Die Franckeschen Stiftungen als frühe "Sonderwirtschaftszone" - Eine etwas andere Sichtweise auf Franckes Wirken in Halle

Halle (Saale): Franckesche Stiftungen |

Die Entfaltung der Franckeschen Stiftungen in Halle war mit bestimmten historischen Begleitumständen und Regularien verknüpft, die aus Sicht der modernen Regionalökonomie viele Parallelen zur Entstehung von Sonderwirtschaftszonen aufweisen. Um diese These zu untermauern, geht der Beitrag auf verschiedene dieser Begleitumstände und Regularien genauer ein.

Sonderwirtschaftszonen als Instrument der Wirtschaftspolitik

Sogenannte Sonderwirtschaftszonen sind in den vergangenen Jahren von Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch von entwickelten Ökonomien (z.B. Großbritannien) eingerichtet worden, um die Ansiedlung von Zweigbetrieben und neugegründeten Unternehmen in Regionen mit geringen Wirtschaftsaktivitäten zu erleichtern. Die in den Zonen angesiedelten Firmen profitieren von Ausnahmeregelungen wie z.B. Zollfreiheit, reduzierten Steuersätzen und Erleichterungen im Arbeits- und Tarifrecht.

Die Anfänge: Charisma, Zugang zu und Formung von Humankapital

Bekanntlich wurde Francke nicht als Unternehmer nach Halle gelockt, sondern übernahm 1691 eine Stelle als Pfarrer in Glaucha in Verbindung mit einer Professur für griechische und orientalische Sprachen an der theologischen Fakultät der neu gegründeten Universität Halle. Bald erwies sich sein vorher bereits in Leipzig und Erfurt zu Tage getretenes Talent und Charisma, durch seine (bis heute in pietistischen Strömungen erhalten gebliebene) Art der Glaubensverkündung und Bibelauslegung Gläubige um sich zu scharen und aus diesen eine Gruppe mit der Dynamik einer sozialen Bewegung zu formen. Seine Tätigkeit in Glaucha führte ihm die Bildungsdefizite der dortigen Kinder und Jugendlichen vor Augen. Daraus entstand der Handlungsimpetus, diese Zielgruppe systematischer in eigenen Räumlichkeiten zu betreuen und zu unterrichten (Gründung einer Armenschule 1695). Die anfängliche Umsetzung seiner Pläne gelang mit Hilfe von Spendengeldern, durch unentgeltliche Arbeitsleistungen seiner Glaubensgenossen und durch seinen Zugriff auf Studenten und Absolventen der Universität, aus denen er Teile der benötigten Lehrerschaft rekrutierte. Francke besaß besonders gute Chancen, dieses „Humankapital“ nach seinen Vorstellungen zu formen: einmal durch seine professorale Lehrautorität und zum andern durch sein Angebot, pädagogische Ideen in der Praxis des Waisenhauses umzusetzen. Er beauftragte auch Studenten mit Erkundungsreisen, um Erfahrungen aus „Best Practice“-Beispielen anderer Regionen mit dem Waisenhauswesen zu ziehen. Im Jahr 1699 wurde die pädagogische Ausbildung durch die Einrichtung einer Lehrerbildungsanstalt (Seminarium praeceptorum) institutionalisiert.

Die besondere Qualität des Bildungs-Outputs: Arbeitsethos und Loyalität zur Monarchie

Die von der Obrigkeit an die Bildungsmaßnahmen und Erziehungsreformen gerichteten Erwartungen müssen groß gewesen sein, denn bereits drei Jahre nach der Schulgründung öffnete der preußische Hof 1698 Francke in Form bestimmter Privilegien Tür und Tor, um sein Konzept in größerem Maßstab umzusetzen. Das erscheint auch insofern bemerkenswert, als nach drei Jahren die konkreten Folgen der Franckeschen Strategie in Form von Schulabgängern samt beruflicher Karrieren noch kaum sichtbar sein konnten. Dieser politische Erfolg scheint sowohl dem guten „Lobbying“ von in Berlin anwesenden Vertretern des Pietismus als auch der Qualität von Franckes Bildungskonzepten zuzurechnen zu sein. Letztere überzeugten durch die Aussicht, zugleich a) bisher ungenutzte Potenziale in der Bevölkerung für die Berufsarbeit zu erschließen, b) bei den Auszubildenden einen hohen Arbeitsethos zu verinnerlichen (Abkehr von externer Kontrolle) und c) deren Funktionieren in hierarchischen Arbeitsbeziehungen durch Indoktrinierung hoher Loyalität gegenüber legitimen Herrschaftsinstanzen zu gewährleisten.

Die Privilegien für das Waisenhaus als Grundlage einer eigenen „Sonderwirtschaftszone"

Die vom preußischen Hof 1698 verliehenen Privilegien lassen sich unterteilen in solche, die die Rechtsstellung des Waisenhauses betrafen (Direktunterstellung unter den Kurfürsten, quasi An-Instituts-Status in der Universität, eigene Anstalt des öffentlichen Rechts), Karriereoptionen seiner Schüler absicherten (Lehrlingsanstellung von Waisen bei den Zünften ohne Herkunftsnachweis, Gebührenfreiheit bei Aufnahme in Gesellenverbänden, Bevorzugung Studierender bei der Stipendienvergabe) und in solche, die die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten absichern sollten. Hierunter fielen a) das Vorkaufsrecht für sämtliche angrenzenden unbebauten Grundstücke, b) die uneingeschränkte Akzise-, Zoll- und Geleitfreiheit für das Waisenhaus, c) Lizenzen für eine Buchdruckerei und-binderei, einen Bücherverkauf, eine Apotheke sowie für die Anstellung diverser Handwerker für Ausbildungszwecke, d) das Back- und Braurecht sowie e) die finanzielle Absicherung durch die Einführung innerkirchlicher Zwangsabgaben, Zusicherung eines Zehntels gerichtlich verhängter Geldstrafen und das Recht auf Erhebung einer Kollekte im preußischen Herrschaftsbereich.
Diese sehr weitgehende Gewährung von Sonderrechten stieß in der Folgezeit auf Protest verschiedener Zünfte sowie anderer Berufsverbände und wurde in Teilen wieder zurückgenommen. Auf der anderen Seite wurden aber weitere Privilegien hinzugefügt, wie das 1702 erteilte Recht, Vorprodukte wie Wolle oder Flachs steuerfrei einzukaufen. Mit den verliehenen Privilegien war die Basis gelegt für eine wachsende Dynamik wirtschaftlicher Aktivitäten auf dem Waisenhaus-Territorium. Diese Dynamik wurde gesteigert durch den Umstand, dass anders als bei vielen Privatunternehmen der erzielte Gewinn praktisch vollständig in das expandierende Unternehmensgeflecht „Waisenhaus“ reinvestiert wurde. Allerdings erwiesen sich nicht alle Aktivitäten als profitabel: Manufakturprojekte wie Strumpfwirkerei oder Porzellanmanufaktur wurden wieder aufgegeben.

Der Bibelvertrieb – Vorläufer von Amazon?

Neben der Apotheke erwiesen sich in der Folgezeit der Bibeldruck und –verkauf als wirtschaftlich besonders erfolgreich. Der Einstieg in den Bibeldruck mit hohen bis damals nicht realisierten Auflagen und in einer Vielzahl von Sprachen wurde durch eine Spende (Investition) des Freiherrn von Canstein möglich (1710 Gründung der Hallischen Bibelanstalt). Die durch Produktivitätsgewinne beim Druck (einmal gefertigter Lettersatz wurde beibehalten und nicht wieder für andere Druckaufgaben auseinandergenommen) möglichen günstigen Preise und ein weit über deutsche Grenzen hinausreichendes Vertriebsnetz begünstigten den Bibelabsatz. In diesem Geschäft standen ökonomischer Nutzen und pietistisches Sendungsbewusstsein in besonders enger Verbindung.

Die ökonomische Wirkung des Waisenhauses auf das städtische Umfeld als Forschungsfrage

Die Gewährung der oben aufgelisteten Privilegien stellte damals einen massiven Eingriff in das staatliche auf die Wirtschaft bezogene Regelwerk dar. Über die kurz danach einsetzenden Proteste von Vertretern anderer wirtschaftlicher Interessen hinaus ist aber relativ wenig darüber bekannt, wie sich die neu befeuerte wirtschaftliche Dynamik damals auf die Aktivitäten der lokalen Wirtschaft in und um Halle ausgewirkt hat. Blieb die neue Dynamik auf das Waisenhaus beschränkt? Hinderte die Vielfalt an Aktivitäten die Entfaltung mancher Gewerbe im Stadtgebiet? Erlebten einzelne Unternehmen in der Stadt einen Aufschwung als Zulieferer für das Waisenhaus? Diesen und anderen Fragen lohnt es sich, genauer nachzugehen.

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sonderwirtschaftszone
www.theologie-examen.de/exzerpte/kg/Klaus%20Deppermann.doc
http://192.124.243.55/digbib/43k11.htm
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