Hereinspaziert, hereinspaziert

Halle (Saale): Stadt Halle | Als Kind fand ich Zirkus faszinierend. Zu sehen, wie die riesigen Zelte in Windeseile aufgebaut wurden, blinkend, funkelnd, das war schon was. Überall verrieten Plakate Wochen im Voraus: Der Zirkus kommt in die Stadt. Und diese Vorfreude, auf die Tiere vor allem, was die so können. Die fliegenden Artisten, die Clowns.

Längst haben Innovation und Fortschritt in den Zirkusfamilien Einzug gehalten. Neue moderne Choreografien, waghalsige Stunts, anspruchsvolle Dressuren – das alles mit modernster Technik und komfortablen Reise- und Wohnräumen für Tier und Mensch. Wer glaubt, das Thema „Tierschutz“ sei am Zirkus vorbeigegangen, irrt. Auch außerhalb der Manege stehen Interessierten meist die Türen offen. Wer fragt, wird nicht weggeschickt. Man kann sich jederzeit über die Haltungsbedingungen der Tiere informieren, nach ihrer Herkunft fragen, wie mit ihnen geübt wird oder einfach schauen, ob es ihnen gut geht.

Ein Zirkus vermittelt vor allem auch, dass Tiere nicht im Fernsehen leben oder im Zoo herumstehen. In Zeiten, in denen tagtäglich auf allen Fernsehsendern dem Publikum vermittelt wird, dass Tiere Beschäftigung brauchen, Bewegung, anspruchsvolle Aufgaben, von der Maus bis zum Hausschwein, ob als Katze oder Pferd, ist es wohl selbstverständlich, dass dies auch für im Zirkus geborene Tiere gilt.
Nimmt man sich die Zeit, und besucht die Vorstellung zweimal an verschiedenen Tagen, so kann man manchmal Erstaunliches entdecken – die Vorstellungen sind nie ganz gleich. Auch Tiere und Artisten haben „freie Tage“ und setzen aus. Denn Zirkus ist wirklich Schwerstarbeit.

Leider ist es still geworden um den Zirkus – zumindest in Sachsen-Anhalt. Vorfreude kann kaum entstehen, denn in vielen Städten Sachsen-Anhalts, z.B. Halle und Weißenfels, darf ein Zirkus keine Plakatwerbung anbringen. Aber warum? Vermutet man Abzocke, wie bei der einen oder anderen „angesagten Messeveranstaltung“ oder sogar Krawalle und Zerstörung, wie bei nun fast jedem Fußballspiel? Solche Veranstaltungen dürfen bekanntlich in den Städten mit tausenden von Plakaten beworben werden. Aber ein Zirkus, ein Familienevent, das nicht.

Da kommt die Frage auf: Wann waren Sie das letzte Mal im Zirkus, meine Damen und Herren von der Stadt? In diesem großen bunten Zirkuszelt? Haben das einzigartige Können der Künstler bewundert, fasziniert den Atem angehalten, verblüfft dagesessen, ausgiebig gelacht und diese leuchtenden Kinderaugen gesehen?

Heute gehe ich mit meinen Kindern in den Zirkus. Alle zusammen sitzen wir begeistert auf den Rängen, staunen mit offenem Mund und klatschen. Wir albern mit dem Clown und bei den fliegenden Artisten stockt uns der Atem. Plötzlich sind wir alle wieder Kind. Noch Tage danach gibt es kein anderes Thema. Heute schon ist da diese Vorfreude, wann der nächste Zirkus in der Stadt sein wird.

Und immer wieder denke ich an dieses über 40 Jahre alte Lied:

"Er sah so gern die Kinderaugen strahlen,
ihr Lachen hat ihn reich und froh gemacht,
er konnte oft die Schulden nicht bezahlen,
und hat dafür geschuftet Tag und Nacht.
Er hatte seinem Sohn nichts zu vererben
als diesen Wunsch: Der Zirkus darf nicht sterben!

Da steht ein kleiner Bub bei ihm und lacht:
Wann läßt du wieder deine Pferde tanzen?
Wann kommt der Clown, der immer Witze macht?
Erwartungsvolle Kinderaugen strahlen,
und das ist mehr, als das verfluchte Geld,
solang' sie noch mit dieser Münze zahlen
gehört der Zirkustraum in ihre Welt.
Schlagt nicht dies' Kinder-Wunderland in Scherben,
helft alle mit: Der Zirkus darf nicht sterben!"

Aus: „Der Zirkus darf nicht sterben“, Udo Jürgens, 1976
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