Gedanken zur dunklen Zeit

Es geschieht mit uns etwas Eigentümliches, etwas Geheimnisvolles um die Weihnachtszeit. Kaum jemand kann sich dem Zauber entziehen, jeden berührt sie, ob er es sich eingesteht oder nicht. In der dunklen Jahreszeit kann schon das Licht einer Kerze ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit im Herzen wecken.
In unseren Kindheitserinnerungen wird wohl immer wieder ein strahlender Lichterbaum den ersten Platz einnehmen, gefolgt von Weihnachtsliedern und Geschenken. Wenn wir dann mit der Familie im Kerzenschein sangen 'In den Herzen ist's warm, still schweigt Kummer und Harm', vom Kind in der Krippe oder der 'seligen, gnadenbringenden Weihnachtszeit', dann war kein Platz mehr in uns für trübe Gedanken. Jedermann war statt dessen erfüllt von Hoffnung, Trost und Zuversicht. Man war zu Versöhnungen bereit und sogar, erlittenes Unrecht zu vergeben.

Die Stiefmutter hatte aus ihrer Heimat einen schönen Brauch mitgebracht, der in unserer Familie einige Jahre gepflegt wurde: An den Feiertagen wurde ein Gedeck mehr auf den Tisch gestellt, als Esser teilnahmen. Es sollte daran erinnern, dass es arme Menschen gab, die sich kein Festmahl leisten konnten und sollte einmal ein solch Bedürftiger an unsere Tür klopfen, so könne er gleich sehen, dass er erwartet und willkommen sei. Sie erzählte, dass es in ihrer Heimat gar nicht so selten vorgekommen war.
Wie habe ich als Kind jedes Jahr sehnlichst gehofft, dass sich jemand zu uns verirrt! Ich liebte es schon damals zu schenken und konnte mich an der Freude der Beschenkten selbst herzlich freuen. Doch immer wartete ich umsonst.

Später geriet dieser Brauch bei uns in Vergessenheit und ich habe ihn als Erwachsene selbst nicht weitergeführt. Nur manchmal denke ich noch daran.
Doch es nützte auch nichts, den Tisch zusätzlich zu decken: Heute würde erst recht niemand mehr anklopfen. Nicht etwa, weil es keine bedürftigen Menschen mehr gibt – leider ist 'Armut' wieder ein häufig gebrauchtes Wort – sondern weil wir uns verändert haben. Auf beiden Seiten sind mehr Angst und Misstrauen als Verständnis. Manchmal ist es einfach nur Gedankenlosigkeit, manchmal beruhigen wir unser Gewissen mit einer obligatorischen Spende.

Wie aber gibt man denen die Hand, die uns mit fragenden Augen ansehen? Wer heißt sie unter seinem Weihnachtsbaum, an seinem Tisch willkommen? Manchmal sind diese Menschen unsere direkten Nachbarn, manchmal sind es Fremde aus einem anderen Land. Und dann ist da auch diese Scheu: Wird meine Hand überhaupt angenommen? Wird diese Geste etwa als Belästigung oder gar Bedrohung verstanden?
Es wird wieder Weihnachten.
Und es ist kalt geworden.
In den Herzen.
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