"Der Gänsebrunnen"-Korrigierte Version

Gänsebrunnen in Kröllwitz, Fotomontage Bernd Stockmann
Als gebürtige Kröllwitzerin, um das mal so zu sagen, sehe ich Halle und Umgebung gern mit meinen „Kinderaugen“. Dazu muss ich nur spazieren gehen. Oft begleitet mich dabei meine Mutter,
die 1947 zum Medizinstudium nach Halle an der Saale gekommen war. Bei unseren Spaziergängen schaut sie gern in die Zeit ihres jungen Erwachsenenalters zurück.

Die große Anteilnahme an den verschiedenen Lebens- und Schicksalswegen der Menschen, die mit uns als Zeitgenossen durchs Leben und durch Halle gehen, ist eine Gemeinsamkeit von uns. Oft haben die alltäglichen Freuden und Nöte Spuren hinterlassen, an die fast keiner mehr denkt. Warum eigentlich?
Eingeschult wurde ich in die Kröllwitzschule. Damals gehörte der Gänsebrunnen für uns Kinder noch zum Bereich des Schulhofs, weil letzterer nicht eingezäunt war. Ich wusste bereits als Kind durch unsere Familienspaziergänge, dass die „Brunnengänse“ vor dem Museum auf dem Rosa-Luxemburg-Platz stehen, wie das heute noch der Fall ist. „Bevor der Brunnen 1956 stillgelegt wurde“, erzählte meine Mutter, „ereignete sich dort ein tödlicher Unfall.“

An dieser Stelle findet eine Korrektur der Redaktion statt:

Nicht in dem Brunnen, sondern in einem Feuerwehr-Löschteich auf dem Gelände der Schule, den man "Gänseteich" nannte, ertrank ein ungefähr 3 Jahre alter Junge.
Sehr kleine Kinder können leider auch in flacherem Wasser zu Tode kommen. Der Kleine hat in unseren Herzen ein „Denkmal“. Er wäre jetzt etwa 62 Jahre alt. Damalige Kröllwitzer aus der Nachbarschaft berichteten meiner Mutter über dieses schreckliche Unglück. Danach wurde darüber nie wieder gesprochen. Wahrheit oder Legende? Wir haben nicht versucht, es zu überprüfen.
Anm. d. Red.: Wie einige Zeugen des Vorfalls der MZ berichteten, ist der Unfall tatsächlich geschehen. Allerdings nicht im Gänsebrunnen, wie oben erwähnt.

Heute weiß ich, dass sich noch mehr Menschen für den Gänsebrunnen interessieren und einsetzen. Sogar ein Verein („Interessengemeinschaft Gänsebrunnen“) wurde zu diesem Zweck gegründet. (Katja Pausch, MZ 28.12.2015) Schön, dass die Gänse-Plastiken von Gustav Weidanz „nachgegossen“ werden und die damaligen „Augenzeugen“ des tödlichen Unfalls vor dem Museum verbleiben sollen. Auch mein Sohn, Bernd Stockmann, wünscht sich die Schönheit des Brunnens zurück, was er durch seine Fotomontage ausdrückt. Als Erwachsene schrieb ich über den Gänsebrunnen unlängst ein Gedicht. Es ist eins meiner vielen, z.T. bereits veröffentlichten, Halle-Gedichte, in denen ich das „gelebte Halle“ betrachte. Auch ich wünsche mir die alte Schönheit des Platzes vor der Petrus-Kirche zurück, zusammen mit den wunderschönen Rosen, die diesen reichlich zierten. Wir freuen uns auf die Rekonstruktion des Gänsebrunnens.

Ich wusste es von Mutti:

Der Gänsebrunnen

(Kindheitserinnerung aus Kröllwitz)
Ingrid Ursula Stockmann am 05.11.2013

Früher war der Brunnen mit Wasser gefüllt,
einst war’n die Gänse für uns gewillt,
mit ihrem „Geschnatter“ uns zu unterhalten,
das wissen die Kröllwitzer, fragt die alten.

Ein sehr kleiner Junge aus der Nachkriegszeit,
pfiffig war er, neugierig und durchaus gescheit,
krabbelte auf des Brunnens schmalen Rand,
wo er keinen Halt mehr fand.

Der Kleine tauchte ins Wasser hinein
und er dachte wohl, unten würde oben sein.
Mama sprach mit der Nachbarin ohne Bengel,
da wurde aus ihm ein kleiner Engel.

Die Gänse hätten gern laut geschrien:
„Hilfe, Hilfe, so rettet ihn!“
Man ließ aus dem Brunnen das Wasser hinaus,
denn dieses Ereignis war allen ein Graus.

Später die Männer mit starken Armen
die armen Gänse vom Brunnen mitnahmen.
Er wurde nun voll mit Erde gefüllt,
die Gänse hätten beinah’ vor Gram gebrüllt.

Vor dem Museum „Unserer Vorzeit“ stehen
die Gänse, die Kröllwitz nicht mehr sehen.
Und nun sind sie brav auf jenem Platz,
freu’n sich über Kinder vom Spielplatz.

Und Freude woll’n sie ihnen schenken,
während sie der Rosa Luxemburg gedenken.
Als ich in die Schule neben dem Brunnen kam,
da war er schon kahl und ach, so arm.

Lebendig machten wir ihn mit ‘nem Fangespiel,
das Kleinen und Größeren gut gefiel:
„Hexe, Hexe Kau-Kau,
ausgestopfter Wau-Wau!“

Den Brunnenrand ging’s hoch und runter,
ach, wie waren wir doch munter.
Bei diesem Spiel die Kinder schrie’n.
Das nahmen die Erwachsenen nicht so hin.

Auch wollten sie beileibe nicht,
dass einer sich’s Genicke bricht.
Die drei Gänse hätten gern zugeseh’n
und uns gewarnt, weil einst Schreckliches gescheh’n.

Später tobte sich da kein Kind mehr aus,
man machte neue Erde und Stiefmütterchen drauf.
An Charme hat der Brunnen zwar verloren,
doch er hofft noch heute auf Sponsoren.
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Zeitung | Erschienen am 01.02.2016
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1 Kommentar
MZ - BürgerReporter aus Halle (Saale) | 29.01.2016 | 18:39   Melden
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