Königin von Niendorf – Filmveranstaltung im Lux-Kino war voll die Krönung

Halle (Saale): Luchskino | Es ist wohl eines der größten Komplimente, was die Filmkünstlerin Joya Thoma der zehnjährigen Berlinerin Lisa Moell machen konnte: „Ich möchte unbedingt mit Dir einen Film drehen.“ Und wer Moell in die Augen geschaut oder sie auch nur im Trailer von „Königin von Niendorf“ beobachtet hat, wird diese Faszination teilen. Sie sind offen, aufmerksam, klug und trotz ihrer Zurückhaltung selbstbewusst.
Also hat sich Joya Thoma mit Philipp Wunderlich hingesetzt und in Windeseile ein Drehbuch getippt. Denn es sollte um eine Jungenbande in Niendorf gehen, in die Lea aufgenommen werden will, was man idealerweise in den Sommerferien drehen kann, am besten, solange Lisa noch so jung ist. Die beiden Drehbuchschreiber, die auch gleichzeitig Produzenten wurden, wollten aus Zeitknappheit auch auf die Filmförderungsanträge verzichten, denn diese hätten mindestens ein weiteres Jahr Verzögerung bedeutet. Sie realisierten den 67 Minuten dauernden Film in einem sagenhaften Tempo: Von der Idee bis zur Premiere verging lediglich ein Jahr. „Ich wollte improvisieren, ich wollte meine Freiheit haben und nicht zu lange darüber nachdenken“, verriet Thome ihren Halleschen Zuschauern im Luchskino.
Sie selbst stand mit einem Jahr erstmals vor der Kamera, so dass manche Familienmitglieder behaupten, sie hätte vor dem Objektiv Laufen gelernt. Mit elf Jahren drehte sie die ersten Hi8-Filme mit Zwillingsmädchen, mit denen sie befreundet war, mit 16 half sie als Regieassistentin aus, mit 19 fing sie mit Kurzfilmen an. Das Leben am Set kannte sie schon durch ihren Vater. Bald merkte Thome, dass es für sie hinter der Linse spannender war. Schon nach zwei Lebensjahrzehnten hatte sie eine Filmsprache gefunden, die die Zuschauer erreicht, und sogar mit „Geschwister“ ihren ersten Preis gewonnen.
In „Königin von Niendorf“ sehen wir viel Dorflandschaft, gemütliche Backsteinhäuser mit DDR-Flair, Lagerfeuer, Baumhaus, einen Bootssteg am verschilften See. Und doch wird es nie langweilig, weil wir an die Heldin und ihr Geschick glauben, sich in der Jungsbande zu behaupten. Ihr Aufstieg zur Königin geschieht durch ihre Beharrlichkeit, die Vorurteile der Bande gegen Mädchen zu zerschlagen. Ohne den feministischen Zeigefinger zu heben, krönt Thome ihre Heldin, die mutiger ist als alle Jungs der Bande. Die durch ihre Entschlossenheit die Angst vor der Mutprobe besiegt und damit die Aufnahme in die Bande erlaubt. Sie erlangt ihren Status nicht durch Macht über andere, sondern durch innere Stärke, weshalb die von Lisa Moell gespielte Lea Vorbild für andere Kinder sein kann.
Lea wirkt in allen Filmmomenten glaubhaft. Die Texte, die sie meist kurz vor dem Drehen angeschaut und behalten hat, wirken nicht aufgesagt, sondern gelebt. Und auch, wenn man aus dem Bandenchef Nico (Denni Sonnenschein) manchmal das Drehbuch heraushört, so meistert er seine Bestimmer-Rolle so gut, dass man kaum glauben will, dass er beim Casting noch schüchtern war.
Thoma wollte keine Kinder von Agenturen aus Berlin, die manchmal ihren Job nicht aus Spaß machen, sondern, um ihre überambitionieren Eltern zu befriedigen. Sie hat „ihre“ Kinder im offenen Casting nach der Schule aus der Region gefischt. Dadurch waren sie mit der Landschaft vertraut und leichter zu den Drehorten zu transportieren. Das Ganze wurde in lediglich 21 Tagen abgedreht.
Obwohl sie schon lange wusste, dass sie Regisseurin werden will, studierte sie erst einmal Erziehungswissenschaft, betrieb ihre Kurzfilme als Hobby und hob sich ihren ersten Langfilm für die Zeit nach dem Bachelor auf. Lisa Moell, die sie bei einem Casting für eine andere Produktion kennengelernt hatte, war Thomes Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen wollte.
Zum Drehort wählte sie die 100-Seelen-Gemeinde Niendorf deshalb, weil Thomas Vater dort ein Gehöft hat, sie den Ort aus ihrer Kindheit kannte und man mit 20.000 Euro (ja wirklich nur so wenig) Budget auf dem Lande viel weiter kommt. Teile der Filmmannschaft schliefen in Zelten. Der Kosten wegen hat Thoma – allein oder im Team – mindestens sechs Funktionen im Projekt ausgefüllt, ohne dass es ihm geschadet hätte: Drehbuch, Regie, Schnitt, Produktion, Casting und Crowdfunding. Letzteres brachte 10.000 Euro ein. Der Koproduzent LUPA Films steuerte die zweite Hälfte bei. Außerdem halfen Firmen aus der Region und die Gemeinde Dahme. Viele Filmaktivisten ließen sich auch damit vertrösten, dass es Geld gibt, falls sich der Film einmal verkaufen sollte.
Die Einstufung von „Königin von Niendorf“ als Kinderfilm würde ich nur gelten lassen, wenn die Kategorien kleine Kinder und erwachsene Kinder allgemein verwendet würden. Gute Kinderfilme begeistern ohne Altersbeschränkung nach oben. Thoma berichtet von Vorführungen, wo erwachsene Zuschauer häufiger lachen und manche Kinder etwas unruhig bzw. unaufmerksam werden während der guten Filmstunde. Der Film ist es wert, eine neue Kategorie zu finden, und es freut mich, dass bei der Regisseurin schon einige Produzenten angeklopft haben, damit sie weitere Filme machen kann. Nicht mehr als Mädchen für alles, sondern als eine Regisseurin, die dieses Handwerk beherrscht.
Am 18. Februar 2018 hat das Luchskino Halle Königin Lea (Lisa Moell), 12, eingeladen, anlässlich des am 15. 2. in deutschen Kinos angelaufenen Films „Königin von Niendorf“ von den Drehbuchautoren Joya Thome und Philipp Wunderlich, die sich zusammen mit der Hauptdarstellerin den Fragen der Gruppe begeisterter junger Filmenthusiasten „Die kleinen Luchse“ stellten.
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