Der Zauber des Anfangs

Halle (Saale): Christa Beau | Ein Sturm fegt über’s Land, zerstört die weihnachtliche Dekoration auf meinem Balkon, trägt goldene Ketten, bunte Kugeln und Glöckchen irgendwohin.
Der Sturm begleitet den Wechsel vom alten zum neuen Jahr, dringt in das Lachen der Menschen, in das Leuchten von Feuerwerkskugeln, in Geballer, in die Verkündung des neuen Jahres.
Hoffnung wächst. Die Hoffnung, dass das Begonnene für den Einzelnen Erfüllung und Glück bringen möge.
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft, zu leben”, so sagte es der Dichter Hermann Hesse.
Beim Leuchten all der farbigen Kugeln hoch oben am Himmel, dringt auch in mich das Gefühl der Freude, und der Glaube an das Gute im Menschen, dem Menschen neben mir, dem Menschen im fernen Land ist wieder da.
Die Bilder, die das Fernsehen am Abend zeigte, Männer, die Maschinengewehre auf Menschen richten und keine Skrupel haben, den Abzug durchzudrücken, verblassen. Verblasst sind auch die Bilder des deutschen Kosmonauten, der monatelang im All experimentierte und ein Zeichen setzte, wie weit die Wissenschaft sich in den letzten Jahren entwickelt hat.
Wie wird es weitergehen? Werden all die wissenschaftlichen Erkenntnisse, all die Erfahrungen im Interesse des Menschen, im Interesse der Menschlichkeit eingesetzt?
Traurige Augen von hungernden Kindern aus der Dritten Welt, aber auch die dünne, kalte und zitternde Hand des Bettlers aus der Straße in meiner Stadt kommen mir in den Sinn.
Was kann ich tun, gegen das Elend, dass es auf dieser Welt im äußeren Glanz und Glimmer, dem übermäßigen Reichtum Einzelner gibt?
Nie kann man genug geben für alle die, die an schwerer körperlicher Krankheit leiden, für die Menschen, deren Augen von seelischer Erkrankung sprechen, für die Freunde und Verwandten, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, für die Verzweifelten, Traurigen, für die Besiegten.
Immer werden meine Gaben, die Zeit, die ich hergebe, die kleinen materiellen Dinge, die ich zu geben vermag, zu wenig sein, viel zu wenig.
Und doch werde ich sie weiter vergeben, leise, ohne den Wunsch auf Anerkennung, ohne einen Orden dafür zu erwarten, Gaben, nirgendwo abrechenbar. Ich gebe sie, wie es Tausende tun, deren Namen nie genannt werden.
Ein Lächeln, eine streichelnde Hand und manchmal auch der verlegene Blick, der Beschenkte in gleichem Maße beschämt wie den Schenker, sind die Berührungen, die stärken.
Als aus einer Leuchtkugel wohl hundert rote Sterne entstehen, denke ich an die Liebe. Ich will sie mir bewahren und darin den Sinn und Zweck des Lebens finden. Ich will sie weitergeben an meine Enkelkinder, Freunde, an die Menschen an meiner Seite. Das wird nicht leicht sein. Die Ellenbogengesellschaft, die Gier nach Macht und Reichtum bieten dafür keinen Nährboden.
Auf solch einem Boden aber wachsen Neid und Egoismus. Der Schwache, und damit meine ich nicht den charakterlich Schwachen, wird in’s Abseits gedrängt und reagiert mit seelischer Störung auf den krankhaften Umgang, den Mitmenschen praktizieren.
Ich denke an Schüler, die Gewalt, körperliche und seelische, gegen Mitschüler und Lehrer gerichtet haben. Es ist nur eine Art des Terrors, den die Medien täglich im Land verbreiten.
Meine Gedanken schweifen zu meinen Enkelkindern, ihren fragenden Augen und dem Pfirsichbaum in meinem Garten.
„Voll Blüten steht der Pfirsichbaum, nicht jede wird zur Frucht”.....„Es muss auch Spiel und Unschuld sein und Blütenüberfluss, sonst wär die Welt uns viel zu klein, und Leben kein Genuss”, formuliert der Dichter meine Gedanken treffend in einem Gedicht.
Auch Kinder sind Persönlichkeiten mit Eigensinn, formbar. Mein Vorbild, das Vorbild der Erfahrenen, Wissenden, wird Einfluss darauf haben, wie sie das Morgen prägen.
Es ist mir klar, dass ich in all dem Gerangel in meiner Umwelt, meiner Stadt, meinem Land, der Welt, mein persönliches Glück bewahren, den Frieden für meine Seele erhalten muss. Ich weiß, es wird neue Wunden geben, und ich muss Mittel finden, sie zu heilen, muss alte und neue Narben schützen.
Wege sind oft steinig, und man muss sie ebnen, Stück für Stück und Hand in Hand mit der Zeit. Vielleicht wird dabei nicht nur mein Körper schmerzen, sondern auch das Herz, wie schon manchmal. Später, nach getaner Arbeit dringt mein Lachen wieder in Häuser ein, fliegt über Wiesen und verebbt nicht im Grün meines Gartens. So war es und so wird es werden. Ich werde mir wichtig sein, ohne mich wichtig zu nehmen.
Wieder ist ein Anfang da, ein Anfang, der vieles ermöglichen kann, vieles begräbt und das Leben weiter führt.
4
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
1 Kommentar
9.063
Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 15.12.2015 | 05:37   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.