80 Jahre Siedlung Steinfurth 2015 - 4. Teil: Der Geburtstag der Siedlung Steinfurth

Siedlung Steinfurth, 29.6.1935, Lehrerhaus
 
Einweihungsfeier Siedlung Steinfurth
 
Einweihungsfeier 1. Bauabschnitt, rechts im Bild Prof. Dr. Curschmann
Am 29. Juni hat sie Geburtstag, die Siedlung Steinfurth, und zwar ihren achtzigsten. Denn am 29. Juni 1935 wurde der 1. Bauabschnitt mit 150 Siedlungshäusern, der Schule und dem Lehrerhaus feierlich eingeweiht.

Über die Einweihung der Siedlung Bobbau - Steinfurth am 29. Juni 1935 hat „Der Feierabend" (die damalige Betriebszeitung, K.) in seiner Augustausgabe 1935 einen
Bericht des Bauleiters W. Dworack veröffentlicht, den ich für besonders geeignet halte, das besondere Ereignis in der Geschichte der Siedlung Steinfurth wiederzugeben und deshalb ungekürzt übernehme (hier wie in meinem Buch, K.).


>ie vorstädtische Kleinsiedlung Bobbau - Steinfurth ist bezugsfertig. Noch bleibt viel Arbeit in der Siedlung zu tun. Eine Anzahl Straßen sind noch zu befestigen, Zäune zu stellen, Erdmassen zu verteilen, Fensterläden anzubringen, Malerarbeiten zu leisten, Sitzplätze zu schaffen, Gärten in Stand zu setzen und noch vieles mehr. Aber die Hauptarbeit ist getan. 150 Siedler haben ihr neues Heim bezogen, und die Schule ist fertig! Die Freude über dieses gelungene Werk sollte in einer schlichten Feier ihren Ausdruck finden. Bisher ist in der Siedlung nur gearbeitet und nie gefeiert worden. Weder der erste Spatenstich noch das Richten der Häuser ist Anlass zu einer Feier gewesen. Man wollte keine Vorschußlorbeeren ernten.

Neuartig war der Gedanke, dass vollbeschäftigte Siedler sich in ihren freien Stunden das eigene Heim bauen. Zweifelnd wartete man ab, ob diese Absicht gelingen
würde. Sie ist geglückt, und nun ist die Stunde der Feier gekommen. Nie ist eine Feier mit mehr Berechtigung begangen worden, und darum sollte sie auch gut vorbereitet werden. Die Straße, die zum Schulplatz führt, der Triftweg und der Schulplatz, wurden vollständig hergerichtet. Alle Häuser an dieser Straße und an diesem Platz wurden restlos fertig gestellt und prangten im Schmuck ihrer abwechslungsreichen Farbgebung, ihrer prächtigen Sitzplätze, ihrer kunstgeschmiedeten Laternen, ihrer schönen Haustüren und ihrer blühenden Vorgärten hinter den schlichtes Waldlattenzäunen.

Der Triftweg ist wohl die reizvollste Straße der Siedlung. Er ist in seiner alten Form erhalten geblieben und wirkt mit seinem tiefer liegenden Fahrdamm, seinen grünen mit Bäumen und Sträuchern geschmückten Böschungen, auf welche die hinter breiten Vorgärten zurücktretenden Häuser herabschauen, als ein prächtiger Dorfanger. Der Triftweg und Schulplatz lassen deutlich die Absicht erkennen, die den geistigen Vätern der Siedlung vorschwebte, Hier ist kein Schema, keine öde Gleichförmigkeit zu erkennen. Jedes Haus ist vom andern verschieden, und jedem Haus ist der Stempel seines Eigentümers aufgedrückt, der seine Sonderwünsche in der Auswahl eines von 6 verschiedenen Typen, in dem Ausbau des Dachgeschosses, in der Gestaltung des Sitzplatzes verwirklichen durfte. Die ordnende Hand des Architekten hat dafür gesorgt, dass diese Vielseitigkeit nicht zur Regellosigkeit wurde. Wie einst das Musterhaus maßgebend für die Ausbildung jedes einzelnen Hauses sein sollte, so sollte der Triftweg und der Schulplatz Beispiel gebend für das Gesamtbild der ganzen Siedlung werden.

Die Vorbereitungen zur Feier zeigten wieder in aller Deutlichkeit die Eigenart der Selbsthilfesiedlung. Es wäre ein Leichtes gewesen, alle diese Arbeiten fertig zu stellen, wenn so viel bezahlte Kräfte. wie nötig, hätten eingestellt werden können. So aber musste auch diese Arbeit zum größten Teil von den Siedlern selbst bewirkt werden. Früh um 4 Uhr regten sich schon die ersten Hände, und erst bei einbrechender Dunkelheit hörte die Arbeit auf. Am Tage vor der Feier, als die Arbeit besonders drängte, brach ein Wolkenbruch über die Siedlung herein und schien die ganze Feier in Frage zu stellen. Aber der Himmel meinte es gut mit den Siedlern. Der Regen hörte auf, die Arbeiten konnten fortgesetzt werden und am Tage der Feier, dem 29. Juni 1935, lachte die Sonne, war der Himmel strahlend blau und das Wetter so prächtig, wie es schöner für die Feier nicht hätte bestellt werden können.

Nun wurden die letzten Vorbereitungen für die Feier getroffen. An allen Straßeneingängen wurden Fahnenmasten aufgestellt, mit Girlanden geschmückt. Der Schulplatz wurde von Fahnenmasten und grünen Bäumen umsäumt und zur Stunde der Feier flatterten die Fahnen des 3. Reiches im Winde und gaben der Siedlung den feierlichen Rahmen.

Die Verwaltung des Gutes Steinfurth, die wohl das beste Stück ihres Landes für die Siedlung hergegeben hat, zeigte ihre Verbundenheit mit der Siedlung. Sie hatte eine Ehrenpforte errichtet, an der die trefflichen Worte zu lesen waren: „Deutscher
Siedler, schätze du das anvertraute Gut und bewirtschafte unseren Boden gut." Mögen die Siedler diesen Spruch beherzigen. Der Gutsverwaltung aber sei gedankt für diese Anteilnahme und auch für die stete Hilfsbereitschaft während der ganzen Bauzeit.

Um 15 Uhr begann die Auffahrt der Gäste. Es war dafür gesorgt, dass die Feier nicht durch zahllose Neugierige gestört wurde. Die Eingänge der Siedlung wurden von der Werksfeuerwehr besetzt, die nur geladene Gäste einließ, von denen zu erwähnen sind: Staatsminister a. D. Rammelt, Dessau, nebst den Herren des anhaltischen Staatsministeriums, Oberregierungs- und Baurat Leist und Baurat Brüdern, Direktor D. Pistor, Direktor Prof. Dr. Curschmann, Direktor van der Bey, Dr. Moschel, Direktor D. Petersen, Direktor Dr. Schöner sowie die Herren aus der Leitung der IG-Werke, die Leiter der örtlichen Parteiinstanzen, der Landrat des
Kreises Dessau - Köthen und Bitterfeld, die Bürgermeister aus Wolfen, Jeßnitz und Bobbau; der Architekt der Siedlung, Regierungsbaumeister a. D. Schaeffer, Heyrothsberge, die Vertrauensräte der IG-Werke, der Schulleiter Engelhard mit seinen Lehrern, ferner die beteiligten Unternehmer und Lieferanten und vor allem die 150 Siedler mit ihren Frauen und Kindern.

Die Feier begann mit dem Choral „Lobe den Herrn", den die Werkskapelle der Farbenfabrik spielte. Danach ergriff Direktor Dr. Pistor das Wort. Er begrüßte die Gäste und dankte allen Förderern der Siedlung; Bobbau – Steinfurth, dem
Reichsarbeitsministerium, dem anhaltischen Staatsministerium und dem leider verhinderten Direktor Dr. Gajewski. Sein besonderer Dank galt den verdienstvollen Förderern der Siedlung Professor Dr. Curschmann und Dr. Moschel. Er dankte den Siedlern, Handwerkern und Unternehmern, dem Architekten der Siedlung, Regierungsbaumeister Schaeffer, Heyrothsberge, nach dessen vortrefflichen Plänen Schule und Siedlung gebaut sind, dem Bauleiter Dipl.-Ing. Dworack und seinen Mitarbeitern, den Vertrauensleuten der Siedler und den Lehr- und Jugendwerkstätten. Er beglückwünschte die Siedler zu ihrem schmucken Heim und der prächtigen Schule und ermahnte die Siedler zur Pflege von Haus und Garten und zur nachbarlichen Gemeinschaft, auf dass die Siedlung Bobbau - Steinfurth Richtung weisend auf dem Gebiet der Siedlung sein und bleiben möge. Danach sprach der Kreispropagandaleiter der NSDAP Lange. Er legte ein Bekenntnis der Bewegung zu dem Gedanken der Siedlung ab, kündigte der Wohnungsnot den Kampf an und ließ seine Worte ausklingen in einem dreifachen Sieg Heil auf den Führer und Reichskanzler. Machtvoll erklangen das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied.Dann ergriff Staatsminister a. D. Rammelt das Wort. Er überbrachte die Gückwünsche des leider verhinderten Ministers Freyberg und dankte der I. G. - Leitung für die Errichtung der Siedlung und Schule. Er erinnerte die Schulleitung an ihre Pflicht bei der Heranbildung der Jugend zum Beruf, zur Volksgemeinschaft und zur Vorbereitung für die bedeutendste Schule des Lebens, die Schule
des Heeres, die uns der Führer wiedergegeben hat. Er wünschte der Anstalt alles Glück und Gottes Segen.

Hell erklang das Lied „Deutschland, Dir mein Vaterland", vorgetragen von der Gesangsgruppe der Farbenfabrik. Darauf folgte ein hübscher Kinderreigen. Nun brachte der Vertrauensmann der Siedler, Wiedelmann, Dank der Siedler in beredten Worten zum Ausdruck. Er dankte dem Führer, der den deutschen Arbeiter wieder mit dem Boden verbinden will. Er dankte der Werksleitung, die diese Absicht des Führers verwirklichen half. Er erinnerte an die harte Arbeit beim Aufbau der Siedlung, aber auch an die Freude der Siedler am neuen Besitz.
Dann übergab Regierungsbaumeister Schaeffer mit eindrucksvollen Worten der Behörde den neuen Schulbau. Er dankte für die Unterstützung, die er für seine Arbeit im anhaltischen Ministerium gefunden hat. Er gab seiner Freude Ausdruck, für eine so einzigartige Gesellschaft, deren Ruhm in der ganzen Welt begründet ist, tätig sein zu dürfen. Er erläuterte kurz die Eigenart des Schulbaues, der nicht protzig aus der Siedlung herausragt, sondern sich schlicht in den Rahmen der Siedlung einfügt. Dann überreichte er den Schlüssel der Schule dem Vertreter der Behörde, dem Staatsminister Rammelt, der den Schlüssel mit Worten des Dankes an Herrn Schulleiter Engelhardt weitergab. Mit einem Bekenntnis des Schulleiters zum neuen Staat fand die Feier ihren Abschluss.

Während die Kapelle flotte Weisen erklingen ließ, wurden Schule, Lehrerwohnhaus und Siedlerwohnhäuser besichtigt. Stolz und dankbar zeigten die Siedler ihr neues Heim. Alles fand volle Anerkennung.

Inzwischen waren die Kinder, die nach Alter und Geschlecht in Gruppen eingeteilt waren, zum Kinderfest im Gasthaus Heinrich abmarschiert. Heller Kinderjubel dankte für alles, was geboten wurde.
Auch die Erwachsenen fanden sich zu einer kleinen Erfrischung im Gasthaus Heinrich ein. Überall herrschte frohe Festtagsstimmung.

Abends um 8 Uhr trafen sich die Siedler mit ihren Frauen, Herren der Werksleitung und Gästen im Gasthaus von Stockmann, Bobbau, zu einem Kameradschaftsabend. Fleischer und Bäcker der Siedlung hatten geliefert, was zu einem kleinen Essen erforderlich war.
Alle lobten die guten Erzeugnisse. Nach dem Essen wurde ein Film gezeigt, der in verschiedenen Abschnitten während der Bauzeit auf der Siedlung aufgenommen war. Heller Jubel ertönte, wenn die bekannten Gesichter der Siedler erschienen. Dieser Film ist ein wertvolles Dokument. (leider waren alle Bemühungen vergeblich, diesen Film in Vorbereitung es 70. Jubiläums zu bekommen, K.)
Danach ergriffen noch einmal Professor Dr. Curschmann, Regierangsbaumeister Schaeffer und Vertrauensrat Wiedelmann das Wort. In Worten, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen, erinnerten die Redner an den Werdegang der Siedlung, an die Mühe und Arbeit, die die Beteiligten beim Aufbau hatten, an die Freude über das gelungene Werk. Ein flotter Tanz beschloss den schönen Abend. In
voller Harmonie endete dieses selten schöne Fest. Die aufgehende Sonne erst sah die letzten Festteilnehmer heimwärts wandern.

Das schöne Fest wird allen Beteiligten in steter dankbarer Erinnerung bleiben. Möge aber auch der Geist, der dieses Fest beherrschte, alle Zeit in der Siedlung lebendig bleiben, auf dass die Siedlung bleibe, was sie ist - ein Beispiel deutschen Fleißes und wahrhaft deutscher Volksgemeinschaft.<


Dvorak hat umfassend und objektiv dargestellt, wie die Einweihungsfeier sich damals abgespielt hat, ob uns das heute passt oder nicht. Zeitgemäß kommt dabei auch das Drum Herum der Hitlerzeit in Deutschland zum Ausdruck, das uns ärgern kann, weil wir damit an noch viel Schlimmeres erinnert werden. Dabei kann uns übel
werden. Aber gerade deswegen darf es doch gerade nicht (länger) verschwiegen werden. Weggesehen haben damals viele Deutsche, weil sie nicht wahrhaben wollten, was alles passiert. Hat aber nicht gerade das mit ermöglicht, dass bis 1945 durch Deutschland Verbrechen begangen wurden, auch in ihrem Namen. Daraus eine Verherrlichung der Hitlerzeit ableiten zu wollen, kann doch wohl nicht ernsthaft versucht werden. Verherrlichen tun leider noch immer Neofaschisten, die sich auf das Herauspicken von Rosinen aus dem faschistischen Kuchen beschränken. Das ist doch etwas anderes, als durch bessere Information dazu beizutragen, uns ein
realistisches Bild unserer Vergangenheit zu machen. (Meine weiteren Bemerkungen zum vorstehenden Bericht in der Fassung schon am 27.3.2005, K.)
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3 Kommentare
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 20.05.2015 | 17:42   Melden
9.029
Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 20.05.2015 | 18:15   Melden
5.911
Annette Funke aus Halle (Saale) | 20.05.2015 | 18:45   Melden
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