Petitio und Geburtsbrief

Die Halbmonde im Wappen der Bodenhausen sind im Siegel noch ganz deutlich zu erkennen.
 
Ein Geburtsbrief aus dem Jahre 1677 mit Originalsiegel des Adelsgeschlechts von Bodenhausen
„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“

Wer denkt da nicht sofort an die Tragödie von Hamlet, woraus dieser heute gute 400 Jahre alte Monolog von Shakespeare wohl auch stammt.
Der Gedanke, dieses Zitat einmal auf „irdische“ Verhältnisse umzusetzen, erweckt mit der Frage eines Geburtsnachweises Neugierde. Heute keine Frage – wir haben in unserer Neuzeit für alles im Leben Nachweise. Abstammungsurkunden, Taufschein, Testamente ,Zertifikate, Beglaubigungen und nicht vergessen, die Geburtsurkunde. Erspart sei mir hier die endlose Aufzählung aller Beurkundungen, bleiben wir einmal bei der ersten und wichtigsten ; der Geburtsurkunde.

Man könnte mit etwas Fantasie meinen, wer sie hat ist „Sein“, wer sie aber nicht hat, ist „Nichtsein“.

Kaum vorstellbar, eine Geburt ohne Geburtsurkunde. War das schon immer so ?
Ob Shakespeare vor über 400 Jahren wohl eine Geburtsurkunde hatte ?

Wir wissen es nicht, er könnte aber einen Geburtsbrief gehabt haben. Es gab schon damals eine Erkenntnis (urchundi), einen bestimmten Sachverhalt mit gegebener Beweisskraft niederzuschreiben.
So lesen wir heute mit Erstaunen das Ergebnis einer „petitio“ (Bittschrift) eines Bürgers aus unserer
Region.

(Schreibweise zum Teil im Original -Wortlaut übernommen)
Am 15. Mai 1677 hat Burchard von Bodenhausen uff Radiß, so die damalige Schreibweise, solch eine urchundi (Erkenntnis, Geburtsbrief) für den Bürger Richter erstellt. Jener dannenhero (heutig) ist erschienen und zu verstehen gegeben, daß er willens ist daß Schmiedehandwerk zu erlernen. Richter erbrachte Förster Baldewegen zu Radiß und Jacob Wirten aus Utthausen zur Vorstellung um genügsam Zeugniß seiner untadeligen Geburt und rechten Eltern auß stehender Ehe gezeuget wurde, glaubhaft zu machen. Genannte wurden genügsam befragt, ob denn Peter Richter (Vater) und Eheweib Margarethen Radin die rechten natürlichen Eltern ihn gezeugt haben. Er sei rechter und Teutscher Arth gezeuget und von Unredlichkeit sei nichts nachzusagen, so die Befragten.

Burchard von Bodenhausen uff Radiß erteilte bei weiteren Zeugen (Befragung)einen Zeugnüß Brieff dem Glauben bay zu meßen ist, und dem Richter Christoff Ehre gebühret. Der Obrigkeitswegen sind keine Bedenken für eine Aufnahme in Zunfft und Innung zu hegen.
Krafft Burchard von Bodenhausen geben Radiß, den 15 May Ao.p. 1677 GS. Ludolph Thilo

(PS: 212 Jahre später wurde der Leutnant Hans Bodo Freiherr von Bodenhausen auf Radis Landrat des Königs)

Es braucht seine Zeit den Sinn des Schreibens , an eine Rechtschreibreform war damals nicht zu denken, zu erfassen und auch zu verstehen. Das auf Pergament geschriebene Original ist natürlich der Zeit geschuldet, die Handschrift des Verfassers ist auch nicht gerade eine Musterschrift. Welche Vergünstigungen der Geburtsbrief von 1677 bewirkt hat, lässt sich heute nicht mehr belegen.
Über 200 Jahre später sah das aber schon ganz anders aus. Der Gräfenhainicher Jüngling Otto Dönicke hatte eine Geburtsurkunde und bekam mit entsprechenden Unterschriften und Stempel 1913 einen Lehrvertrag über vier Jahre beim Schlossermeister August Reinhard, ebenso der Gräfenhainicher Bürger Langwagen und Gorgas. Die Gräfenhainicher Schlosser und Schmiedeinnung hat eine Jahrhundert alte Tradition. Ihre Obermeister Krippendorf, Schuller, Ude, Kahl ,Stanzsch oder auch Reinhards, um nur einige zu nennen, haben uns diese Zeitzeugen sicher in einer Innungslade gemeinsam mit Innungspetschaft gut verschlossen, hinterlassen.

Dank unserem Vereinsmitglied Mario Gabler für seine mühsame Übersetzung der alten Schriften.

Das Original des Geburtsbriefes sowie die lückenlose Übersetzerschrift dieses einzigartigen Schriftstückes aus dem Jahre 1677 befinden sich in unserem Museum ebenso wie viele andere interessante Ausstellungsstücke.
Diese und andere Reliquien können Sie bei einem Besuch in unserem Museum sehen.

Historische Bauschlosserei und Schmiedewerkstatt A. Reinhard e. V.

Übrigens:

Der Amtmann Ernst am Ende aus Gräfenhainichen hat im Jahre des Herrn anno 1744 Namens des Kurfürsten Friedrich August , Fürst zu Sachsen und König in Polen, dem Zschiesewitzer Bürger Mückenberger ein „Schmiede Zeugnis“ erteilt. Aber das wird sicherlich eine andere interessante Geschichte.

Bis dahin
mit freundlichen Grüßen
Rolf Hennig
1
Einem Mitglied gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
1 Kommentar
563
Luftfahrt- und Technik- Museumspark aus Merseburg | 04.04.2013 | 10:56   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.