80 Jahre Siedlung Steinfurth 2015 - Teil 1: Die Siedlung

Siedlung Steinfurth 2005, von SW, eigene Luftaufnahme
 
Siedlung Steinfurth 2005, Zentrum des 1. BA
Am 29. Juni hat sie Geburtstag, die Siedlung Steinfurth, und zwar ihren achtzigsten. Denn am 29. Juni 1935 wurde der 1. Bauabschnitt mit 150 Siedlungshäusern, der Schule und dem Lehrerhaus feierlich eingeweiht.

Was es mit der Siedlung Steinfurth auf sich hat, kann vielleicht am besten Architekt Willi Wille erklären, der als Bauleiter in jungen Jahren den Bau der Siedlung begleitet hat.

Dazu veröffentliche ich auszugsweise seinen Text, den er 2005 als Geleit zu meinem Buch "70 Jahre Siedlung Steinfurth" * geschrieben nat.


Zum Geleit
70 Jahre ist sie nun alt, die Kleinsiedlung Steinfurth. Als wohl letzter noch lebender Zeuge der Entstehung und der Geschichte dieses Denkmales freue ich mich, dass ich der vorliegenden Dokumentation einige Erinnerungen voranstellen darf.
[...]
Die I. G. Farben Mitteldeutschland, für die Region Bitterfeld/Wolfen dominierender Arbeitgeber, entschloss sich Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, für ihre Stammbelegschaft den Wohnungsmangel zu mindern, um diese damit fester an die Großindustrie zu binden. Die damaligen Theoretiker einer modernen
Siedlungsform agierten mit der Losung »Freiheit in Grenzen«: Umgrenzt in dem von Menschen beherrschten Raum entsteht auf der Erde eine kleine Welt, die klar erkennbar wird und Anfang und Ende hat.

Über Vorbereitung und Realisierung des Vorhabens geben die Berichte, Zahlen und Zeichnungen im Hauptabschnitt dieser Dokumentation Auskunft.

Ich war von 1934 bis 1942 als Angehöriger des Planungsbüros Schaeffer-Heyrothsberge, Magdeburg, als Bauführer / Bauleiter im Büro bzw. auf den Werkplätzen tätig. Hier entstand vor allem durch Handarbeit und auch durch Feierabendeinsätze der Siedler eine neue Heimat für 150 Familien.

Die Maurerarbeiten wurden an fünf ortsansässige Meister vergeben. Jeder Facharbeitergruppe stand ein Siedler als Bauhilfsarbeiter zur Seite. Die
Zimmererarbeiten wurden unter freiem Himmel mit den damals zur Verfügung stehenden Handwerkszeugen unter Leitung eines Meisters durchgeführt. Die einzig verfügbare Maschine war eine Kreissäge alter Bauart. Beeindruckend waren Elan und Enthusiasmus der Menschen, die auf diese damals relativ neue Art und Weise zu Hausbesitzern werden konnten. Durch sieben Hausgrundtypen und Sonderwünsche der Siedler wurde jede Eintönigkeit vermieden. Natürlich gab es auch genügend nicht vorhergesehene Schwierigkeiten wie z.B. Wassereinbrüche in den Kellern. Zentrum der Siedlung war der Platz am Neubau der vierklassigen Schule und am Lehrer-Wohnhaus. Die Finanzierung dieser Gebäude erfolgte durch das Land Anhalt und die I. G. Farben zu je 50 %.

Nachdem die Direktionen des Konzerns in Bitterfeld und Frankfurt festgestellt hatten, dass das Objekt Steinfurth vorbildlich abläuft, stellten sie auch
erhebliche Mittel für die Ausgestaltung zur Verfügung. Bekannte Architekten und Künstler wurden einbezogen, so die Gartengestalter Mattern und K. Foerster, Potsdam-Bornim, und der Holzbildhauer Goebel aus Magdeburg. Die Haustürbeschläge wurden nach Entwürfen eines Kunstschmiedes aus Isernhagen gefertigt. Steinfurth sollte schnell Heimat und Beispiel werden, und auch für mich war die Aufgabe als Bauleiter eine Herausforderung, der ich mich als junger Ingenieur gerne gestellt habe.

Steinfurth wurde Beispiel und Muster für andere nachfolgende Vorhaben. Genannt seien die Orte Aken, Thalheim, Muldenstein, Premnitz und die Erweiterungsabschnitte 2 bis 4 in Steinfurth selbst. Die dann zu Beginn des zweiten Weltkrieges schwierige Beschaffung von Baumaterialien, Probleme mit Transportmitteln, den zunehmenden Auflagen der neuen Größen der Nazidiktatur und das Überhandnehmen parteipolitisch gefärbter Interessen waren die Totengräber einer sehr progressiv angelegten Idee.
Aus den wenigen Andeutungen zur Planung und deren Umsetzung in eine lebendige Wohnumwelt dürfte ersichtlich sein: Steinfurth ist Gestalt und Gestaltung einer vergangenen Zeit. Die Siedlung erwies sich als lebendig, selbst gestaltend und auch anpassungsfähig für nachfolgende Entwicklungen. Das Wort »Denkmal« ist sicher berechtigt. Mit ihm und in ihm leben die heutigen Bewohner, gewiss dankbar für das von den Älteren Übergebene.
Möge die Siedlung so lebendig weiter bestehen und sich weiter entwickeln.

Geschrieben im 94. Lebensjahr von Architekt Willi Wille.
Bobbau im Januar 2005



* "70 Jahre Siedlung Steinfurth" -
Beiträge zur Entstehung und Geschichte der Siedlung Steinfurth
aus Anlass des 70. Jubiläums,
herausgegeben von Ulrich Kruggel, 2. Auflage 2015
6
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mittdeldeutsche Zeitung | Erschienen am 29.05.2015
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4 Kommentare
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 16.05.2015 | 10:47   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 16.05.2015 | 11:34   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 16.05.2015 | 11:41   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 17.05.2015 | 12:02   Melden
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