Die Pilgerung des Thietmar – Eine tausendjährige Geschichte

Bischof Thietmar von Merseburg im Pilgergewand
 
Thietmar und der Gefangene auf Giebichenstein
 
Graf Azzo aus Mailand, er muss den Gotteskampf bestehen
 
Gero und Thietmar schmieden ein Komplott, der Auslöser der Zweifel von Thietmar und der Pilgerreise
1000 Jahre können eine lange Zeit sein und mancher meint, dieser Zeit nichts mehr abgewinnen zu müssen. Doch Geschichte ist nicht nur spannend, sondern auch oftmals sehr lebendig. Diese Lebendigkeit kann man sogar bis in die Jetztzeit im wahrsten Sinne des Wortes erleben und sogar anfassen.

Thietmar, Bischof von Merseburg lebte von 975 bis 1018 und hinterließ der Nachwelt eine mehrbändige Chronik seiner Zeit. Für die Wissenschaft äußerst interessant, zeigt sie doch die Entwicklungen und das Leben jener Zeit. Fast 1000 Jahre später, als es in Sachsen-Anhalt an jeder Ecke luthert, entdeckt ein Nichtchrist besagten Bischof wieder und beschließt in seine Fußstapfen zu treten. Was auf den ersten Blick müßig erscheint, beginnt sich zu einem Projekt zu formen und nennt sich für die Nachwelt „Thietmars Flussreisen“. Thomas Kirchhoff heißt der Initiator und er hat Mächtiges vor. In die Rolle des fleißigen Annalenschreibers, fanatischen Slawenbekehrers und Domerbauers zu schlüpfen ist die eine Seite, sie mit Leben zu erfüllen und den Menschen näher zu bringen, die andere Seite. So legt Thomas seine Geschichte des Thietmars auf sechs Jahre an und beginnt im Jahre 2015 mit seinem Projekt, das an historischen Orten die Geschichte des Kirchenfürsten jeweils eine Woche Ende Juli nachspielt. Ob auf der Saale oder in den Orten des Wirkens kann man Thietmar nun auch hautnah erleben und nicht nur das, in Spielszenen wird sein Leben nachgestellt, so wie er es einst in seiner achtbändigen Chronik beschrieb. Womit wir nach drei Jahren nach dem Beginn im Jahre 2017 wären und eben diese Tausend Jahre erreicht haben. Von Luther war freilich im Jahre 1017 noch keine Spur, hat doch die Geschichte ihm erst 500 Jahre später seinen Platz reserviert. Beide Männer, der Lutheraner und der gottesfürchtige Katholik, hätten sich auch kaum verstanden, wären wohl vielmehr die besten Feinde oder Schlimmeres geworden. So heißt den die dritte Geschichte des Dom-zu-Dom-Projektes auch „Glaube und Zweifel“ und genau der befällt Thietmar von Merseburg, als er mit Gero von Magdeburg an einem warmen Julitag im Jahre 1017 auf dem Giebichenstein ein Komplott schmiedet. Die Giebichensteiner Zuschauer des Jahres 2017 sind erstaunt, als plötzlich eine mittelalterliche Gruppe, angeführt von Bischof Gero von Magdeburg, auf der Oberburg auftaucht und einen Gefangenen (der zu jener Zeit historisch verbürgt ist) ein Gottesurteil aufbürdet. Das ist nur eine der zahlreichen Spielszenen, die nun Thietmar begleiten. Der ist gar nicht zufrieden mit dem Urteil und meint eine schwere Bürde auf sich geladen zu haben. Doch Bischof Gero, ein Diplomat und gewaltiges Schlitzohr seiner Zeit, weiß für den ehrwürdigen Bischof Rat. Eine Pilgerung muss her, um die Sünden zu Sühnen.

So wird am nächsten Tag, es ist Sonntag der 23.07.2017, respektive 1017, das Gottesurteil auf der Würfelwiese vollzogen und in Thietmar keimen Zweifel an seinen Glauben auf. Er ist fest entschlossen, diesen Pilgerpfad in der darauffolgenden Woche zu gehen und schon befinden wir uns bei der Doppelkapelle in Landsberg einen Tag später, wo sich schon ein wenig neugieriges Volk versammelt hat und der Dinge harrt, die da kommen. Und die kommen in Gestalt von Thietmar im Pilgergewand, seinen Begleiter Bruder Bernhard und vier morgenländischen Schutzbefohlenen, die Land, Leute und Kultur auf ihrer 102km lange Pilgerung im wahrsten Sinne des Wortes mit den Füßen erkunden wollen. Im wirklichen Leben unterrichtet Thomas Kirchhoff die Gruppe Migranten in Sachen Deutsch und die teilen sein geschichtsträchtiges Hobby, das er unter dem Deckmantel des Hallischen Hansevereins e.V. so hautnah frönt. Doch kehren wir zur Doppelkapelle zurück, wo sich eben Bischof Thietmar mit seinen Getreuen anschickt, die erste Etappe von Landsberg zum Petersberg anzutreten, als plötzlich der Ortsälteste Kazimierz auftaucht, um den heidnischen Göttern opfern. Im Gefolge hat er die Dorfbewohner, die im wirklichen Leben des Jahres 2017 auch tatsächlich Dorfbewohner sind. Das fordert den Bischof heraus, der sofort den Kazimierz missioniert und beide singen voller Inbrunst ein kirchliches Lied. Kazimierz ist noch nicht ganz überzeugt und seiner Götzen beraubt, singt er freilich in seiner Sprache, die den Gott Jolsa anbetet. Doch Thietmar ist zufrieden, da der Singsang wenigstens kirchlich klingt. Es ist an diesem Tag nicht überliefert, wie weit der Wind das kräftige Singen der Männer und Dorfbewohner getrieben hat, aber filmisch festgehalten ist es allemal.
Nachdem Besuch der Doppelkapelle und erfolgreicher Missionierung bricht endlich die kleine Gruppe in Richtung Wettin auf. Kazimierz bleibt halb froh, halb zweifelnd zurück, hat ihm doch der Kirchenfürst als Ersatz für seine Götzen den bitter benötigten Regen angekündigt.

Irgendwie schien Gott den Bischof dann sehr ernst genommen zu haben und es begann schon bald tatsächlich zu regnen. In Wettin schüttete es geradezu und die Wandertruppe, die ihre ersten Kilometer hinter sich hatte und damit auch die erste Etappe, kam feucht, aber zufrieden auf dem Petersberg an.
Das Kloster und die Stiftskirche St. Peter empfing sie mit kühler Stille und Thietmar hielt an diesem Tag erst mal inne. Er dachte an Gott, seinen Glauben und seinen Zweifel. Das die Pilgergruppe sogar auf den Lutherweg wandelte, wurde Thomas Kirchhoff zwar bewusst, ging aber Thietmar nichts an.

Schon am nächsten Morgen brachen die Pilgerer vom Kloster auf in Richtung Wettin. Indes hatte der Regen zwar nachgelassen, wurde aber auf dieser Tagesetappe trotzdem ein Gefährte und nahm sich vor, den Weg entsprechend zu befeuchten. Das focht einen wackeren Kirchenmann und seine Getreuen nun gar nicht an und sehr zur Verwunderung vieler Leute (und noch mehr Autofahrer) zog die Pilgerschar übers Land, schwatzend, schweigend, pausierend aber immer frohen Mutes. Irgendwann am späten Nachmittag kam Thietmar endlich in Wettin an, hielt wiederum inne, um seine Zweifel abzuklopfen und bereitet sich gedanklich schon auf die dritte Etappe vor.

Pünktlich um 10.00 Uhr am nächsten Morgen setzte er mit einer Fähre über die Saale. Mit dabei war Bischof Gero, der sich auf der Burg Wettin aufhielt und sich über den Werdegang seines Schützlings erkundigen wollte. Bei strömenden Regen nahm er noch schnell die Beichte ab, schmetterte ein „Ego te absolvo“ in den wolkenbehangenen Himmel und einen Moment später waren Thietmar und Pilgerkollegen hinter der nächsten Weggabelung Richtung Eisleben verschwunden. Doch bevor die Truppe die Lutherstadt erreichte, passierten sie Höhnstedt, wo im Weingut Born ihnen ein herzlicher Empfang durch den Franziskaner Bruder Justus geboten wurde.

Die Mägde Ketlin und Sarah hatten dort den Tisch mit Früchten, Gemüse, Schinken, Brot und Käse eingedeckt und mit einem „Brot und Salz – Gott erhalt’s“ empfing die kleine Magd Ketlin die eintretenden Gäste aufs herzlichste. Das ist dann auch ein munteres Schlemmen, sehr zur Freude des MDR – Fernsehens, dass die Kamera mitten unter die Leute hielt. Doch die Sühnepflicht rief und bald darauf ging es im schönsten Regen, Gott meinte es ein wenig zu gut, über die Höhnstedter Weinberge in Richtung Eisleben. Ketlin wies den Weg und winkte ihnen nach.

Im Kloster Helfta wurde noch Zwischenstation gemacht, wo der vorausgeeilte Bruder Justus (1017 mit Pferd, 2017 mit Auto) wiederrum Thietmar empfing und herumführte.
Endlich erreichten sie den Markt in Eisleben. Irgendwie entdeckten sie auch das einzige Geschäft, das ein Plakat erlaubte. (Thomas hatte im Vorfeld der Planung bei den anderen Geschäften Absagen bekommen) Die Truppe betrat den Dönerladen und bedankte sich. Auch tausend Jahre zuvor waren integrierte Ausländer kein Problem. Unter Luthers Denkmal kamen die Pilger zu stehen und Thomas wusste die seltsamen Weissagungen des Thietmar zu erzählen, der in fünfmal hundert Jahren eine radikale Wende in Mutter Kirche voraussagte. Damit hatte der Kirchenfürst nicht nur recht, denn heute luthert es gewaltig im Mansfelder Land, so gewaltig, das andere historische Gestalten es schwer haben, auch ein wenig mitzuhalten. Vielleicht führte das zu der Äußerung des Bruder Bernhards, dass er zu Luther nichts vermelden will, sei dieser doch ein Ketzer. Nun, zweihundert Jahre später waren aber auch die Zisterzienser, zu welchem Bruder Bernhard zählt, Geschichte. Ihr Hochmut hatte sie zu Fall gebracht.

Der Aufbruch zum dritten Tag erfolgte vom Markte im Eisleben aus und tatsächlich ist an diesem Tag Marktplatz und die Pilgersleute bahnen sich einen Weg durch die Menschenmassen. Sie hinterlassen staunende Gesichter. Thietmar hingegen ist mit seinen Gedanken schon beim nächsten Ziel – Walbeck. Dort wartet schon jemand auf die Pilgergruppe.

Der jemand ist Gertrud Alfter, Besitzerin des Planteurshauses, einer Pilgerherberge des Luther- und des Jacobsweges, die es sich nicht nehmen liess, die Pilgersleute auf dem Sonnenschloss zu empfangen. Gern zeigte sie die Überreste des ehemaligen riesigen Klosters aus dem 10. Jahrhundert, das vielleicht schon Thietmar kannte und besucht hatte. Im Raum des ehemaligen Refektoriums atmete Thomas tief durch und fühlte sich mit Thietmar eins. Der hingegen bemerkte schon Anzeichen des Weichens seiner Zweifel. Bevor die Pilger aber zu einem zünftigen Mahl im Planteurshaus kamen, statteten sie dem Pächter der tausendjährigen Fischteiche einen Besuch ab, ließen sich von der Räucherei beeindrucken und eine frisch geräucherte Makrele einpacken. Dabei lauschten sie der Geschichte und hörten auch von der wörtlichen Umgehung ihrer Kultur und touristischen Reize durch die Straße der Romanik. Es fehlt an Interesse und einem Organisator und dann sieht alles ganz anders aus. Thietmar versteht, wovon Hagen Hepach spricht, nahmen von seiner Pilgerung die Deutschen zu wenig Notiz. Mit Harpe Kerkeling oder Luther hingegen hätte er wohl eine Traube Wanderer hinter sich gehabt. So nimmt er mit seinen ausländischen Getreuen vorlieb, die mehr von deutsche Geschichte lernen, als mancher Deutsche in seinem Leben.

Frau Alfter hatte das Mahl versprochen und ihr Wort reichlich gehalten. Endlich hatten die Pilger für eine Nacht auch Betten und Thietmar viel Zeit zum Nachdenken.
Zum Beispiel über die fünfte und letzte Etappe - von Walbeck nach Alsleben. Das ging dann flotten Fußes. Bei bestem Wetter und endlich auch Sonne, Gott bekam wohl von der vielen Feuchtigkeit Tränen in den Augen, ging es flugs durch Sandersleben über Belleben in Richtung der einstigen Saalehafenstadt Alsleben. Wo sich einst vor Jahrhunderten Schiffer tummelten, gab es außer vielen Autos nur viel Ruhe. Bischof Thietmar hatte es aber geschafft und küsste an der Saale den für ihn Heiligen Boden. Er fiel vom Zweifel ab und fand den Glauben wieder. Hier war er gottesfürchtig, hier durfte er es sein. Seine Mission war geschafft, von allen Sünden war er durch Gero und mehr noch durch seine Füße befreit.

Mit dem Ende der Pilgerung neigte sich auch das diesjährige Domprojekt zu Ende. In Alsleben gab es am Samstag einen Mittelaltermarkt und eine weitere Szene aus dem Leben des umtriebigen Bischofs. Die Abtsweihe erfolgt denn auch am Sonntag, d. 30.07.1017 /2017 in Nienburg, wo Thietmar mit dem Kaffenkahn, diesmal trockenen Fußes, hin schippert.

Eine Woche Projekt Dom zu Dom, eine Woche Geschichte pur, von den Medien in Fernsehen und Zeitung beachtet, hätte sich mehr Zuschauer gewünscht, aber die Zeiten sind nicht so und die Zweifel noch laut. Wenigstens kann man auf das 4. Jahr des Dom-zu-Dom-Projektes gespannt sein, wenn es heißt Thietmars Flussreise „Thietmar – seine letzte Reise“, war er doch eine Woche zuvor gerade so dem Tode von der Schippe gesprungen und von der Heilerin Eilika ins Leben zurückgerufen worden.
Thietmar von Merseburg - eine tausendjährige sehr lebendige Geschichte.


Die Videodokumentation der fünftägigen Pilgerung hier...
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