Sechs Wochen Finnland 1961

Familie Toivanen und ihr Gast
 
Halle (Saale) 1960 -Verabschiedung der finnischen Studenten
 
Fährbahnhof Saßnitz 07.61
Anfang war die Begegnung 1960 mit Aarne in der Evangelischen Studentengemeinde
in Halle (Saale), die beginnende Korrespondenz mit der Einladung zum Finnlandbesuch und der Besuch in Finnland vom 25.7 – 3.9.1961.

„Willkommen in Finnland!“ – Diese Einladung in einem Brief meines Freundes im Januar 1961 war der erste Schritt auf dem Weg nach Finnland. Natürlich ließ ich mir so etwas nicht zweimal sagen. Schon im Februar gab ich den Antrag auf ein Ausreisevisum ab, versehen mit Lichtbildern, Begründung, Befürwortungen usw. Und es waren kaum 5 Wochen vergangen, da hielt ich schon erstaunt, doch froh den Reisepass mit dem Visum in meinen Händen.

Alle übrigen Formalitäten nahm mir das Reisebüro ab.
Die Fahrkarte für Hin- und Rückfahrt durfte ich mit unserem Geld bezahlen.
Außerdem konnte ich 13,15 DM in 1000 Finnmark umtauschen. (Damit kann man allerdings nicht allzu viel anfangen. Soviel bezahlt man z. B. für ein Buch.)

Der weiteren Vorbereitung der Reise diente die Lektüre einiger Bücher über das Land und die finnischen Menschen, z.B. von A.O. Schwede. Auch waren in der Bibliothek und in Buchhandlungen Werke finnischer Dichter in deutscher Übersetzung zu haben. Zum Erlernen der finnischen Sprache, für uns sehr schwer, reichten weder Zeit noch Energie aus.

Am 25.7.1961 (Aarnes 25. Geburtstag!) war es soweit! In Berlin-Ostbahnhof bestieg ich den Saßnitz-Express. Damit war ich praktisch im Ausland, wenn auch die Pass-Kontrolle erst später stattfand. Denn für den Verkehr innerhalb der DDR ist dieser Zug gesperrt, und die wenigen deutsch sprechenden Menschen im Zug waren wohl alle aus dem Westen unseres Vaterlandes.
Auf der „Saßnitz“, die den Zug in etwa 4 Stunden von Saßnitz nach Trelleborg brachte, gab es nicht wenige DDR-Bürger. Mir wurde allerdings nicht bekannt, dass einer von ihnen wie ich mit dem Zug die Reise nach Malmö fortsetzte. Dort musste ich umsteigen. Denn nur der Schlafwagen des Zuges aus Berlin fuhr nach Stockholm weiter.Der Zug war morgens in der schwedischen Hauptstadt. Eine solche Nacht ist etwas anstrengend, auch wenn die Sitzplätze recht bequem sind, und ich sogar ein paar Stunden geschlafen hatte. Bald nach der Ankunft war ich schon unterwegs, um bis zur Abfahrt des Schiffes am Abend möglichst viel von dem „Venedig des Nordens“ zu sehen. Unter anderem war ich im Skansen.

An einem Schalter im Hafen bekam man das Schiffsbillet. Ich hatte einen Decksplatz, der aus einem Liegestuhl in einem halb offenen Raum auf Deck bestand. Der ist nachts zum Schlafen zu kühl, wenn man keine Decken besitzt. Aber die Zeit wird auch ohne Schlaf nicht lang, denn es gibt ständig was zu hören und zu sehen. Sogar russisch hätte ich mich unterhalten können. Am frühen Vormittag des nächsten Tages war die Überfahrt in Turku zu Ende.

Nach der Zollkontrolle betrat ich zum ersten Mal finnischen Boden. Meinen Reisepass hatte ich nur einmal bei der Einreise nach Schweden benötigt. Unvorstellbar für mich war, dass ich meinen Pass in Finnland überhaupt nicht brauche. In den ersten 3 Wochen meiner Reise habe ich nicht einmal einen Polizisten gesehen. Auch an- und abzumelden brauchte ich mich nicht.

Vom Hafen Turku kommt man mit dem Zug direkt nach Helsinki. Aber nicht Helsinki, sondern Alaluosta in Mittelfinnland war mein Reiseziel. Nach den ersten Besichtigungen der Stadt und einem erholsamen Schlaf in Aarnes Studentenheim setzte ich die Reise im Zug bis Kuopio fort, und ich bekam unterwegs einen ersten Eindruck von der Größe des Landes.
Die restlichen ca. 100 Kilometer legten Aarne und ich nach einer weiteren Übernachtung gemeinsam im Bus zurück. So war ich am 4. Tag meiner Reise endlich am Ziel: das Elternhaus meines Freundes in Alaluosta .

Die Mutter meines Freundes, eine einfache Bauersfrau, hieß mich willkommen. Leider konnte ich jetzt und später fast nichts verstehen, doch trotzdem merkte ich, dass man es sehr gut mit mir meint. Am Abend betrat ich zum ersten Mal das „Heiligtum“ einer finnischen Familie, die Sauna. Sie hat mich nicht enttäuscht. Sowohl sie wie auch die anderen Gebäude sind zum größten Teil aus Holz. Das ist der Reichtum Finnlands.Davon gibt es im „Kanada Europas“ wohl auch genügend.

Im Wohnhaus fielen mir geschmackvolle Möbel, Lampen usw. auf. Besonders schön fand ich, dass es überall viele Blumen gibt. Auch der Schaukelstuhl, den ich dann noch sehr oft gesehen habe, fehlte nicht. Natürlich hat man jetzt elektrisches Licht und die Wasserleitung im Haus.
Die 18 ha Land werden mit einem Traktor bearbeitet. Daneben hat der Bauer noch eine Stute und 2 Fohlen. Die 7 Kühe werden elektrisch gemolken. Zwei Bauern des Dorfes haben einen Mähdrescher, mit dem sie auch den anderen helfen. Dazu gehören 2 Trockenanlagen.
Das Dorf liegt im Wald. Es ist dort sehr ruhig, also für Ferien wie geschaffen. Im Wald gibt es viele Beeren und Pilze, im nahen See Fische. Gastwirtschaft und Kino Fernseher gibt es nicht im kleinen Dorf. Aber eine eigene Schule ist da, für die 2 Lehrer angestellt sind. Im Allgemeinen sind die Familien kinderreich. Mein Freund hat 6 Geschwister. Das ist nicht die Ausnahme!
Zwei Landkaufläden versorgen die Bevölkerung mit den notwendigen Dingen. Beiden sind Tankstellen angeschlossen, einer auch die Post.
Die nächste Kirche gibt es in 9 km Entfernung. Das eigentliche Kirchdorf des Sprengels ist jedoch 30 km entfernt. Daher geht bzw. fährt man auch nicht jeden Sonntag zur Kirche, sondern hört Andachten und die Übertragung von Gottesdiensten im Radio. Eine dort sehr übliche Form kirchlichen Lebens ist die Seura, eine Andachtsstunde. Dazu lädt irgendjemand Bekannte und Verwandte ein. Anlass sind z.B. Geburtstage, Taufen, Gedenktage o. ä. Sprechen kann bei dieser Gelegenheit nicht nur der Pfarrer oder ein Laienprediger, sondern jeder, der es will. Zwischen den Reden und Gebeten wird viel gesungen. Oft kommen so viele Menschen jeden Alters zusammen. Von den Gastgebern werden sie freundlich empfangen und bewirtet.

Mit Baden, Sammeln von Beeren und Pilzen, Angeln, Gesprächen, „kleinen“ Reisen, Besuchen bei Freunden und Bekannten meines Freundes vergingen die Wochen wie im Flug. Manche Einladung musste sogar ausgeschlagen werden.

Für eine Woche fuhr ich auf Einladung des Finnischen Christlichen Studentenbundes zu einer Konferenz in die Nähe von Helsinki, ermöglicht durch großzügige Unterstützung von Familie Toivanen.

In der letzten Woche konnte ich noch einige Tage mit Aarne in der finnischen Hauptstadt verbringen. Helsinki ist die größte und weitaus bedeutendste Stadt des Landes. Sie ist durchaus eine Weltstadt. In den großen Buchhandlungen gibt es ausländische Abteilungen. Jede größere ausländische Zeitung kann man kaufen, auch das „Neue Deutschland“. Fern von Zuhause war ich immer recht gut informiert, natürlich auch über die Ereignisse des 13. August. Auf den Straßen sind alle bekannten Autotypen vertreten, darunter erstaunlich viele Wartburgs und Trabbis aus der DDR. Nicht selten hörte man jemand deutsch sprechen. Fast alle Deutschen, die mir begegnet sind, waren aber Westdeutsche. Überraschend stieß ich auf das DDR-Kulturzentrum.
Am Abend des vorletzten Tages konnte ich noch eine Vorstellung in der finnischen Oper besuchen. Bevor am nächsten Tag, einem Sonntag, am Nachmittag die Rückreise begann, waren wir ebenso gemeinsam im Gottesdienst in der Kirche der deutschen Gemeinde in Helsinki.

Die Rückfahrt erfolgte auf demselben Wege wie die Hinfahrt.
Nach 6 Wochen endete für mich ein ganz besonderes Erlebnis, das nicht ohne Folgen blieb, da mir in Saßnitz einiges weg genommen wurde. Das meiste bekam ich zwar nach meinem Protest zurück. Aber nach Finnland durfte ich bis zur Wende nicht noch einmal fahren.
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6 Kommentare
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 23.08.2014 | 07:41   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 23.08.2014 | 14:33   Melden
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Ellen Röder aus Alsleben (Saale) | 23.08.2014 | 14:54   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 23.08.2014 | 15:28   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 24.08.2014 | 13:05   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 24.08.2014 | 14:53   Melden
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