Kleine Kolumne

Lutherstadt Eisleben: Zentrum | Sonntagswetter?

Haben wir einen Anspruch darauf?
Dann sind wir heute ordentlich betrogen worden. Ich schaue aus dem Fenster und sehe nasse Hausdächer, tiefgrauen Himmel und bin mir sicher, heute wird die Sonne in ihrem Gefängnis verharren müssen. Keinen Ausgang!
Dazu fällt unermüdlich Regen in feinster Form vom Himmel. Nur gut, dass die Dauerwellezeiten der Vergangenheit angehören. „Vielleicht hat sich Frau Holle auch vertan und ist zu früh aufgestanden!“, träumte ich, als ich in den leicht vom Himmel schwebenden Sprühregen sehe. Wäre es kälter, würden bestimmt jetzt lockere Flocken vom Himmel fallen. Was aber nun? Kann ich mich irgendwo beschweren?
Heißt es nicht Sonntagswetter, wenn die Sonne ununterbrochen vom Himmel scheint? Ein Blick zum Kalender versichert mir, dass ich mich im Wochentag nicht geirrt habe.
Ich überlege, was ich mit den Informationen und meiner Stimmung anfangen werde.
Hüpfend springe ich von einer zur anderen Möglichkeit.
Ich kann heulen und alles doof finden, mich zurückziehen, mich depressiv fühlen, und all das noch mit dem Gedanken, dass es alles noch viel schlimmer kommen wird, verstärken. “Viel zu früh ist es ekelhaft kalt geworden!“ So meine Bewertung. Wenn ich einmal dabei bin, kann ich über den gesamten, in meiner Erinnerung sehr missratenen Sommer, gleich weiter wettern. „So!“ denke ich „jetzt habe ich mir endlich Luft gemacht!“
Ein Blick zur Uhr zeigt mir, dass ich mich mit den Überlegungen zu meinen Betrachtungen viel zu lange beschäftigt hatte.
„Was wollte ich heute, an meinem freien Sonntag eigentlich tun?“
Ich wollte mich wohlfühlen, vielleicht ein wenig an die frische Luft gehen, Freunde treffen. Vor allem wollte ich keine Zeitnot haben!
Die hatte ich jetzt, denn ich war verabredet.
Schnell wühlte ich die neue Multifunktionsjacke aus dem letzten Winterschlussverkauf aus einem Koffer. Die hatte ich noch nicht getragen, da es in diesem Jahr viel zu früh warm wurde. Darunter bewunderte ich noch einmal den neuen Pullover, ebenfalls aus dem vergangenen Winterschlussverkauf.
Ich musste schmunzeln. Ja, jetzt sah ich die Bilder der ersten Frühlingsboten vor mir, an welchen ich mich besonders erfreut hatte. Dann schossen mir Sommerbilder aus dem April durch den Kopf.
Unten angekommen zog ich die Kapuze fest ins Gesicht und empfand das Wetter gar nicht so schlimm. Mit meinem Freund Emil hatte ich sofort ein gutes Gesprächsthema. Wie wollten wir den Tag verbringen, an dem eigentlich ein sonntägliches Picknick geplant war? Wir entschieden gemeinsam, einen Bildungstag daraus zu basteln und schlenderten durch die am heutigen Sonntag geöffneten Museen der Stadt. Es wurde ein sehr schöner Tag.
Danach lud ich ihn zu einer Teestunde bei mir zu Hause ein. Ich zündete eine Kerze an und drehte am Thermostat der Heizung. Wohlfühlen war angesagt!
Als mich mein Freund verlassen hatte, schlüpfte ich unter die warme Dusche und danach unter die frische Biberbettwäsche. Komisch, heute Morgen hatte ich mich noch über den Regen beschwert, jetzt erzeugte ich selbst welchen. Erst jetzt merkte ich, dass ich heute sehr viel erlebt hatte. Mit anerkennender Zufriedenheit schlief ich ein.
Ich bin mir sicher, dass es auch diesen Sonntag ein Sonntagswetter gab. Nur eben vielleicht nicht so, wie wir Sonntagswetter definieren.
Eines weiß ich, nachdem ich den Wetterbericht der kommenden Woche doch noch verfolgt hatte: Wir werden ordentliches Altweibersommerwetter bekommen. Und zwar in der Woche. Dann wird mich dieses Wetter beflügeln, meine Arbeit mit Ehrgeiz zu erledigen und in den Pausen vom nächsten Wochenende zu träumen.

Der alte Kant hatte schon Recht: „Die Welt ist nicht so, wie sie ist, die Welt ist so, wie wir sie wahrnehmen.“
In diesem Sinne wünsche ich allen eine angenehme Woche.
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