Mein großes Ferienerlebnis 1955

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meine Vettern Dieter und Hartmut
Die Fahrt in den Westen unseres deutschen Vaterlandes

Nachdem ich durch das Verziehen von 6 Morgen Rüben und das Hacken von 1 Morgen Rüben 130 Mark verdient hatte und am 14.7.1955 in Wanzleben den Paß bekam, stand der Reise nichts mehr im Wege.

16. und 17.7.55
Nun war der große Tag der Abreise da. Die Koffer waren gepackt. Morgens war ich noch in Eilsleben, um mich von meinem Freund Horst R. zu verabschieden, der am gleichen Tag abreiste.
Mit dem dreiviertel-9-Uhr-Zug fuhren wir (Mutter und ich) nach Magdeburg, wo wir uns zu einer kurzen Ruhepause in dem Wartesaal niederließen. Kurz nach halb zwölf stiegen wir in den schon besetzten, von Leipzig kommenden Zug. Bis Oebisfelde
mußten wir erst einmal stehen. Hier verließen wir den Zug und begaben uns zur Kontrolle. Nach der Paßkontrolle stiegen wir wieder ein. Wir mußten wieder stehen. Als der Zug wieder hielt, waren wir in Wolfsburg und damit in der Bundesrepublik
Deutschland. Zwei Beamte schoben sich durch den noch immer vollen Zug und sahen die Pässe an.
In Hannover stiegen wir in den Schnellzug nach Frankfurt um. Wir waren schon müde. Von der Landschaft, durch die wir fuhren, sahen wir kaum etwas, da es sehr neblig war. Wir fuhren hauptsächlich durch bergiges Land, das mit Wald bestanden war. In Frankfurt hatten wir 3 Stunden Aufenthalt und fuhren dann mit einem D-Zug nach Kaiserslautern, unserem ersten Reiseziel. Hinter Bad Kreuznach kamen wir erst richtig in das Pfälzer Bergland hinein. Nun umgaben die Bahnlinie meistens an beiden Seiten hohe Berge, die mit Wald bestanden oder mit Wein bepflanzt waren.
Was für die ganze Pfalz charakteristisch ist, nämlich die vielen Burgen, fiel uns gleich an diesem Vormittag auf. Auf den Weiden war sowohl schwarz- als auch rotbuntes Vieh zu sehen.
Mittags waren wir in Kaiserslautern. Wir wurden vom Bahnhof abgeholt und saßen bald zum Mittagessen zusammen. Nach dem Essen war alle Müdigkeit verschwunden. Meine Vettern luden mich zu einem Spaziergang ein, und ich stimmte gerne zu. Unser Ziel war die amerikanische Siedlung Vogelweh, zu der wir mit dem O-Bus hinausfuhren. An der Endhaltestelle des Busses stiegen wir aus und standen sogleich vor der Kleeblattkreuzung. Sie wurde von amerikanischen Pionieren erbaut und war ein Bauwerk. das mich in Erstaunen versetzte. Ich habe noch nie so etwas gesehen. Die eigentliche Siedlung sah ganz anders aus, als ich erwartet hatte. Ich stellte mir ein abgeschlossenes Gebilde vor. Doch diese Siedlung war genau das Gegenteil von meinen Vermutungen. Die Wohnblocks ziehen sich an mehreren Straßen hin. Sie sind von Spielplätzen, Parkplätzen, Clubs und Kirchen unterbrochen. Die einzelnen Wohnblocks sind nach den Staaten benannt. Auf den Parkplätzen sind alle Autotypen vertreten, die man sich nur denken kann: von den kleinen italienischen Rennern bis zu den schweren Straßenkreuzern. Auf einem der Spielplätze für Erwachsene sahen wir dem Base-Ball-Training zu. In der Siedlung sieht man sowohl Weiße als auch Schwarze. Vergessen habe ich noch ein Krankenhaus. Nachdem wir ein Bier getrunken hatten, machten wir uns auf den Nachhauseweg.
Nach dem Abendessen gingen wir nochmal in die Stadt. Die Straßen sind ein einziges Lichtermeer und der starke Verkehr läßt auch abends wenig nach. Müde und glücklich legten wir uns am ersten Abend in Kaiserslautern nieder.

18.7.1955
Am Vormittag besahen wir etwas die Stadt bei Tageslicht, als wir zur Sparkasse und zur Post gingen. Kaiserslautern ist eine saubere Stadt, die auch etwas vom Krieg abbekommen hat. Man hat heute schon sehr viel aufgebaut, so daß von den Trümmern fast nichts mehr zu sehen isr. Nach den Mittagessen gingen wir baden. Die Badeanstalt "Waschmühle" ist in einem der Täler des Berglandes in der Nähe von Kaiserslautern errichtet. In diesen Tälern findet man in der Pfalz viele Weiher. So ist es auch bei Kaiserslautern. Früher war auch diese Badeanstalt ein Weiher. Heute ist dort eine feine Badeanstalt. In der Mitte sind mehrere Becken. An der Westseite ist ein Sprungturm, max. 10 m, und einige Sprungbretter. An der West- und Ostseite befinden sich die Umkleideräume und Zellen. Nach Süden und Westen schließen sich an die Becken Liegewiesen und Spielplätze an.
Zum Kaffeetrinken waren wir wieder zu Hause. Dann sah ich mir den Bücherschrank meines Cousins an, aus dessen Inhalt holte ich mir was, wenn ich mal nichts zu tun hatte.

19.7.55
Heute Vormittag fuhren wir an das andere Ende der Ost-West-Achse, zur Panzerkaserne. Hier ist ebenfalls eine Siedlung der US-Armee. Hier befinden sich weniger Wohnblocks als Plätze, auf denen alle möglichen Ausrüstungen wie Autos, Anhänger, Tankstellen usw. Außerdem stehen hier noch Kasernen, und es befindet sich dort der Stab. Diese Siedlung wird durch einen Schienenstrang mit den Gleisen der DB verbunden. Von hier aus fuhren wir in den Wald und aßen Beeren. Dann ging es bald wieder zurück. Abends waren wir im Kino. Wir sahen uns den Rennfahrerfilm "Der Favorit" an. Es war der erste Sinemascop-Film, den ich gesehen habe. Er hat mir sehr gefallen. Vor dem Hauptfilm sahen wir noch eine "Neue deutsche Wochenschau" und einen Kurzfilm über den amerikanischen Präsidenten Eisenhower.

20.7.55
Heute fuhren wir über Hochspeyer nach Frankenstein. Hier sahen wir die Burgruine Frankenstein an, die auf einem Felsen hoch über der Stadt erbaut wurde und einen Ausblick über die Stadt bietet. Wir sahen uns die Ruine von innen und außen an. Ich fand einen Hirschkäfer, den wir mitnahmen und einen Stachelbeerbusch mit reifen Beeren, die wir zu unserem Frühstücksbrot aufaßen. Auf dem gleichen Weg fuhren wir wieder nach Hause.

21.7.55
Heute half ich vormittags und nachmittags bis zum Kaffeetrinken in der Fleischerei.

22.7.14
Ich half wieder in der Fleischerei.

23.7.55
Nach dem Frühstück machten wir uns zu einer Radtour fertig. Unser Ziel war die Burg Falkenstein. Bei Senbach sahen wir einen großen Flugplatz, auf dem viele Maschinen standen. Um 12 Uhr hatten wir die Ruine besichtigt und untersucht. Wir fuhren weiter nach Rochenhausen und besichtigten die Stadt. Dann ging es über Lauterer nach Kaiserslautern zurück, wo wir gegen Abend müde ankamen. Wir hatten aber ein neues Stück des Pfälzer Landes kennengelernt und hatten fast 100 km zurück gelegt. Nach dem Essen gingen wir ins Kino. Wir sahen den Film "Piraten an Bord", der von dem Kampf der Wassergeusen gegen Spanien handelt. Außerdem wurde eine "Tönende Wochenschau" und ein Kulturfilm vom Leben eines Rennpferdes gezeigt.

24.7.55
Heute fuhr ich mit meinem großen Cousin aus. Dies konnten wir, weil er weniger Arbeit hatte. Es war Sonntag. Wir fuhren nach
dem Freibad Gelterswoog. Dies ist ein kleiner See, der in einem Tal 6 km von Kaiserslautern entfernt liegt. Das Wasser war warm. Und wir mieteten ein Boot. Ein paar mal badeten wir. Als wir nach Hause kamen, trafen wir noch ein paar Jungen aus unserer Verwandtschaft. Sie waren mit dem Fahrrad bis Paris gewesen und konnten viel erzählen. Gespannt lauschten wir ihren Erzählungen über Frankreich und die vielgepriesene Hauptstadt des Landes.

25.7,55
Wir gingen gemeinsam baden. In der Badeanstalt sah ich den ersten Hubschrauber.

26.7.55
Heute habe ich den ganzen Tag gelesen.

27.7.55
Heute habe ich nur gelesen.

28.7,55
Am Nachmittag sah ich mich in der Stadt näher um. Nach den Kaffeetrinken ging ich mit einem Vetter Dieter in die Stadt. Wir besuchten das Amerikahaus. Dies ist eine Einrichtung, die in vielen Städten besteht. Hier kann man Bücher, Zeitschriften und Zeitungen lesen. Wir sahen uns einiges an. Leider konnten wir fast nichts lesen. Die Bilder waren zum größten Teil interessant und der Inhalt modern.

29.7.55
Mit meinem jüngeren Cousin war ich baden.

30.7.55
Heute las ich nur.

31.7.55
Es war wieder Sonntag. Ich ging mit Dieter zur Kirche. Abends sahen wir uns "Die Fahrten des Odysseus" an. Der Film ist hach dem Epos von Homer gedreht. Im Beiprogramm sahen wir eine "Neue deutsche Wochenschau".

1.8.55
Vormittags war ich in der Stadt.

2.8.55
Ich habe nur gelesen.

3.8.55
Nach dem Frühstück fuhr ich mit meinem jüngeren Cousin nach Waldfischbach, wo ich einen Gruß zu bestellen hatte. Wir hielten uns nicht lange auf, sondern fuhren bald nach Pirmasens weiter. Bevor wir in die Stadt kamen, aßen wir uns an Himbeeren satt. Das erste, was wir von Pirmasens sahen, waren Kasernen. Dann kamen wir in die Schulstadt hinein. Der Verkehr dort erschien mir fast noch größer als der in Kaiserslautern. Die Stadt ist nicht zerstört worden. Wir stellten unsere Räder ab und besahen zu Fuß die Stadt. Nachmittags holten wir unsere Fahrräder und fuhren bald nach Hause. In Schopp überraschte uns ein Gewitter,
welches uns zwang, uns unterzustellen. Dann kamen wir nach Hause und hatten ungefähr eine Strecke von 80 km zurückgelegt.

4.8.55
Nur gelesen.

5.8.55
Ich machte eine Radpartie durch die Stadt. Dabei konnte ich feststellen, wie anstrengend das ist.

6.8.55
Mit meinem Cousin Harmut fuhr ich per Fahrrad zum Friedhof und wir besuchten das Grab meiner Oma. Von dort fuhren wir weiter und besahen das Stadion des 1. FC Kaiserslautern. Vom Bremerhof, einem Ausflugsort außerhalb der Stadt, fuhren wir wieder nach
Hause.

7.8.55
Vormittags sahen wir den Wildwestfilm "Herr des Wilden Westens" und eine "Neue deutsche Wochenschau".
Nachmittags ging ich mit meinem großen Cousin spazieren. Wir besuchten den Ausflugsort Beichhammer, der an einem großen Weiher liegt. Auf diesem Weiher waren sehr viele Seerosen. Der Weiher dient der Fischzucht. Durch den Wald und die neue Siedlung "Pfeifertälchen" kehrten wir in die Stadt zurück. Abends holte ich unsere Fahrkarten.


8.8.55
Wir standen etwas früher auf und machten uns fertig. Um 7 Uhr fuhr unser Zug. Wir fuhren in einem Kurswagen über Bingerbrück nach Köln Vor Bingerbrück kamen wir an den Rhein heran. Uns bot sich ein wunderbares Bild. Wir sahen das Niederwalddenkmal, einige Schlösser und Türme, die auch auf der weiteren Fahrt den Rhein abwärts bis Koblenz nicht aufhörten. Ebenfalls die Weinterrassen waren freundlich anzusehen. Viele Schiffe fuhren den Rhein auf- und abwärts. Was uns noch auffiel, waren viele Zeltplätze längs des Rheins.
In Köln stiegen wir in den Persönenzug nach Mönchen-Gladbach um, den wir in Jüchen wieder verließen. Wir mußten noch 3 km laufen und waren um 2 Uhr mittags am Ziel (in Kelzenberg). Abends ich mit einer der beiden Tanten noch etwas im Dorf
spazieren gegangen.

9.8.55
Nachmittags ging ich mit meiner Tante spazieren. Wir sahen uns die Felder der Umgebung an. Hier im Rheinland werden ähnliche Früchte angebaut wie in der Börde. Besonders fällt mir der viele Weißkohl auf.

10.8.55
Nachmittags war ich in Jüchen zum Friseur. Radiohören und Lesen bildeten in der feien Zeit meine Hauptbeschäftigung.

11.8.55
Heute baute ich meinen Tanten einen Verschlag für die Feuerung.

12.8.55
Ich schlug ein Loch in die Wand, um den Ofen versetzen zu können.

13.8.55
Heute war ich in Jüchen.

14.8.55
Ich machte mit meiner Tante einen Spaziergang durch mehrere Dörfer. Besonders fallen hier einzelne große Höfe auf.

15.8.55
Heute ging ich das erste Mal arbeiten. Ich half Blumenkohl zu hacken. Arbeitszeit 8 bis halb 12,1 bis halb sechs.

16,8.55
Heute arbeitete ich von 9 - 12, von 2 - halb 4, von halb 5 - 8in der Gärtnerei.

17.8.55
gearbeitet von 8 - 12, halb 3 - halb 5, 5 - halb 8 (heute vor 59 Jahren!)
Ich erhielt das erste Mal eine Lohnzahlung und bekam 17, 80 DM.

18.8.55
gearbeitet auf dem Friedhof 8 - 12, 1 - halb 8

19.8.55
gearbeitet 8 - 12, 1 - halb 8, 14,50DM erhalten
.
20.8.55
Heute war ich in Jüchen.

21.8.55
Ich hörte die Übertragung des Fußballspiels Deutschland - UdSSR und sah eine Fernsehübertragung von den deutschen Schwimm-Meisterschaften in Lemgo.

22.8.55
Heute war ich in der Badeanstalt in Jüchen.

23.8.55
Heute habe ich gelesen

24.8.55
wie vor

25.8.55
Vormittags waren wir in Jüchen und erhielten den Gutschein für die Fahrkarte. Dann fuhren wir mit dem Bus nach Odenkirchen, wo wir für mich ein Paar Schuhe kauften. Von Odenkrichen nach Rheydt fuhren wir mit der Straßenbahn. Dort kaufte ich mir u, a. mein Fahrtenmesser. Mit dem Bus fuhren wir nach Hause.

26.8.55
In Jüchen holte ich die Fahrkarten.

27.8.55
Wir fuhren mit dem Personenzug von Jüchen bis Grevenbroich und stiegen hier in den Eilzug um, der uns nach Köln brachte. Von
Köln fuhren wir mit dem D-Zug über Düsseldorf - Hannover - Helmstedt bis Marienborn. Hier mußten wir aussteigen und durch die
Kontrolle Mit dem Personenzug kamen wir gerade noch mit und waren abends um 6 Uhr zu Hause.
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4 Kommentare
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 17.08.2014 | 20:50   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 17.08.2014 | 22:29   Melden
6.352
Bernd Müller aus Halle (Saale) | 24.08.2014 | 17:06   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 24.08.2014 | 22:25   Melden
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