Das Salzfest, Erasmus und ich

Salzsteinbehauung
 
Ritterhauen
Bei einem Fest, gleich welcher Art gibt es Dabeigewesene, Zuhausegebliebene, Nichtdavonwissende und Menschen mit anderen Ausreden. Die Dabeigewesenen unterteilen sich in zwei Kategorien. Das sind die durch Massen schlendernden, hier und da kaufenden, essenden und trinkenden Menschen, die das Wochenende nutzen, um sich berieseln zu lassen. Die andere Art sind die Berieseler, die Freude daran haben, Menschen zu unterhalten, auch wenn die vielleicht mit einem breiten Grinsen weitergehen. Mir haftet bei Stadtfesten auch ein breites Grinsen des Öfteren an, gehöre ich doch bei einigen Festen mehr zu den Berieselern, die im mittelalterlichen Gewand ein klein wenig die Leute unterhalten wollen. So zum Beispiel beim Salzfest 2016 in Halle. So entsteht natürlich eine ganz persönliche Sichtweise, die nicht mal annähernd die gesamte Breite der Veranstaltung erfassen kann und will.

Das Salzfest 2016 hat in diesem Jahr einen Vorteil, den Vorteil eines blauen Himmels. Da wird die Kehle schneller trocken und an Bier und Getränkeständen ist erst mal kein Mangel. Nach dem Bier und vielleicht auch davor kommt bekanntlich der Hunger, das gibt auch eine stattliche Anzahl von Buden. Und die müssen sein, bringen sie Umsatz und Standmiete. Der Veranstalter bekommt ja den Marktplatz von der Stadt nicht umsonst.

Doch zum Salzfest sollte auch viel Salz gehören. Nun, neben Salzstein zerkloppen und zwei Salzständen fanden in diesem Jahr tatsächlich Theaterstücke aus dem Mittelalter rund um das Salz auf der Hauptbühne vor dem Ratshof statt, womit wir wieder beim Berieseler sind. Ich hatte die schöne Aufgabe dieses kleine Programm am Samstag und Sonntag zu steuern. An sich nichts schlimmes, aber herzinfarktbehaftet, weil eben Mittelaltergruppen zwar ein stattliches Alter vorweisen wollen, aber auch sehr empfindlich reagieren, wenn man sie nicht genügend vorstellt oder beachtet. Das kann dann zu Komplikationen oder anderen Befindlichkeiten führen. Dieses Problem löst man mit einem Wutanfall, einer gehörigen Portion Improvisation und auch mit Hilfe von anderen Leuten, die man kennt. So kam doch noch ein solides Programm zustande und ich konnte mich in den Salzhändler Erasmus von Halberstadt verwandeln. Da wurde ich das Schlitzohr aus dem 15. Jahrhundert, der lautstark über die Bühne tobte und allerlei Abenteuer erlebte. Doch bevor dies geschah, gab es noch am Samstag einen mittelalterlichen Umzug von der Marktkirche zur Ratshofbühne, mit allerlei buntem Volk und zwei Ponys. Zwei Mittelaltertheatergruppen spielten dann Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit. Pax Domini (Friede dem Herrn) stellte die Magna Charta Hallensis von 1263 seriös und authentisch dar. Die Gruppe Quinta-X-Essentia (sprich quintaxessentia) als Theatergruppe des Hallischen Hansevereins e.V. hingegen zeigte einen Salzhandel mit Humor, Augenzwinkern und einem quiekenden Kind. Dabei spielten auch die zwei Ponys Peggy und Flöckchen vom Reiterhof Schurig eine tragende Rolle und trugen dann die Salzsäcke "gespielt" nach Prag. Zwei weitere kurze Stücke folgten ebenfalls seriös und auch lustig. So war das Mittelalter eben bunt, laut, seriös, sich selbst nicht ernst nehmend. Ob die Leute vor der Bühne, die mit Würstchen und Bier dem Treiben zuhörten, ihren Spaß hatten, ist schwer zu sagen. Das Mittelalter lebte von Sprache und Fantasie. Im satten, heutigen Zeitalter herrscht eine andere Mentalität. Der eine mag, was wir spielen, der andere nicht. Wer nicht wollte, konnte gehen und ausgiebig shoppen. Taschen und andere kaufbare Dinge waren standesgemäß an Ständen aufgebaut. Erasmus, das war nun mal ich, und seine Truppe hatten ihren Heidenspaß.
Die Hiobsbotschaft kam bald darauf. Für den nächsten Tag fiel eine Mittelaltertheatergruppe ersatzlos aus, wegen Krankheit.
Da stand ich nun mit zwei angekündigten Programmpunkten für den Sonntagnachmittag, die nicht stattfinden konnten. Irgendwann sagte mir mal ein Regisseur und Stückeschreiber, dass Improvisation die höchste Schauspielkunst sei. Also überredete mich meine Gruppe Quinta-X-Essentia zu einem Stegreifspiel, das ich dann ausarbeitete und am nächsten Tag im Schnelleinsatz eine Stunde vor Auftritt mit den Darstellern probte. So zimmerten wir ein Einstundenprogramm, mit Balladen, Hexentest und zwei Stücken zusammen und hatten sogar Beifall.
Zugegeben, ich habe wegen der Darstellung des Erasmus geschwitzt und wegen dem Ausfall, aber ich habe alles gerne gemacht. Mehr Salz ging für uns nicht an diesem Wochenende. Natürlich gab es noch mehr auf diesem Fest zu sehen. Einiges erlebte ich dann auch als normaler Besucher und verschwand irgendwo in der Masse. Da lobte ich mir meinen Erasmus, der auf die Leute zu ging und auch mal geschichtliches im persönlichen Gespräch preisgab.
Das ist zwar kein anderer Mensch, aber fast ein anderes Leben. Ich war nicht nur dabei gewesen, sondern Mittendrin.

Fotos, wenn nicht anders ausgewiesen (Sylvia Waldow)
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1 Kommentar
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Siegfried Behrens aus Halberstadt | 28.09.2016 | 16:08   Melden
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