Vom Stauchen und Wagenbeschlag

Noch funktionsfähig - gebaut für eine unendliche Lebensdauer.
Gossa: Historische Bauschlosserei und Schmiedewerkstatt A. Reinhard e.V. |

Jedes hölzerne Wagenrad braucht einen eisernen Radreifen

Der Wagenbeschlag, das heißt das Aufziehen der Eisenbereifung auf das Holzrad ist ebenso alt wie der Schmiedeberuf selbst . Jedes hölzerne Wagenrad benötigt einen Reifen aus Eisen, um Abrieb und Verschleiß der Holzfelge zu verhindern.
Doch wie bekommt der Schmied den eisernen Reifen über die Felge, ohne das Holz der Felge zu beschädigen? Das Geheimnis liegt in der Wärmeausdehnung, der alle Stoffe unterliegen. Bei Eisen dehnt sich ein Meter Material um 1,2 mm pro 100 °C Temperaturanstieg. Erwärmt man nun einen Eisenreifen von vier Metern Umfang (was einem Raddurchmesser von 1,27m entspräche) um 800 °C, nimmt der Umfang des Reifens um etwa 38mm zu, genug, um ihn über die Holzfelge zu ziehen. Das Erwärmen eines solchen Radreifens und das folgende Aufziehen mit anschließender sofortiger Abkühlung ist eine wahre Handwerkskunst welche nur wenige Handwerker noch beherrschen.

Der Gummireifen hat den Wagenbeschlag fast vergessen lassen.

Auch wenn der Reifen fest auf der Felge sitzt, muss er noch gegen Ablaufen gesichert werden. Dies geschah mittels Nägeln und Bolzen. War alles fachgerecht geschehen, war dem Wagenrad ein langes Leben garantiert.

Was aber geschah, wenn der Eisenreifen sich im Laufe seines Lebens lockerte?

Das Kopfsteinpflaster jener Zeit „hämmerte“ in Folge so auf den Eisenreifen ein, das ein Strecken des Metalls unausweichlich den Reifendurchmesser vergrößerte. Eine Wasserdurchfahrt schaffte kurzzeitig Abhilfe, nach dem Austrocknen des Holzrades lockerte sich jedoch wieder der eiserne Radreifen – also keine Lösung auf Dauer.

Der eiserne Radreifen mußte im Durchmesser dauerhaft verkleinert werden!

Hier kam die alte Schmiedetechnik Stauchen zur Anwendung, also das Gegenteil von Strecken. Der Radreifen wurde an einer Stelle erwärmt, und mittels einer Radreifen-Stauchmaschine gestaucht, in Folge also der Raddurchmesser sich verkleinerte. So konnte der noch nicht gänzlich verschlissene eiserne Radreifen erneut vom Schmied aufgezogen werden.
Das alles war eine sehr körperlich schwere Arbeit. Jene alte Handwerkskünste zu erhalten und anschaulich zu machen, ist auch unser Bestreben. Eine Radreifen-Stauchmaschine machte es möglich, durch Stauchen des eisernen Radreifens ihn im Durchmessen zu verkleinern.
So konnte das Wagenrad wieder ein neues Leben beginnen.
Unser Museum ist seit kurzer Zeit im Besitz einer solchen uralten Stauchmaschine.
So können wir unseren Besuchern heute diese alte Handwerkskunst erklären.
Natürlich haben wir die Absicht dieses alte Handwerk auch der Öffentlichkeit
praktisch vorzuführen, aber das wird wohl noch ein wenig Zeit brauchen.

Rolf Hennig

Historische Bauschlosserei und Schmiedewerkstatt A. Reinhard e.V.
06773 Gräfenhainichen
Fr.-Ebert-Str. 2
www.eisen-reinhard.de
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Luftfahrt- und Technik- Museumspark aus Merseburg | 13.09.2013 | 11:02   Melden
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