Stolp (Pommern), 14. - 23. März 1945

Stolp (Pommern), 1945
14.3.45
Es steht nicht mehr alles in der Weiden-Straße. Aber unser Haus ist nicht zerstört. Nur das Eckhaus Weidenstraße/ Grüner Weg ist ausgebrannt, die Vorderwand hängt gefährlich über und droht jeden Augenblick einzustürzen. Auch das Haus des Milchhändlers Müller ist den Flammen zum Opfer gefallen. Im Hause bei uns sah es wüst aus. Alle Schubläden und Schränke offen, der Inhalt über den Boden verstreut. Wir räumten alles wieder ein, gaben das aber auf, als ein paar Stunden später alles wieder draußen lag. Denn auch nachts wird geplündert. Die Klubsessel hatten ihr Leder verloren, abgetrennt. In der Küche stand noch alles, wie ich es verlassen
hatte, sogar das halbleere Glas mit Himbeeren.

16.3.45
Wir sind in das Fliegert´sche Haus (Anm.: Weidenstraße 3) übersiedelt, denn dort wohnen wenigstens noch einige Familien. Ein Glück, dass wir noch Speck und Wurst haben, denn zu kaufen gibt es natürlich nichts. Aber Brot fehlt, fehlt jedem hier, und ich sehe jetzt, wie sehr das Brot eines unserer Hauptnahrungsmittel ist. Auf Streifzügen durch die Umgebung der Weidenstraße habe ich hier und da kleine Brotstücke gefunden und mit Heißhunger verschlungen. Am Vormittag geschippt, von einer russischen "Soldatenfrau"abkommandiert. Ecke Schlawer Straße. Als Pause war, habe ich mich "planmäßig abgesetzt". Ich war auch in der Apotheke am Markt und habe einen ganzen Koffer mit allerlei Medikamenten mitgenommen. Die Apotheke sieht schlimm aus. Die Türscheibe ist eingeschlagen, man tritt ein und steht im Vorraum der Apotheke, dahinter eine Art Theke. Ein einziger Medikamentensee! Man watet hindurch, an zerschlagenen Flaschen vorbei, tritt in Flüssigkeiten, die Gift sein könnten. Auch Veronal gefunden und mitgenommen.

17.3.45
Jeder muss sich bei der Kommandantura melden und sich einen Ausweis ausstellen lassen. Heute nuss ich hingehen, obwohl mir sehr unwohl bei dem Gedanken ist. Die K. ist am Stephanplatz bei Giese und Stern.

22.3.45
Heute erst komme ich wieder dazu, das Tagebuchfortzusetzen. Drei Tage habe ich in den Kellern des NKWD gesessen! Es kam so: Bei der Registrierung im Hause Giese und Stern konnte ich meine Zughörigkeit zur HJ nicht gut verschweigen. Der vernehmende Russe mit Russin als Dolmetscherin war ganz freundlich, auch als ich auf die verwüstete Apotheke, auf Seuchengefahren und auf die Notwendigkeit hinwies, dass ein paar fachkundige Leute die Apotheke wieder instand setzen müssten. "Guttgutt!" sagte er, dann wanderte ich in den Keller von Zeuner und Gosda am Stephanplatz. Dort saßen schon etwa vierzig Leute und warteten. Am Abend zu essen gab es nichts - sammelte ein Russe uns und solche, die in anderen Kellern dieser Firma saßen, ein und führte uns auf den Hof. Zweihundert Menschen standen dort, keiner wusste, was geschehen sollte. Wir marschierten durch die Stadt, am Bismarckplatz entlang, die Hindenburgstraße weiter bis zum Behördenhaus. Dort sperrte man je 40 in ein Zimmer. Die Büromöbel waren weg, es gab nur den blanken Fußboden, die Fenster waren vernagelt. Am nächsten Mittag , nach einer ziemlich schlaflosen Nacht, gab es 1/2 l Wassersuppe und abends 6 Pellkartoffeln. Drei Tage ging es so. Eine Vernehmung fand nicht statt, man registriert aber unsere Namen, nahm uns Geld, Schlüssel, Wertsachen, so es noch welche gab, ab.
Am vierten Tag morgens (20.3.) Antreten auf der Zielkestraße, wie früher beim HJ-Dienst. In vier Reihen standen wir da und froren. Ich hörte von Volkssturmmännern, die meisten waren vom Volkssturm, dass es nach Graudenz ginge, d. h. wir sollten zu Fuß nach Graudenz marschieren.
Ich musste fort von hier, das war klar. Aber wie? Die Minuten verrannen, ich wartete auf die Gelegenheit und war entschlossen, sie konsequent auszunutzen. Und sie Kam: Ich stand vor der Gartentür der Pajunk´schen Villa und drehte mich um und betrat den Vorgarten. Den anderen gegenüber tat sich, als wollte ich austreten. Kaum war ich aus dem Blickfeld der Straße heraus, zwängte ich mich durch ein Kellerfenster in den Kohlenkeller und gelangte nach kurzem Umherirren in dem dämmrigen Verlies in die Souterrainwohnung. Dort legte ich mich unter ein Bett. Ich lag dort fünf Stunden lang. Erst dann war ich sicher, keine Russen mehr
draußen zu treffen. In der Wohnung fand ich eine volle Schüssel Pudding! Den aß ich gierig auf, fand auch noch etwas Speck und Pauly´s Nährspeise, die ich einsteckte. Der Pudding muss mindestens 12 Tage alt gewesen sein, hatte sich aber bei der Kälte im ungeheizten Haus gut gehalten. Nun begab ich mich auf den Heimweg. Die ersten Schritte auf der Zielkestraße vermied ich es, schnell zu gehen oder mich umzusehen. Es war menschenleer, Stille überall. Um die Ecke Richtung Lessingschule. Ziel die Holzbrücke. Von der existierte nur ein Holzbalken von 20 cm Breite. Über den ich hinwegbalancierte. Über weite Umwege, Triftstraße, Küsterstraße, Schlawer Straße, kam ich gegen 6 Uhr abends wieder zu Hause an, angestaunt, wie ein von den Toten Auferstandener.

Erhard Groll


Siehe auch: http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/bl...

Nie wieder Krieg!
Auch nicht wegen der Ukraine.
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1 Kommentar
9.020
Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 12.03.2015 | 07:35   Melden
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