FREIHEIT

Der größte Schritt in meine Freiheit



Dieser Tage erinnern wir uns alle an die spektakulären Ereignisse und Emotionen rund um den Mauerfall.
Nachdem die erste Aufregung vorbei war, ging es in den viel schwierigeren Alltag. Ich musste mich beruflich umorientieren, mein Kind in der Wendezeit durch die Kindereinrichtungen bringen und pflegte natürlich meine Beziehung und meinen Haushalt.
Wir hatten Glück – vielleicht – oder aber wir waren mutig. Ich denke heute, es war eine Mischung aus allem. Wir hatten Arbeit, ein glückliches Kind und wir genossen die kleinen Freiheiten, denn auch wir mussten haushalten.
Dieser Tage kommt mir eine Begebenheit sofort, vor allem aus dem Bauch heraus.
Meine Freiheit – sie dauerte ein wenig länger, hätte sich, da bin ich mir heute sicher, nicht vollzogen, wenn die Mauer am 9. November 1989 nicht gefallen wäre.
1987, ich war gerade verliebt, machte ich den Lappen – die Fahrerlaubnis. Das war zu DDR-Zeiten nicht so einfach, aber ich hatte Glück, bekam einen Platz in einer Betriebsfahrschule. Theorie, Praxis. Ich war ängstlich. Meine Eltern besaßen kein Auto und ich fand das Bedienen eines Autos als eine Aufgabe, vergleichbar mit einem Flug auf den Mond.
Aber auch hier hatte ich Glück! Der übergewichtige Prüfer stieg in den betriebseigenen Moskwitsch und ich hatte eher Angst, dass die Federn ihr Leben aushauchten. Dann ging die Fahrt los. Vielleicht wurde die Strecke genau für mich als Fahrdummi gewählt, denn ich musste um genau vier Ecken, einmal in den Nebenstraßen einer Bezirksstadt fahren. BESTANDEN.
Ich war glücklich und die Fahrerlaubnis war ein großer Gewinn für mein Selbstbewusstsein. Was ich nicht wusste, dass das nur von kurzer Dauer sein sollte.
Auch mein Geliebter, mein späterer Ehemann, schien sich zu freuen. Aber vielleicht nur, dass er eine gutgelaunte Freundin hatte.
Er war stolzer Besitzer eines himmelblauen Trabbis und ich war der Meinung, dass ich von nun an, immer mal fahren durfte. Das war auch so – jedoch nur einmal!
Wir drehten gemeinsam eine Runde auf einem größeren, freien Gelände und ein hartes Urteil fiel über mich. Ich würde zu spät bremsen, meinte er. Von diesem Augenblick an saß ich brav auf dem Beifahrersitz und wir schipperten glücklich durch den Osten.
Nach der Wende hatte ich mich beruflich umorientiert und hatte das Glück, am Wohnort zu arbeiten. Vielleicht unterlag ich immer noch dem Glauben, dass das nun immer so sein musste. Ich war tief erschüttert und völlig planlos, als unsere Behörde im Zuge der ersten Reformen im Jahr 1997 in einen 45 km entfernten Ort verlegt wurde.
Wie sollte ich dahin kommen? Ich begann sogar Fahrpläne zu studieren, um festzustellen, dass ich so über 12 Stunden unterwegs gewesen wäre.
Mein ehemaliger Geliebter und damaliger Ehemann sah ein, dass dieser Zustand unhaltbar war und wir organisierten einige Nachhilfestunden bei einer Fahrschule. Das lief super. Was ich jedoch nicht beachtete, dass ich die Nachhilfestunden auf einem Diesel fuhr. Ich gab bekannt, dass ich jetzt fahren könne. So durfte ich den inzwischen erworbenen Westwagen bewegen. Zumindest versuchte ich es, auf gleichem Gelände, wie damals den Trabbi, der ja wenigstens fuhr.
Ich meckerte das Auto ab und das in kurzer Reihenfolge, bis mein Liebster wahrscheinlich Angst hatte. Er war sehr geduldig und wir wiederholten dieses Prozedere an mehreren Sonntagen. Mir war schon vorher schlecht. Er sagte gar nichts, aber er atmete. Ich konnte dieses Atmen nicht mehr hören und alles wurde noch schlimmer.
Dann fällte er eine Entscheidung, welche für mich die große FREIHEIT bedeutete.
Du brauchst einen Automatik, das packst du nicht. Kleingemacht fügte ich mich und wir suchten unser Autohaus auf. Die Chefin empfing uns freundlich, mein Mann trug seinen Vers vor. Ich stand mit Null Selbstbewusstsein daneben.
Jetzt geschah etwas, was ich nie erwartet hätte. Die Frau lachte schallend und meinte: „Ihre Frau braucht keinen Automatik. Ihre Frau braucht Sie nicht im Auto!“
Jetzt stand mein Göttergatte wie ein begossener Pudel da und rang um Worte. Ich wurde ein kleines Stück größer und die Chefin suchte einen Kleinwagen heraus, bat einen Verkäufer, mit mir die Probefahrt zu machen. Es klappte!
So bekam ich mein erstes, eigene Auto. Welche Freiheit sich damit auftat, spürte ich erst ganz langsam. Ich bewegte mich immer weiter vom Heimatort weg und kam immer unbeschadet an. Heute ist es normal, dass Muttern Auto fährt.
Das, und darauf gebe ich mein Wort, wäre nie passiert, wenn die Mauer nicht gefallen wäre und ich mein Leben hätte kreativer gestalten müssen, was ich nie bereute. Es machte mich reicher.
Könnte man resümieren: „Gut Ding will Weile haben!“
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4 Kommentare
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Jacqueline Koch aus Eisleben | 09.11.2014 | 17:59   Melden
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Jacqueline Koch aus Eisleben | 09.11.2014 | 18:20   Melden
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Jacqueline Koch aus Eisleben | 09.11.2014 | 19:24   Melden
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Jacqueline Koch aus Eisleben | 10.11.2014 | 07:39   Melden
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