Valentin Falin zu Besuch in Halle (Saale)

Falin am 8.11.2015 in Halle
Meinen Besuch in Halle habe ich dem des Wörlitzer Parks vorgezogen, weil ich viel von der Veranstaltung mit V. Falin erwartet habe.

Natürlich hat Falin viel zu dem Thema zu sagen, und er hat die Fragen von Dr. Ringo Wagner auch sehr ausführlich beantwortet. Aber leider hatte nicht nur ich akustische Probleme, die Ausführungen gut genug zu verstehen.

Deshalb ergänze ich meine Fotos mit etwas, was Falin 1997 zu Russland geschrieben hat. Denn das betrifft überhaupt nicht nur sein Land ...

"Da die Politik gegenüber der Wirtschaft weiterhin absolute Priorität genoss, lief die Perestroika letzten Endes darauf hinaus, in der Wohnung die Möbel zu rücken, Personalien und Akzente zu wechseln. Die Zeit behandelte man so, als habe man ein ganzes zweites Leben auf Vorrat. Manche verlorene Stunde ist aber auch in Jahren nicht aufzuholen. Was gestern eine Erkrankung war, ist heute bereits ein Leiden, das morgen zu Invalidität oder Tod führen kann. Es bildet sich eine kritische Masse, die dann wie ein Erdrutsch auch bei enormer Anstrengung kaum noch aufzuhalten ist.
Die Ideologie des Stalinismus hatte sich überlebt. Um eine neue hatte man sich nicht gekümmert. Der gesamte ideologische Raum zerfiel. Die berüchtigten hundert Blumen erblühten. Aus den Blüten wurden grüne Früchte. In den nationalen Quartieren gingen eigene Lichter an. Trotz des außerordentlich hohen Integrationsgrades von 84 Prozent krachte das wirtschaftliche Korsett in allen Nähten. Der zerfall der Wirtschaft führte unaufhaltsam zum Zerfall einer Großmacht mit jahrhundertelanger Geschichte.
Russland ist heute ins 17. Jahrhundert zurückgeworfen. Die Wissenschaft ist im Niedergang. Die Schule verfällt. Die Kultur versinkt im Dunkel. Für den Einzelnen heißt es nur noch: Rette sich, wer kann. Am besten gelingt das Menschen ohne Gewissen und Moral.
Das 20. Jahrhundert wird sich von früheren Epochen auch dadurch unterscheiden, das die apokalyptischen Legenden und Prophezeiungen des Altertums in greifbare Nähe gerückt sind. Die Menschheit hat es heute in der Hand, den atomaren Winter ausbrechen zu lassen oder das Höllenfeuer zu entfachen, auf Bestellung das Klima des Mars oder des Merkur auf die Erde zu holen. Unserem Planeten den Sauerstoff abzudrehen, ihm den Ozonschild oder das Trinkwasser zu nehmen ist kein Problem mehr. Daran arbeiten die Menschen seit langem und nicht ohne Erfolg.
[...]
Wir wollen aber allem Missgeschick zum Trotz nicht in Fatalismus verfallen. Noch existieren Himmel und Erde. Könnte man doch das Licht vom Dunkel trennen, dem Menschen eine lebendige Seele einhauchen und in seinem Herzen das Feuer der Hoffnung entfachen!"
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4 Kommentare
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Wolfgang Erler aus Sandersdorf-Brehna | 08.11.2015 | 20:35   Melden
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Ralf Springer aus Aschersleben | 08.11.2015 | 20:59   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 09.11.2015 | 14:38   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 11.11.2015 | 11:06   Melden
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