80 Jahre Siedlung Steinfurth 2015 - 5. Teil: Ein Paradies (?)

M ´s Haus mit schönem Vorgarten ...
 
... in er Wunderburg (Siedlung Steinfurth, 1. BA)
 
Besuch ist da ...
Am 29. Juni hat sie Geburtstag, die Siedlung Steinfurth, und zwar ihren achtzigsten. Denn am 29. Juni 1935 wurde der 1. Bauabschnitt mit 150 Siedlungshäusern, der Schule und dem Lehrerhaus feierlich eingeweiht.

Zum Glück konnte ich vor 10 Jahren für ein Buch ("70 Jahre Siedlung Steinfurth") auch teilweise auf den Text der Familienchronik meines Schwagers zurückgreifen, in der die Siedlung natürlich eine besondere Rolle spielt.
Das tue ich auch jetzt, denn einer der Abschnitte ist wie folgt überschrieben:


Einzug ins Paradies

Kurz nach meinem zweiten Geburtstag, Ende Juni 1935 also, nahmen die Eltern ihr mit vielen Mühen und Entbehrungen geschaffenes Heim in Besitz, was zunächst nichts anderes hieß als weitere Arbeit, denn „die Erde war wüst und leer." Das Paradies bestand vorläufig noch aus dem Hochgefühl, etwas Eigenes zu haben und darin nach Herzenslust schaffen können, Wachsen und Gedeihen zu erleben und sich sein Leben so einrichten zu dürfen, wie man es wünschte.
Ganz traf das biblische Zitat allerdings nicht zu, denn Vater hatte bereits im Jahr des Baubeginns die Spargelbeete angelegt. Aber im übrigen war der Garten noch nichts weiter als eine umzäunte Brachfläche, auf der sich Melde und Distel die Hand reichten, das sind gewöhnlich die ersten, wenn Ackerland aufgegeben wird.
Im Herbst, spätestens jedoch im nächsten Frühjahr müssen dann schon die vielen Wildlinge, wir hatten nachmals über 100 Obstbäume im Garten, aufgeschult und im anschließenden Sommer veredelt worden sein, denn als ich zu Ostern 1939 eingeschult wurde, waren mir die Bäume schon über den Kopf gewachsen.
Mein Vater hatte bewusst auf die vom Werk gestützte Lieferung von Obstgehölzen verzichtet, da er den damit beauftragten Betrieb nur zu gut kannte. „Was eine anständige Baumschule auf den Brandberg wirft, das sammelt diese Firma....auf und pflanzt es noch, nach dem Mott: „Irgendwas wird schon wachsen". Deshalb zog er sich seine Bäume selbst. Es dauerte dadurch zwar etwas länger, bis wir ernten konnten, aber unsere Früchte waren auch alles erlesene Sorten, und der Segen sollte uns noch sehr gelegen kommen.
Wahrscheinlich etwa gleichzeitig ist auch der Steingarten mit Stauden und Gehölzen in freier Anordnung entstanden, denn Vater war ein Verehrer von Karl Foerster, und nicht viel später der Seerosenteich. Nächst der Veranda wuchs ein Birkenhain empor, die vielgeliebte und nach dem Verschwinden von meiner Mutter viel betrauerte Birkenlaube. Die Vorderfront schlossen drei Hängeweiden, unterstanden von einer Lärche und einer Grautanne, ab.
Das alles waren zu damaliger Zeit Raritäten, und als die Anlage im schönsten Werden begriffen war, standen viele Bewunderer vor unserem Garten. Das musste sich auch herumgesprochen haben, denn als man vom Konzern aus einen Bildband über den Beginn in Steinfurth zusammenstellte, war eine Seite dem Vorgarten des Hauses Wunderburg 39 gewidmet.
Wir bekamen das Foto und die Druckseite erst viele Jahre später durch einen Zufall zu sehen. Eines Tages wird Mutter zur Familie Peisker gerufen, angeblich hätten sie etwas für uns. Ein Verwandter dieser Familie war der Fellhändler Karl Riedel. Der hatte beide Zeitdokumente zwischen Altpapier gefunden, das aus einer ihm nicht mehr feststellbaren Quelle zugeflossen war. Als ich die Bilder sah, konnte ich mich wieder schwach daran erinnern, dass ich mit Mutter und einer Nachbarstochter, Streiflers Inge, hinter dem Teich hockte, weil uns jemand fotografieren wollte. Es ist ganz bestimmt noch vor meiner Schulzeit gewesen, und daraus kann ich schließen, dass spätestens 1938 die Außenanlagen nicht nur fertig waren, sondern schon in kräftigem Wuchse standen.
Als Gärtner habe ich denen natürlich den Vorrang eingeräumt. Ich beeile mich nun, auch dem Hause sein Recht werden zu lassen.
Nach Durchquerung einer offenen Veranda betrat man es durch die Haustür. Vom Flur aus ging es links m die Wohnküche, in der sich nahezu das ganze Leben tagsüber abspielte, und dahinter in die so genannte „gute Stube", ein gefangenes Zimmer.
Rechts betrat man die Innentoilette, ein seltener Luxus, denn bei den meisten Siedlern befand sich die Klause auf dem Hofe, was besonders im Winter unangenehm und im Dunkeln für die Kinder graulich war. (Das Nachtgeschirr bildete deshalb ein notwendiges Übel!)
Geradezu ging es vom Flur in die Waschküche, dahinter lag noch ein kleiner Stall, beide mit Türen zum Hofe hin.
Ebenfalls vom Flur aus führte die Treppe in das Obergeschoß mit Eltern- und Kinderzimmer und etwas Boden, eigentlich nicht der Rede wert, aber immerhin als Abstellraum nicht zu verachten.
Der schon mehrfach erwähnte Hof war mauerumschlossen und barg an seiner Nordostecke die Aschengrube. Sogar Tore schlossen den Hofraum ab, was sehr praktisch war, weil man so dem Kleinvieh etwas Auslauf gönnen konnte, ohne es anschließend aus allen Richtungen des Gartens eintreiben und sich über den angerichteten Schaden ärgern zu müssen.
Bedenkt man noch, dass am Hause Weinreben in mehreren Sorten empor rankten und dass auch der Garten hinter dem Haus mit säuberlich gezogenen Beeten und einer Rabatte immer bestens bestellt war, dann darf wohl mit Fug und Recht von einem kleinen Paradies gesprochen werden.
In diesem soll es auch Tiere gegeben haben. Von Schlangen ist nicht gerade die Rede in Steinfurth, aber in den ersten Jahren war den Mäusen kaum beizukommen. Erst als die Bebauung dichter wurde und vielleicht auch Katzen hinzukamen, wurde es den Nagern zu hektisch. Aber ganz verlassen haben sie uns nie, das Auslegen von Giftweizen oder Räuchern von Speckstückchen über der Kerze habe ich noch geübt, so lange ich dort wohnte...
Wir schreiben also das Jahr 1937 und können feststellen, dass man sich eingerichtet hatte, dass Haus und Garten zu einem, sagen wir „vorläufigen“ Abschluss gediehen waren. Man konnte sich also aufrichten, verschnaufen und sich am Erreichten freuen.

(Eberhard M.)


Die ersten beiden Fotos ergänze ich um drei weitere.
Zu dem Familienglück gehörten sicher die weiteren beiden Kinder, zwei Mädchen.
Gar nicht paradiesisch war allerdings, dass der Vater Soldat werden musste und dann zuerst nur besuchsweise bei seiner Familie sein konnte, bis er gar nicht mehr nach Hause kommen konnte. Statt dessen traf 1944 die Vermisstenanzeige ein.
Die Mutter musste alleine mit ihren drei Kindern sowie Haus und Garten zurecht kommen. Meine Frau war bis dahin noch so jung, dass sie kaum eine Erinnerung an ihren Vater hat. -
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1 Kommentar
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 21.05.2015 | 14:16   Melden
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