Franziskus ist sein eigener Reformator.

Nächstenliebe, immer noch eine revolutionäre Idee.
Tut uns leid, aber wir müssen den Papst noch mal feiern. Das Jahr endet, wie es begann, und dieser kleine, altmodische Typ im weißen Kleid, der sich weiterhin weigert, in seinen römischen Palast zu ziehen, so wie er sich überhaupt weigert, gewisse Regeln anzuerkennen,, ist der echte Popstar an der Religionsfront. Front ist das passende Wort, weil die Glaubenskonflikte der Welt momentan eskalieren. Unser Frontmann aber, Franziskus, der Friedfertige, politischer Pontifex, Jesuit mit Bischofsmacht, dieser sanfte Soldat Gottes und Chef aller Katholiken, hat uns zu Weihnachten wieder mit einer originellen Botschaft entzückt.

Bevor wir sie zitieren, aber noch ein ökumenisches Wort in eigener Sache: Liebe Protestanten, bitte nehmt es uns nicht übel, wir wissen ja, viele von Euch sind über die mediale Omnipräsenz des Papstes entzürnt und fragen uns regelmäßig, wann wir verdammten Papisten in der ZEIT endlich wieder mal eine antiklerikale Polemik drucken. Luther hat mit seinen Attacken gegen den römischen Papstesel" ja schon vor 500 Jahren vorgemacht, wie das geht. Es ist nur eben so, dass dieser Papst derzeit der größte Antiklerikale ist, also ein Kritiker seiner Kirche als Herrschaftsform, egal, ob geistig oder politisch. In seiner Weihnachtsansprache an die Kurie hat Franziskus noch eins draufgesetzt und den leitenden Geistlichen am Heiligen Stuhl die Herrschaftlichkeit um die Ohren gehauen.

"Ich möchte einige kuriale Krankheiten benennen", sagte Franziskus, und wer ein laues Weihnachtslob erhofft hatte, der hörte nun schockiert die Aufzählung von sage und schreibe fünfzehn "möglichen" Schwächen. Die Botschaft war klar: Will diese Kirche überleben, muss sie sich erneuern, und das fängt im Vatikan an. Dann folgte der Katalog der Kardinalsuntugenden Punkt für Punkt, darunter "Rivalität und Ruhmsucht", "geistige Versteinerung", "Terror des Geschwätzes" und die schon jetzt legendäre Schwäche "spirituelles Alzheimer".

Zuerst aber nannte er "die Krankheit, sich für unsterblich, unangreifbar oder unersetzlich zu halten" - da war gleich die Hauptsünde und der Ton vorgegeben. Tacheles! Klartext! Es war, als hätte dieser Papst beschlossen, nach 2000 Jahren langatmiger Gleichnisse, ornamentaler Predigten, verklausulierter Theologie, höfischer Rücksichtnahmen und nicht zuletzt vatikanischer Diplomatie seine Mannschaft einfach mal mit der Wahrheit zu schockieren. Welcher Chef tut das schon? Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind ja nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Politik, ja überhaupt in der so modernen Gesellschaft in Verruf geraten. Sie gelten als pathetisch, wer sich auf sie beruft, wird als Moralapostel verlacht.

Der Papst hat keine Angst, als uncool zu gelten. Er verteidigt die christliche Moral (auch gegen übertriebene innerkirchliche Strafmoral), widersetzt sich der Unsitte des schnellen Vorurteils. Wie sonst könnte er glaubhaft den Frieden in Nahost, in Syrien, im Irak predigen? Und wenn er sagt, dass "gewisse "Krankheiten und Versuchungen" eine Gefahr für jeden Christen seien, also auch für ihn selbst, dann etabliert er die Tugend der öffentlichen Selbstreflexion. Das wiederum ist cool.

Man stelle sich vor, die Bosse dieser Welt machten es auch so: Wahrheit als Führungsprinzip. Mitarbeitermotivation nach den fünfzehn franziskanischen Regeln eines knallhart ehrlichen, smarten und menschenfreundlichen Führens. Da würde es ungemütlich, mindestens das. Und auch im Falle von Franziskus ist noch nicht ganz klar, ob er damit durchkommt oder ob das klerikale Establishment seine Revolution zu stoppen vermag. Denn manche haben etwas zu verlieren im Vatikan: Zuletzt erregte der ehemals mächtige Mann der Kurie, der geschasste Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, den Zorn des Papstes, indem er sich eine pompöse neue Wohnung einrichten ließ, das vollkommenen Gegenmodell zur Lebensführung des neuen Chefs.

Nein, der ist kein lebensfeindlicher katholischer Puritaner. Aber er kommt nun einmal aus Argentinien, er kennt die Slums, also die Realität - die er als Christ nicht hinnehmen kann. Für ihn ist die Kirche keine Partei und kein Unternehmen, sondern diejenige Instanz, die auf der Nächstenliebe beharren muss. Nächstenliebe, immer noch eine revolutionäre Idee!

von Evelyn Finger in "Die Zeit", 30.12.2014
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3 Kommentare
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 31.12.2014 | 07:29   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 31.12.2014 | 08:46   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 01.01.2015 | 09:24   Melden
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