Von Radfahrkarten und Knickebockern

 
Moderne Fahrradglocke
Hätten die Zeiten sich nicht geändert, so gäbe es heute noch den Radfahrerverein „Wanderlust 1908“ in Gräfenhainichen. Einer seiner letzten Mitglieder war Max Birkner. Im “Gräfenhainicher Anzeiger“ vom 26. September des Jahres 1908 war vom 1. Stiftungsfest zu lesen. 1927 veranstaltete der Verein einen Maskenball in Mescheide, wobei sich die Vereinsmitglieder auf das Vereinslokal „Eger“ eingeschworen hatten. Herrmann Eger war der Lokalbesitzer vom „Goldenen Adler“ in Gräfenhainichen.
Sehen wir die Bilder heute, lösen sie Erstaunen und sicherlich auch ein Schmunzel aus. Knickebocker und Stutzen, Hut oder Vereinsmütze waren im Verein Pflicht ! Auch Gamaschen wurden getragen. Knickerbocker waren wadenlange Hosen mit weiten Beinen, die von Männern und Frauen gleichermaßen getragen wurden. Anfangs aus Leder, wurden sie später auch aus Stoff hergestellt. Stutzen sind eine Strumpfart und werden heute noch von Fußballern getragen.
Wer keine Vorstellung von einer Gamasche hat, bekommt diese spätestens bei einem Besuch in der Historische Bauschlosserei und Schmiedewerkstatt A. Reinhard.
Nicht jeder konnte ein Fahrrad fahren, selbst wenn er 1922 die utopische Summe von 100.000 RM im Kolonialwarenladen der Firma Walter in der Wittenberger Straße in Gräfenhainichen bezahlen konnte. Er mußte auch eine behördliche Genehmigung erwirken. Diese wurde vom Magistrat und der Polizeiverwaltung erteilt. So hatten zum Beispiel die Gräfenhainicher Bürger August Reinhard 1916 und Emil Kalina 1914 so eine Radfahrkarte (Staat Preußen)in ihrem Besitz welche heute in unserem Museum zu bestaunen sind. Das ist lange her, aber den Amtsschimmel gab es schon, und er stellte nicht nur Anforderungen an den „Fahrzeugführer“. Dieser mußte die Radfahrkarte ständig bei sich tragen,und war zur gehörigen Vorsicht aufgefordert. Dem „Haltruf“ des Polizeibeamten war dringlichst Folge zu leisten. Die Hände mussten am Lenker und die Füße auf der Pedale verbleiben. Im Paragraphen 6 der Radfahrkarte ist zu lesen, dass der Radführer bei Näherung eines Fuhrwerkes ein deutlich hörbares Glockenzeichen (Klingel) abgeben muss. Die Nutzung von Banketten ist dem Fußgänger gegenüber nachrangig. Glocke, Hemmvorrichtung(Bremse) und eine Laterne (Karbid-bzw. Öllicht) waren ebenfalls angeordnet. Seiner Zeit wurde elegant aufgestiegen, das Fahrrad ohne Freilauf hatte anstatt der hinteren Radmuttern Stutzen, diese sogenannten „Aufsteiger“ ermöglichten ein Aufsteigen von hinten.

Zuerst war es eine Art Gehhilfe mit Räder, da musste sich der Erfinder mit den Füßen vom Boden abstoßen. Die erste lenkbare Laufmaschine wurde von Drais (Draisine) gebaut, bald erschienen die ersten Tretkurbelvelocij, 1870 kam das Hochrad, ihm folgte das Niederrad welches den heutigen Modellen sehr ähnlich sieht. Die Federung brauchte einen langen Weg bis zur heutigen Teleskopfederung zum Beispiel. Holzreifen mit und ohne Metallbeschlag, das waren Knochenschüttler. Die Federbereifung, ein auswechselbares Federband, wurde als D.R. P. und Schlager angeboten. Der Vollgummi lies die Brille von der Nase rutschen. Die Elcoda-Schläuche wurden mit einer elastischen Füllung versehen, es wurde sogar auf Federn gefahren, und endlich setzte sich die Luftbereifung (1888) durch. Eine gewisse Federung war erreicht! Das Fahrrad begann seinen Siegeszug um die Welt. Das alles ist nicht einmal 250 Jahre her.

Egal wie die Fahrradgeschichte auch verlief, aber keiner der Erfinder konnte die Frage beantworten, warum das Fahrrad beim Fahren nicht zur Seite kippt. Oder können Sie es ihrem Kind erklären? Aber das ist wohl eine andere Geschichte.
August Reinhard aus Gräfenhainichen hat Fahrräder repariert , gebaut und verkauft. Wie er als Schlossermeister dieses Handwerk betrieben hat, können Sie bei einem Besuch in unserer Ausstellung erfahren.

Historische Bauschlosserei und Schmiedewerkstatt A. Reinhard e. V.
06773 Gräfenhainichen
Fr.-Ebert-Str. 2

www.eisen-reinhard.de
Rolf Hennig
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1 Kommentar
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Luftfahrt- und Technik- Museumspark aus Merseburg | 24.01.2014 | 12:15   Melden
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