Sibirien - Portrait eines Landes

Wann? 18.05.2015 14:00 Uhr

Wo? Frauenzentrum, Törtener Str. 44, 06842 Dessau-Roßlau DE
Dessau-Roßlau: Frauenzentrum | Thema an diesem Tag:
"Mein Sibirien"
Eindrücke über Land, Natur und Menschen und Traditionen werden vom Radwanderer:
Christian Schumann vermittelt.

Im Anschluss berichten russische Zuwanderinnen über ihr Leben in Dessau- Roßlau.

Ich habe dazu in meinen Bücherregalen geschaut und folgende Werke entdeckt:

Klagelied der polnischen Verbannten in Sibirien

Aus den Hütten, die der Schnee bestiebte,
Sammelt euch um dieses Feur, Geliebte!
Laßt in freien Worten Trost uns suchen,
Unsern Würger im Gesang verfluchen.

Wölfe bloß bevölkern hier der Öde
Weiten Raum, den uns bestimmt der Schnöde:
Hat Natur sogar mit ihm im Bunde
Starr bezaubert diese große Runde?

Hat sie solche Wüsten einst erschaffen,
Um der Freiheit Kinder hinzuraffen?
Hat sie ihm zu Lieb dies Eis verdichtet,
Diesen Schnee zu solchen Höhn geschichtet?

Unser König, denn so möcht er heißen,
Läßt von wilden Tieren uns zerreißen!
Und warum? so fragt die Welt beleidigt:
Weil wir unser Vaterland verteidigt!

Hört und staunt, Europas Volksgemeinden!
Unser König wohnt bei unsern Feinden!
Erst des eignen heiligen Schwurs Verächter,
Schickt er endlich alle seine Schlächter!

Kranz des Ruhms, von Vätern einst erworben,
Bist du wirklich völlig abgestorben?
Baum der Freiheit, den wir einst begossen,
Wirst du nie mehr aus der Erde sprossen?

Waren nicht auch wir ein Volk wie eines?
Sind wir würdig schon des Leichensteines?
Darf der Unhold unsres Namens spotten,
Darf er's wagen, selbst uns auszurotten?

Möcht er uns des irdischen Guts berauben,
Wenn er feindlich nur sich nicht dem Glauben,
Der ans Vaterland sich schließt, erwiese!
Welche Tränen sind gerecht wie diese?

Schuldbewußt verdammt der Überwinder
Selbst die junge Wißbegier der Kinder;
Daß sie nicht im Ehedem sich spiegeln,
Läßt er selbst der Bücher Schatz versiegeln!

Doch umsonst! Welch Volk wir einst gewesen,
Wird der Sohn im Blick des Vaters lesen;
Ja, das Kind, entwachsen edlem Stamme,
Saugt sich Freiheit aus der Milch der Amme.

Ja, zum Himmel steigen unsre Klagen;
Fern hinab durch alle Zeit sie tragen
Werden Dichter einst, durch alle Lande:
Ewig währt, o Wütrich, deine Schande!

Aus der Gruft, in der du uns begraben,
Schwingt der Genius doch sich auf erhaben,
Seine Flügel dehnt er aus gewaltig,
Seine Stimme klingt so silberhaltig!

Diese Worte spricht er zum Despoten:
Bloß dem Leichnam siegst du ob, dem toten,
Während stets der Geist in unserm Volke
Höher strebt als deine Donnerwolke!

Trüge nicht des Menschen Seele Waffen,
Hätte Gott die Welt umsonst erschaffen,
Und der Erdball, über den wir schleichen,
Wär ein Spiel für dich und deinesgleichen!

Zwar Nerone hat es viel gegeben;
Doch sie würgten bloß das einzle Leben;
Völkermörder, aller Scham entblößte,
Gab es wenige, doch du bist der größte!

Magst du denn vernichten und verbannen,
Eure Seelen sind von Stein, Tyrannen!
Aber naht ein Augenblick der Rache,
Dann gedenk an deine Schuld, o Drache!

Was wir ächzten unter deinen Füßen,
Wird der Sohn, es wird's der Enkel büßen!
Mehr als eine Krone wird zerbrechen,
Denn den Himmel kannst du nicht bestechen!

Ein Harmodius wird zuletzt sich finden,
Wird ums blutige Schwert die Myrte winden:
Dann, o dann auf unsere Gräber pflanze
Einen Zweig er aus dem schönsten Kranze!

August von Platen, (7. Januar 1832.)

Sibirien!

Die Raben krächzen heiser in den Lüften,
mordgierig streifen Wölfe durch den Schnee –
fernher ein Klirren wie von Eisenketten –
Sibirien, du Land voll Graun und Weh!

Bang lauscht das Ohr nach einem Laut von Menschen . . .
ah dort – ein langer, endlos langer Zug:
Fußgänger, Reiter, düstre Gramgestalten,
die ein verhängnisvoller Urteilsspruch in Ketten schlug.

Sie wandeln wie gestorben durch die Steppe
mit seltsam starren, hoffnungsleerem Blick,
fern allem Leben ziehn sie trostlos weiter,
verfemt, verbannt! O grauenvoll Geschick!

Ein Klagesang ringt sich von ihren Lippen,
so schaurig schrillt er durch das Schneegefild,
und dann ein Schrei, nach Licht, nach Qualerlösung,
wer stieß ihn aus, so markerschütternd – wild?

Der bleiche Mann, der dort am Wagen schreitet –
in seinen Augen glimmt Despotenhaß:
„Schweig, Boris, schweig!“ Sein junger Weggefährte
Drängt sich an ihn: „O Boris, Boris, laß!“

„ Ich schweigen? Ich? Niemals! Der Tag wird kommen,
da unsre Saat der Freiheit Früchte trägt,
schon sproßt das Grün, habt nur Geduld ihr Brüder,
ich seh die Knospe, die am Baum sich regt!

Es dämmert, Freund! Bald loht die große Flamme
und hitzt das Blei, das unsere Schultern drückt!
Schürt diese Flamme! Sie muß Ketten schmelzen,
das Beil vernichten, das nach uns sich zückt!

Hört meinen Schwur! Auch eurer Schrei soll gellen,
am Don erklingt’s, vom Kreml zum Ural!
Der Block erzittert! Russland, Russland, Russland!
Die Freiheit naht! Zu Ende ist die Qual!

Dumpf klirrt die Kette, Küssen, Weinen, Lachen,
der junge Tag erglänzt im Schneegebreit
wie Blut so rot – o Sonne, Sonne, Sonne! –
und Raben krächzen in der Einsamkeit.

Leon Vandersee
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