Happy Birthday Hape!

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Buchrezension "Der Junge muss an die frische Luft"



„Happy Birthday, Hape! – äh, Hans-Peter Wilhelm“, denn so wurdest du vor ziemlich genau 50 Jahren getauft, nachdem dein großer Bruder Josef, welcher mit seinem, diesem Namensvorschlag, sein Unbehagen über dein Ankommen auf dieser Welt auf ausdrucksvolle und gekonnte Weise zum Ausdruck brachte.
Schön, dass ich heute einmal eine Laudatio halten darf. Das ist sonst dein Part und du hast es hundertfach sau gut gemacht, denke ich nur an die Moderationen der „Goldenen Kamera“ oder der Spendengala „Deutsche AIDS-Stiftung“.
Hans-Peter ist sicherlich ein recht schnöder Vorname, mit welchem man bestenfalls Bankangestellter, Versicherungsvertreter oder Zugschaffner werden kann!
Nun warste da! Plötzlich, eigentlich gar nicht mehr so erwartet und vor allem als kesses, blondes Mädchen ersehnt, konntest du als dicker, behäbiger Junge lediglich den Wunsch nach blondem Haar deinen dich schlussendlich doch freudig erwartenden Eltern erfüllen.
Immerhin!
Dein Vater vermochte dich damals ordentlich feiern, nachdem man ihm, wie damals üblich, den strammen Jungen – ohne Hals – an der Scheibe der Entbindungsstation gezeigt hatte. Vorher hatte die Schwester, ob absichtlich oder zufällig bleibt ein Geheimnis, ein kleines Negerbaby zur Besichtigung angeboten.
Er, dein Vater musste dann die halbe Nacht, sturzbetrunken im Straßengraben schlafen, bevor ihn die von den besorgten, jedoch ebenfalls noch betrunkenen Verwandten gerufene Polizisten fanden und retteten.
Heute wirst du dich ordentlich anstrengen müssen, all die 50 Kerzen auf der großen Sahnetorte, sicherlich mit zusätzlicher Sahne, auszupusten!
Hm, aber was genau ist so großartig daran? Jeder, der ein wenig auf Gesundheit achtet, vielleicht auch ein wenig Glück hat, nicht von irgendwelchen tückischen Krankheiten heimgesucht wird, oder von einem vom Dach herabfallenden Dachziegel tragisch getroffen wird, steht irgendwann vor dem gefräßigen Kuchen und heult innerlich, dass er so ein alter Schinken ist. Viele verbinden damit einen Rückblick und stellen unvermindert fest, dass nicht alles optimal lief und der eine oder andere träumt sich in die Figur eines Millionärs, in der Hoffnung, dann alle Alltagsproblemchen vom Tisch zu wischen.
Ob so ein schnödes Millionärsleben jedoch erstrebenswert ist, sei zu bezweifeln.
Im Oktober veröffentlichte Hape Kerkeling sein Buch: „Der Junge muss an die frische Luft“.
Bisher hörte ich eine bunte Palette von Kommentaren. Von: „“Ah, endlich mehr persönliches!“, bis hin zu: „Den kann ich jetzt nicht mehr leiden! So etwas erzählt man höchstens seinem Therapeuten!“
- Und alles, ohne auch nur einmal das Buch in den Händen gehalten zu haben. Vielleicht findet sich der Grund für solche Äußerungen im Erscheinen vieler, manchmal auch recht fragwürdiger Biografien Prominenter. Für mich ein Grund, es zu tun, denn ich urteile nicht, ohne mir vorher selbst eine eigene Meinung gebildet zu haben.
Da ich in den Winterzeit häufig unter dem Stern des Faultieres lebe, beschloss ich, mir die ungekürzte Lesung vom Autor selbst zu beschaffen.
In der Vergangenheit hatte ich unzählige Fernsehsendungen, Kabarettauftritte, Fernsehrollen, bis hin zu Gesangseinlagen gesehen und empfand seine Ausdrucksweise als sehr angenehm, liebte seine Art, die Stimmung über einen langen Zeitraum zu halten und so den Zuhörer zu bannen, seinen Humor als ewige Punktlandung und genau diese Erwartung setzte ich an diese Lesung.
Wie immer in dieser dunklen Zeit verschwand ich mit den großen Kopfhörern und den Kuschelsocken unter der Daunendecke. Bestimmt kein erotischer Anblick, aber urgemütlich!
Nach wenigen Sätzen spürte ich das hemmungslose Verlangen zu schmunzeln. Das sollte sich lange Zeit nicht legen.
Hans-Peter hat eine selbstironische Art, oder ist es etwa eine hohe Objektivität, in der er sich, sein Wesen und sein Äußeres beschreibt?
In wenigen Sätzen, gespickt mit vielen Adjektiven, entsteht zwischen meinen Kopfhörern ein intensives, lebendiges Bild von dem kleinen, pummeligen, behäbigen Jungen, welcher schon sehr früh seine Umgebung beobachtet und hinterfragt, jedoch ansonsten eher ein Spätstarter war.
Ich bin sehr erstaunt, als er von Erinnerungen berichtet, in denen er erst 3 Jahre alt ist.
Ich kann das nicht und beneide Hans-Peter dafür.
Hape ist nur unwesentlich älter als ich. So kann ich mich in die Gegebenheiten seiner Erinnerungen gut eindenken, obwohl er im westlichen Teil Deutschlands, im Ruhrpott aufwächst.
Mit einzigartigem Humor beschreibt er, dennoch sehr klar, sein Aufwachsen im großen Familienverbund, in welchem besonders seine Großeltern, in den ersten Kinderjahren seine Oma Änne, Anteil an seiner Prägung nehmen. Ich erhalte ein großartiges Bild von der Frau, die dem Enkel die Achtung vor anderen Menschen vorlebt, der Familie vom Geschäftsgewinn in der Nachkriegszeit einen gewissen Reichtum, so z.B. der Besitz von Pferden für die Kinder, vermittelt.
Im Buch berichtet Hape von den Schwierigkeiten des Lebens und der Prägung der Großeltern und Eltern durch den großen, verheerenden Krieg, der Sprachlosigkeit des Opas, welcher über seine Erlebnisse im Krieg und der Inhaftierung im KZ schweigt. Wahrscheinlich, weil er das Gesehene und selbst Erlebte einfach nicht in Worte fassen kann und die Familie vor seinen Emotionen schützen will. Es reißt ein großes Thema an, wenn wir über unsere Eltern und Großeltern nachdenken, die ebenso in dieser furchtbaren, angstbringenden Zeit lebten, jedoch nimmt es im Buch keinen dominanten Raum ein. Vielmehr wird die Waage zwischen allen Komponenten gehalten, Weltanschauungen, kritische Betrachtungsweisen und Ansichten, und alles, ohne die sogenannte „dreckige Wäsche“ zu waschen. Eben mit Stil!

Oma Anne ist die Mutter seiner Mutter. Er verbringt die Zeit bis zur Einschulung im kleinen Laden der Nachkriegsgeschäftsfrau, meist sitzend, denn vom Laufen hält er lange nichts. Erst mit ca. 3 Jahren schafft es Hape, dem Laufgitter zu entkommen und in die große, weite Welt zu starten.
Über seinen großen Bruder erfährt der Hörer recht wenig, was Hans-Peter damit begründet, dass es sich um persönliche Erinnerungen handelt, die ja sein Bruder ganz anders empfunden haben kann.
Die Beziehung zu seiner Mutter, die recht bald seelisch krank wird, nimmt reichlich Platz ein und findet sich an unterschiedlichen Stellen wieder.
Hape erzählt viele Anekdoten, die ein buntes Bild der Mutter im Familienverbund entstehen lassen, im Gegensatz dazu die langsam erscheinende, sich ständig verschärfende Krankheit. Ich machte mir beim Hören Gedanken, wie es wohl sein mag, wenn ich Geruchs- und Geschmackssinn verlieren würde. Unvorstellbar! Noch nie hatte ich darüber nachgedacht, wie viel Lebensqualität an diesen Sinnen hängt.
Beeindruckend empfand ich die Gedanken des kleinen Hans-Peter, welche mit großer Vorsicht und Angst verbunden waren.
In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an meine Kindheit und horchte auf! Wie viel kann eine Kinderseele ertragen? Hans-Peter hatte großes Glück, in der Zeit der Unsicherheit in der Beziehung zu seiner Mutter beide Großeltern als feste Bezugspersonen zu haben und konnte so scheinbar seelisch gesund aufwachsen.
Der harte Tod und die Nähe des kleinen Jungen, die Hilflosigkeit und Ohnmacht werden dennoch ein Leben lang ein gravierendes Ereignis für ihn bleiben.
Dennoch leben in ihm ebenso die lebensfrohen Begebenheiten und löschen das Feuer der Trauer, wandeln die tiefe Trauer in Erinnerung, so dass er als gestärkte Persönlichkeit im Leben seinen Platz findet. Vielleicht gerade wegen seiner ereignisgetragenen Kindheit kann er so einen treffenden Humor liefern.
Das Leben muss weitergehen und so berichtet Hape von der jetzt immer enger werdenden Beziehung zu seiner Oma Berta, die die Erziehung der Kinder vollends übernimmt. Sie ist es, die ihn in seinen Grundeigenschaften prägen wird, ihm Werte vermitteln wird, die ihn sein weiteres Leben lang begleiten.
Ich bin begeistert von dem Hörbuch und empfand beim Hören der immerhin 8 CDs keine Langeweile, eher viele behagliche Stunden unter den Kopfhörern und war wieder einmal vom gekonnten Umgang mit der deutschen Sprache, den witzigen Wortspielen begeistert.
So Hape, nun lass dich heute ordentlich feiern, denn das hast du dir redlich verdient. Die Torte wirst du sicherlich nicht allein verspeisen müssen, aber vielleicht erinnert dich diese an die Episode mit dem Farbfernseher. Ich muss schon wieder schmunzeln und bin natürlich in großer Hoffnung, bald wieder Neues von dir zu sehen.
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3 Kommentare
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 09.12.2014 | 09:16   Melden
8
Knut H. Micklich aus Röblingen | 27.12.2014 | 10:45   Melden
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Jacqueline Koch aus Eisleben | 27.12.2014 | 11:17   Melden
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