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Tränenträumer

Gedanken zum Weltkindertag




Die selbst gebastelten Karten vom Muttertag hatte ich noch nicht weggeräumt. Immer, wenn ich nach einem anstrengenden Tag im Büro nach Hause kam, blieb ich eine Weile davor stehen und musste schmunzeln. Im Ohr hatte ich Annas Geschrei, als sie durchs Haus fegte, nah einem Wutanfall, weil sie es einfach nicht hinbekam, eine Ente auf den Teich zu zaubern. Warum hatte sie sich auch so etwas Schweres ausgesucht? Ja, Anna wollte mir zum Muttertag diese Zeichnung schenken, weil sie genau wusste, wie gern ich mit ihr an diesem Teich, nahe des Dorfes ging, ein paar Brotreste im Gepäck, um einfach nur mit ihr allein zu sein. Zu reden. Das gefiel uns beiden sehr. Sie hatte sich also zum Muttertag viele Gedanken gemacht und die unzähligen Tränen waren kein hausgemachter Ärger.
Nun war ich am Zug. Morgen würden die Kinder erwartungsvoll schauen, was wir uns hatten einfallen lassen.
Warum eigentlich? Zeigen wir den Kindern nicht jeden Tag, dass wir sie unheimlich toll finden? Umgekehrt ist das bestimmt nicht immer so. Stimmt diese Aussage wirklich? Klar erinnere ich mich sofort an die unzähligen Schweißperlen, groß wie Futterkartoffeln, die mir manche heikle Situation, besonders von Paul geschaffen, auf die Stirn zauberte, die vielen Tränen, die ich geweint hatte, weil ich wieder einmal das Gefühl hatte, bei den Kindern sei kein einziger Satz meiner Forderungen angekommen.
Ich halte inne. Durch meinen Kopf schießen viele Fragen. Habe nur ich als Mutter das Recht, Forderungen zu stellen und mein Tun als unfehlbar zu zelebrieren? War ich nicht zu oberflächlich gewesen, als ich vor drei Wochen das versprochene Fußballspiel von Paul verpasst hatte? Ja, ich war wieder einmal an meinem Terminkalender gescheitert. Ein wenig traurig war ich, dass er einfach nicht verstand, dass ich all die Termine schlussendlich nur für das Gedeihen der Familie auf mich nahm? Mit seinem unverständlichen Blick, als ich ihn in das Auto der Nachbarn setzte, machte er mir zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Besonders er hatte von meiner vielen Arbeit Vorteile. Nur so konnte er all seine Hobbys pflegen.
Ich kam wieder in der Gegenwart an. Wenn ich mich jetzt nicht beeile, würde ich es wieder einmal nicht schaffen, noch ein paar kleine Nettigkeiten für die Racker zu besorgen. Aber was sollte ich auf die Schnelle noch kaufen? Mir fiel einfach nichts ein. Eventuell würde mir ja unterwegs noch etwas in den Sinn kommen! STOPP!
War es wirklich notwendig, wieder einmal ein Spiel für das Nintendo zu kaufen? Vor zwei Jahren war es richtig peinlich geworden, als ich genau das Spiel gekauft hatte, was ich bereits zum Nikolaus schnell erstanden hatte.
Mit schlechtem Gewissen und Brummschädel setzte ich mich an den Küchentisch. Gott sei Dank konnten mich so die Kinder nicht sehen. Die waren noch bei den Großeltern, wo ich sie oft „zwischenlagerte“. Dicke Tränen der Scham und der Traurigkeit liefen mir über das geschminkte Gesicht. Bin ich jetzt eine schlechte Mutter? Wie lange war es eigentlich her, als wir zum letzten Mal wirklich gemeinsam und in Ruhe etwas mit den Kindern unternommen hatten? Ich wusste es schon nicht mehr.
Mit einem Wimpernschlag wurde mir bewusst, was ich den Kindern schenken sollte. Wie konnte ich das all die Jahre vergessen? Ich selbst hatte es als Kind erfahren müssen. Damals, nicht einmal sieben Jahre alt, bekam ich einen Schlüssel um den Hals gehängt und mit ihm eine große Last der Verantwortung. Wirklich schlimm waren damals für mich die Einsamkeit und die wenigen Minuten, die mir blieben, meine emotionalen Erfahrungen meinen Eltern mitzuteilen. So hatte ich oft das Gefühl, ich sei nichts wert. Immer wieder bekam ich damals zu hören, dass es zum einen nur für die Familie gut sei, denn immerhin hatten wir schon einen Wartburg vor der Tür und außerdem wäre diese Art der Erziehung auch für meine Entwicklung nur förderlich, denn ich würde im Leben zurechtkommen. Dass ich emotional verhungerte, bekamen meine Eltern nicht mit.
Nun war ich in der Position der Mutter und lebte gleiches weiter!
Wieder suchten sich dicke Tränen Wege über mein verschmiertes Gesicht und landeten auf den von den Kindern gebastelten Karten. Mir wurde schlagartig klar, dass ich es ändern musste. Auch Egon, mein Mann, hatte oft gemeint, ich würde bald eine Wäscherei beauftragen müssen, wenn ich mich weiter so in der Arbeit verkrieche. Ich hatte gelacht, jetzt wusste ich, dass er Recht hatte.
Ich holte bestimmt und sicher, das Richtige zu tun, die Buntstifte und den Zeichenkarton.
Es wurde ein sehr später und anstrengender Abend. Jetzt erst konnte ich erahnen, wie viel Arbeit und Leidenschaft in den Zeichnungen meiner Kinder steckten. Ein wenig sahen meine Gutscheine zum Kindertag wie die frühen Zeichnungen meiner Kinder aus.
Ich war so versunken, dass ich nicht mitbekam, wie Egon den Schlüssel im Schloss drehte. Er stand hinter mir, schaute mir über die Schulter.
„Eine schöne Idee!“, bemerkte er, als er sich meine Werke besah.
Die Kinder würden sich bestimmt sehr freuen, wenn wir zwei ganze Tage nur für sie planten.
„Ja!“, bemerkte ich, „Das werden nicht die letzten Gutscheine sein!“ Anna wird sich bestimmt über das Picknick am Teich sehr freuen. Im Vorfeld würden wir den Picknickkorb gemeinsam bestücken und dann Federball auf der Wiese spielen. Paul hatte sich so sehr gewünscht, endlich die kleinen Tigerbabys im Zoo besuchen zu dürfen.


ZEIT HAT MAN NICHT, DIE NIMMT MAN SICH!


Das sagte ich im vollen Bewusstsein, denn jetzt wusste ich, dass all die materiellen Dinge meine Kinder zu emotionalen Wracks heranwachsen lassen würde. Viel wichtiger war, dass ich erkannte, dass einzig die mit Emotionen verbundene Erkundung das rechte Mittel der Erziehung und Bildung ist, und diese beginnt nun einmal daheim.
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