~ Das Wunderkind von Lochau ~

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Aus gegebenem Anlass, dem heutigen Geburtstag von Karl Witte, möchte ich meinen Artikel nochmals auf dem Portal der MZ Bürgerreporter einstellen.

Am sogenannten Riesenhaus, welches am Großen Berlin in Halle steht, brachte man in Jahr 2007 eine Gedenktafel an, deren Inschrift an Karl Witte erinnern soll. Er war Professor für römisches Recht, Dante Forscher und das "Wunderkind von Lochau"!

Mit dem Begriff Wunderkind werden Menschen beschrieben, die schon als Kind Fähigkeiten aufweisen, die normalerweise erst im Erwachsenenalter oder gar nicht erreicht werden. An dieser Stelle möchte ich versuchen, sein Leben in einigen kurzen Sätzen wieder zu geben, soweit es mir bei dieser Persönlichkeit möglich ist.

Das Wunderkind von Lochau, Johann Heinrich Friedrich Karl Witte kam am 01.Juli 1800 in Lochau zur Welt. In dem damaligen Bauerndorf war sein Vater als Pfarrer tätig. Die pädagogischen Überzeugungen seiner Eltern Karl Heinrich Gottfried- und Johanna Klara Wilhelmine Witte, waren entscheidend für die Entwicklung von Karl. Der Vater war vor dem Antritt seiner Pfarramtsstelle selbst ein engagierter Lehrer und hatte schon einige Schriften über Kindererziehung verfasst. Über dieses Thema tauschte er sich auch im regen Schriftverkehr mit Gelehrten aus, wie zum Beispiel dem Schweizer Pädagogen Pestalozzi.

Mit dem gnadenlosen Ehrgeiz eines Erwachsenen und Pädagogen wurde der kleine Karl schon von Geburt an darauf getrimmt, sich zu einer ganz besonderen Persönlichkeit zu entwickeln. Was einigen Lesern ganz schrecklich erscheinen mag, wird aber auch heute von manchen Eltern, zum Leidwesen ihres Nachwuchses, intensiv praktiziert. So als wollten sie ihre eigenen, unerfüllt gebliebenen Wünsche, in ihren Kindern verwirklicht sehen.

Der kleine Karl wurde minutiös überwacht und betreut. Um seine geistige Bildung schon im Kleinkindalter zu fördern, musste er Geschichten aus Bilderbüchern und Betrachtungen in der Natur kommentieren. Man "fütterte" ihn mit kleinen Zahlenspielen, Buchstaben und Gedichten, so dass Karl schon sehr zeitig lesen und rechnen konnte. Das Schreiben lehrte man ihm ganz bewußt erst später. Zu den geistigen Ertüchtigungen kamen die regelmäßige sportliche Betätigung und eine gesunde Lebensweise noch hinzu. Schon damals hatte man die Wichtigkeit dieser Gesundheit- und Leistungsfördernden Kriterien erkannt.

Als Karl sieben Jahre alt wurde, begann man mit dem Fremdsprachenunterricht. Zuerst lehrte man ihm Französisch, und Italienisch, danach folgten Englisch und Latein. Später kam noch Altgriechisch hinzu. Sein Vater unternahm mit seinem Sohn viele Reisen und erklärte ihm vor Ort die wichtigsten Dinge. Belegt ist, dass Karl zum Beispiel auch die Aufgabe bekam, vom Lochauer Kirchturm aus eine Landkarte von der näheren Umgebung zu zeichnen. Karls Wissen war in seinem achten Lebensjahr schon auf einem sehr hohen Niveau.

Für seine Eltern war er ein Studien- und Vorzeigeobjekt, außerdem der Beweis für die Richtigkeit der von seinem Vater aufgestellten pädagogischen Thesen und Lehrschriften. Der "Hamburger Korrespondent" berichtete im Jahr 1808 über das pädagogische Phänomen aus Lochau. So wurde Karl bald weithin als das "Wunderkind von Lochau", eine pädagogische Sensation, bekannt. Diese Nachricht zog viele Besucher an. Neugierige wollten sich selbst vor Ort vom Erfolg dieses pädagogischen Experimentes überzeugen.

Als es an der Zeit war, dass Karl seinen Wissensstand an einer Universität vervollkommnen sollte, verweigerte ihm aber Niemeyer als damaliger Kanzler der Universität in Halle, seine Immatrikulation. Doch Witte Senior setzte alles daran, sein Experiment voranzutreiben und schließlich zog er mit seiner Familie nach Leipzig, damit Karl dort sein Studium beginnen konnte. Im Alter von 10 Jahren legte Karl an der Thomasschule zu Leipzig die Matura ab und erhielt schon 1813 in Gießen den Ehrendoktortitel in Philosophie.

Karl Wittes Vater ließ nichts unversucht seinen Sohn zu einem gewissen Bekanntheitsgrad zu verhelfen. Studienaufenthalte in Heidelberg, Köln und Berlin schlossen sich an. Aber als heranwachsender junger Mensch wurde er in seinen Entscheidungen nun langsam eigenständig und entzog sich nach und nach dem Einfluss seines Vaters.

Da Karl schon im Jugendalter Latein und Italienisch perfekt beherrschte, beschäftigte er sich mit der italienische Literatur des Mittelalters, die eine große Faszination auf ihn ausgeübte. Seine Leistungen auf diesem Gebiet und Dante Forscher, verhalfen ihm zu großem Ansehen und deshalb verlieh ihm der Papst persönlich für seine Arbeiten den Pius-Orden.

Das pädagogische Experiment von Witte Senior fand nun seinen jähen Abbruch, denn Karl entschloss sich, für weitere Studien nach Italien zu reisen. Intensiv befasste er sich dort mit dem römischen Recht und der mittelalterlichen Geschichte. Danach schloss sich eine akademische Karriere als Jurist an den Universitäten in Breslau an und im März 1829 erfolgte die Ernennung zum ordentlichen Professor für römisches Recht. Als Dozent für dieses Fachgebiet wurde er im Jahr 1833 an die Universität in Halle berufen.

Die Familie Witte wohnte nun im Herzen der Stadt Halle, erst am heutigen Universitätsring und ab 1836 in dem so genannten Riesenhaus. Dieses Gebäude ist schon über einige Jahre hinweg eingerüstet, sieht heruntergekommen und im großen Maße sanierungsbedürftig aus. Durch eine großzügige finanzielle Zuwendung der Familie war es möglich, eine Gedenktafel für Karl Witte an diesem Haus anzubringen, der 50 Jahre an der juristischen Fakultät in Halle tätig war. In diesem Haus lebte er bis 1865 und ist dann auf den Weidenplan verzogen.

Die Stadt Halle beherbergte (unter anderem auch diese) eine Persönlichkeit, die sich um große kulturhistorische Leistungen verdient gemacht hat, es aber leider nicht versteht, auf diese würdigend aufmerksam zu machen. Bisher ist es der Stadt nicht gelungen, ihre Schätze zu heben und mit ihnen zu wuchern und dabei strotzt die gesamte Region in und um Halle herum, nur so vor altdeutscher Geschichte! Erst vor einigen Tagen hat der Stadtrat beschlossen, sich nicht um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025" zu bewerben. Wieder einmal waren die Finanzen schuld!

Für mich ist es unverständlich, dass sich zwei Städte aus dem gleichen Bundesland in diesem Wettbewerb als Konkurrenten gegenüber gestanden haben. Weil das Zusammengehen von Magdeburg und Halle in der Bewerbung um den Titel nicht möglich war, werden so Kulturhistorik und bestehende Kulturlandschaften in unserem Bundesland "klein geschrumpft". Dabei hätte das arme Sachsen-Anhalt eine Immageaufbesserung bitter nötig gehabt. Dieser Teil Gegenwartsgeschichte, ist einfach nur ein Trauerspiel!

Nach etwa zwölf Jahren, die sich Karl in Halle aufgehalten hatte, begann für ihn eine schwierige Zeit. Die Studenten waren mit den Vorträgen ihres Professors nicht mehr zufrieden, da sie ihnen nicht all umfassend erschienen. Es wurde sogar behauptet, dass die Lehrwirksamkeit von Karl Witte nachgelassen hatte und sich von Jahr zu Jahr verschlechterte. Schließlich setzte man seine Vorlesungen ab. Umso erfolgreicher bestätigte sich Karl Witte aber im Spruchkollegium der Halleschen Juristenfakultät, in der sich heute noch einige Bände seiner rechtlichen Gutachten und Urteilskonzepte befinden.

Karl Witte war ein großer Gelehrter seiner Zeitund hatte es geschafft, sein großartiges Gedankengut in das sich gerade im intellektuellen Aufbruch befindliche Europa hinein zu tragen. Sein Leben und Wirken ließ die ehrgeizigen Erziehungs-& Bildungspläne seines Vaters in den Hintergrund treten. Für seine herausragenden Tätigkeiten in der praktischen Rechtsprechung der Gerichte und die langjährige Mitgliedschaft als Ordinarius an der juristischen Fakultät Halle, sowie als hervorragender Dante-Forscher und Übersetzer von italienischer Renaissanceliteratur ins Deutsche, hat er sich große Verdienste erworben. Wittes Nachdichtungen des "Decamerone" von Giovanni Boccaccio haben selbst heute ihre gültigen Fassung nicht verloren.

Am 6. März 1883 starb das "Wunderkind von Lochau" an den Folgen einer Lungenentzündung und wurde auf dem Stadtgottesacker in Halle beigesetzt. Sein Grab ist wegen Wiederbelegung jedoch nicht mehr auffindbar.

Quelle: "Die Liebenau" / herausgegeben von Walter Müller / Redaktion: Dr. Walter Müller unter Mitarbeit von Wolfhart-Bernd Engelbrecht und Dr. Johannes Stadermann/Dank gebührt auch Frau Wilfling und Herrn Schräpler, die ich zu diesem Thema konsultieren durfte, den netten Kolleginnen der Marienbibliothek, der Evangelischen Kirchengemeinde Halle, der "Laurentius" Gemeinde und Herrn Prof. Dr. Heinrich Lück/ Eingefügte Links


(Bildreihenfolge von links nach rechts)

Bild 01: Geburtshaus von Karl Witte in Lochau
Bild 02: Kirchturm der Kirche St - Annen in Lochau/Auf der Wetterfahne steht die Jahreszahl 1752. Es ist das Jahr des letzten großen Umbaus

Bild 03: Geburtshaus von Karl Witte mit Gedenktafel
Bild 04: Blick vom Innenhof zum Haus
Bild 05: Bitte einzutreten... Die unteren Räume werden auch noch heute von der Kirchengemeinde genutzt

Bild 06: Kirche St-Annen/Beispiel für Dorfkirchenbau im 18. Jahrhundert im
Bild 07: Epitaph von Hans von Dieskau an der Ostseite der Kirche/Kirchenpatron von Lochau und Dieskau

Bild 08: Kirchenfriedhof
Bild 09: Altar der Kirche St-Annen, vom Eingang aus gesehen
Bild 10: Rundbank
Bild 11: Die Errichtung dieser Bank war nur mit Hilfe von Spendengeldern möglich
Bild 12: Hinweisschild am Kircheneingang
Bild 13: Hinweisschild am Kircheneingang
Bild 14: Blick vom Innenhof zum Geburtshaus
Bild 15: Auch das kennt Lochau...
Bild 16: 1874 spendete Rittergutsbesitzerin Amalie Zimmermann 1200 Taler für den Einbau der heute noch bespielbar Orgel

Bild 17: Der Orgel auf die Füße geschaut
Bild 18: Die Orgel
Bild 19: Blick zum Altar aus Lindenholz
Bild 20: Blick von oben in den Altarraum
Bild 21: Blick von oben in den Altarraum
Bild 22: Innenraum mit klassizistischer Ausstattung
Bild 23: Seitenansicht Riesenhaus in der Brauhausstraße 16 in Halle
Bild 24: Der Balkon über dem Portal wird von den Riesen Atlas und Herkules getragen
Bild 25: Seitenansicht Riesenhaus
Bild 26: Gedenktafel, gestiftet von den Nachkommen der Familie Witte
Bild 27: Eingangsbereich vom Riesenhaus
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2 Kommentare
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ines engler aus Muldestausee | 01.07.2017 | 23:21   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 02.07.2017 | 08:18   Melden
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