„Es ist Krieg, Mama!“ *

Vor 74 Jahren hat Hitlerdeutschland den Russlandfeldzug begonnen. Im Sommer 1941 überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion. Die Bilanz des Schreckens: 13 Millionen tote Soldaten, 14 Millionen tote Zivilisten, 3 Millionen tote Kriegsgefangene.

Der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow beschreibt in seinen Erzählungen und Novellen, wie dieser Krieg über sein Heimatland hereinbrach und das Leben der Menschen verändert hat. (siehe unten!)

Nur drei Generationen später werden schon wieder die Kriegstrommeln geschlagen für einen Krieg gegen Russland. Doch wir können es sagen, es wenn möglich schreiben, es wenn nötig hinausschreien wie Mutter Tolgonai in „Goldspur der Garben“:
„Ich bin damit nicht einverstanden, mein ganzes Leben bin ich nicht einverstanden damit! Die Menschen können und müssen dem Krieg Einhalt gebieten.“
*


Im Sommer 1941, an einem Morgen vor Sonnenaufgang, erblickten Tolgonai und die anderen Bauern beim Mähen auf einem neuen Getreidefeld direkt am Fluss, wie am anderen Flussufer plötzlich ein Reiter auftauchte. Er kam hinter den letzten Höfen des Ails (kirgisisches Dorf) hervorgeprescht und jagte in wildem Galopp geradewegs durch Gestrüpp und Schilf, als wäre eine Meute wilder Hunde hinter ihm her. Was trieb diesen Menschen? Es war ein junger Russe. Er fuchtelte mit den Armen und rief ihnen etwas zu, aber durch das Getöse des Flusses war nichts zu verstehen. Als der Reiter den reißenden Fluss durchquert hatte und bei einem Mähdrescher ankam, war plötzlich ein großes Geschrei. Von allen Seiten stürzten Menschen dorthin, manche zu Fuß, andere zu Pferd, wieder andere standen auf ihren Fuhrwerken und hieben mit der Peitsche auf die Pferde ein. Auch Tolgonai lief los.

„Gott behüte! Gott behüte!“, flehte Tolgonai, im Laufen die Hände emporgestreckt. Als sie endlich ankam, war der Mähdrescher von einer lärmenden Menge umringt. Sie konnte nichts hören, nichts verstehen. Verzweifelt versuchte sie, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Als sie ihren Sohn Kassym neben dem Mähdrescher stehen sah, streckte sie wie eine Blinde die zitternden Arme nach ihm aus. Der kam auf sie zu und fing sie auf. „Es ist Krieg, Mama!“, hörte Tolgonai wie von weitem seine Stimme. Sie blickte ihn an, als ob sie nicht begriffe, was das für ein Wort sei. (S. 454)*

Krieg? Krieg, sagst du?“, fragte die Mutter zurück. „Ja, Mama, Krieg ist ausgebrochen“, antwortete er. Tolgonai aber kam immer noch nicht klar zu Bewusstsein, was sich hinter diesem Wort verbarg und sie fragte: „Wie denn, Krieg? Warum Krieg? Krieg, sagst du?“ Sie wiederholte dieses unheimliche Wort und dann packte sie jähes Entsetzen, und sie begann zu weinen nach all der ausgestandenen Angst und der unerwarteten Nachricht. Auch die umstehenden Frauen fingen an, laut zu jammern und zu klagen. (S. 454) „Mit dieser Minute“, erinnert sich Tolgonai, „begann ein neues Leben – das Leben im Krieg. Wir hörten nicht den Schlachtenlärm, aber unsere Herzen hörten die Schreie der Menschen.“ (S. 456)*



* Aitmatow, Tschingis (2008). Erzählungen-Novellen I. Goldspur der Garben, S. 431-540. Unionsverlag Zürich. Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Erzählung.

(Quelle: tv-Orange, Ende der Kriege?
http://tv-orange.de/2015/04/ende-der-kriege/)
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 30.04.2015 | 21:25   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 01.05.2015 | 05:59   Melden
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 01.05.2015 | 06:12   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 10.05.2015 | 13:52   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 11.05.2015 | 23:32   Melden
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