert, riskiert man, dass die ganze Situation eskaliert. Diese Aufrüstungsspirale, in der wir jetzt sind, finde ich fatal und nicht nur abgeleitet von Putins Handeln." (Platzeck)



* Jochen Wolff
Seine Karriere: Chefredaktion Illustrierte „Quick", Chef „Neue Welt", 1991 bis 2011 Chefredakteur SUPERillu

** Matthias Platzeck
Seine Karriere: Umweltminister, OB von Potsdam, Ministerpräsident in Brandenburg, SPD-Vorsitzender



Quelle:
SUPERillu Nr. 24.2016
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4 Kommentare
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 21.08.2016 | 10:24   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 21.08.2016 | 10:38   Melden
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Béatrice Haas aus Dessau-Roßlau | 24.08.2016 | 15:24   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 25.08.2016 | 04:55   Melden
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