Hass auf Händel?

Halle (Saale): Georg-Friedrich-Händel-Halle | Seit der hochwasserbedingten Absage der Händel-Festspiele durch Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff in der vergangenen Woche wird in diversen Online-Foren - darunter auch in den Kommentarspalten der Mitteldeutschen Zeitung - leidenschaftlich über das Für und Wider dieser Entscheidung diskutiert. Neben denjenigen, die die Absage vor dem Hintergrund der aktuellen Verkehrs- und Infrastrukturprobleme für völlig gerechtfertigt halten, und denjenigen, die für eine situative Einschränkung der Spielpläne mit der Möglichkeit von Benefizveranstaltungen zugunsten der Hochwasseropfer als die bessere Alternative werben, sticht aus der Menge der Diskutanten überraschend eine dritte Gruppe hervor, die großen Teilen der Kulturszene unseres Landes offenkundig mit Abscheu gegenübersteht.

So ist in den Kommentarspalten der MZ und in den Facebook-Kommentaren der Veranstalter einer Protestaktion gegen die Absage von "elitären Gelagen" die Rede, die ohnehin "verboten" gehören; von "angeblichen Künstlern", die "nur ihre Gagen im Kopf" hätten und sich für "etwas besseres" hielten - und davon, dass man Gegner der Festspiel-Absage bei etwaigen öffentlichen Protesten "gebührend zu empfangen" wüsste. Vom "ins Wasser werfen" der "Homofürsten" über "tausend Liter Dreckwasser in die Bude pumpen" bis hin zum "Bombardieren" mit Sandsäcken finden sich insbesondere bei Facebook allerlei mehr oder weniger "kreative" Vorschläge, die erkennen lassen, sich hier eine Form der Fundamentalkritik die Bahn bricht, die jegliches Augenmaß vermissen lässt.

Sicher sind es nicht diejenigen, die selbst Hab und Gut in der katastrophalen Flut verloren haben, die hier anderen Menschen ein ähnliches Unglück an den Hals wünschen. Ebenso sicher haben auch die vielen Helfer, die bis zur Erschöpfung an den Deichen für sich und ihre Mitmenschen gekämpft haben Besseres zu tun, als sich im Internet in Gewaltphantasien zu ergehen. Angesichts der regelrechten Hasstiraden gegen Orchester und Theater drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass ein kleiner - aber durchaus vokaler - Teil der Menschen unseres Landes schwere Ressentiments gegen denjenigen Teil der Kulturszene hegt, der - im Grunde zu Unrecht, da zeitlos und jedem offenstehend - gemeinhin als klassische Hochkultur betrachtet wird. Diese durchaus überraschende Erkenntnis sollte - gerade vor dem Hintergrund der anstehenden finanziellen Verteilungsdebatte im Kulturbereich - in jedem Fall einer näheren Analyse unterzogen werden, sobald die Pegelstände wieder gefallen sind und allen Opfern der Hochwasserkatastrophe geholfen werden konnte. Mittel- bis langfristig werden die Kulturschaffenden Halles und Sachsen-Anhalts nicht umhin kommen, sich der Frage zu stellen, wie eine solch extreme Form der Ablehnung entstehen konnte - und was Orchester und Theater dagegen unternehmen können.
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Tom Köhler aus Halle (Saale) | 10.06.2013 | 23:06   Melden
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