Mit der Ural nach New York - Der Countdown zum Start in die zweite Etappe

mit Hilfe aus Deutschland: Schrauben am Getriebe - Foto: René Schäffer (Foto: http://www.monsenstein-und-vannerdat.de/leavinghomefunktion_70.html)
 
Dank der Unterstützung aus Deutschland kann auch die Elektrik auf Vordermann gebracht werden - Foto: René Schäffer (Foto: http://www.monsenstein-und-vannerdat.de/leavinghomefunktion_70.html)
 
Kaupo, der "Neue" (Foto: http://leavinghomefunktion.com/)
 
Ein Blick über Tserovani

Es ist schon ein Weile her, als der letzte Bericht online ging. Seit Dezember ist es still geworden und einige fragen sich vielleicht, ob das ganze Projekt schon „gestorben“ ist, ob es am Schreiber liegt, der „keine Lust mehr hat“ oder was der Grund für das lange Schweigen über unsere fünf fahrenden Freunde vom leavinghomefunktion – Projekt ist.

Nun, ich kann hier Trost sprechen. Der Schreiber hat seine Lust nicht verloren. Aber er wollte ja berichten über eine Gruppe fahrender Menschen, die sich mit alten Ural Maschinen von Halle/Saale nach New York aufmachten. Allerdings sind unsere Freunde sesshaft geworden, denn das Georgische Winterlager ist und war ja im Grunde eine Art Sesshaftigkeit auf Zeit. Doch die Uhr tickt, das Thermometer steigt allmählich, die Zeit des Kräftesammelns geht vorüber und letzte Vorbereitungen werden getroffen. Bald also geht es wieder los, auch, wenn es einige Veränderungen gegeben hat in der Zwischenzeit, aber dazu später mehr.

Ich selbst war natürlich nicht untätig. Wie ich bereits in den letzten Berichten angedeutet habe, bestieg ich kurz nach Weihnachten 2014 zum allerersten mal in meinem Leben ein Flugzeug, um in die Georgische Hauptstadt Tiflis zu fliegen. Dort, am Airport, holten mich Sven und Johannes ab und führten mich einer zweiten Premiere zu: meiner ersten Fahrt im Beiwagen einer Ural-Maschine. Einer verdammt kalten, unbequemen, einstündigen Fahrt ins leavinghomefunktion – Paradies Tserovani.
Zwei Wochen verbrachte ich dort mit den Damen und Herren, führte Gespräche, schraubte an Motorrädern mit, erlebte ein Land, das auch im Winter wunderschön ist, lernte Menschen kennen, die ich inzwischen Freunde nennen darf, verlebte einen herrlichen Jahreswechsel und... schrieb ein Buch. Beinahe aus Versehen, denn eigentlich sollten es nur Notizen für die späteren Berichte werden. Die Fülle des Materials allerdings, die mich Ende selbst überraschte, überredete mich, das Ganze zwischen zwei Pappdeckel zu pressen und unter dem Arbeitstitel „Lange Nächte in Tiflis“ bei Verlagen hausieren zu gehen. Der Geraer Adakia Verlag nahm sich des Manuskriptes an und so kann ich an dieser Stelle sagen, dass etwa im Mai diesen Jahres jenes Buch, das „irgendwie passierte“ in den Buchläden stehen wird. Dies nur am Rande.

Ich hatte eingangs bereits erwähnt, dass es Veränderungen gegeben hat. Veränderungen, die die Gruppenkonstellation betreffen. Sven und Lisa haben sich, nach langem Überlegen und Abwägen entschieden, die Gruppe zu verlassen. Und so sind sie mit ihren Maschinen zurück nach Deutschland gefahren. Da stellt sich nun die Frage: Wie jetzt, dann sind die wohl bloß noch zu dritt?
Sind sie nicht. „Eine russische Lady aus dem Jahr ’88 mit grünem Anstrich, Touristen-Lenker und Rückwärtsgang“ wie es auf der Website heißt, ist auf dem Seeweg unterwegs nach Georgien und wird dort vom neuen Teammitglied Kaupo Holmberg „eingeritten“.
Am Telefon erzählen mir Elisabeth und Anne, dass „der Neue“ schon am 11. März eintreffen wird, ganz im Gegensatz zum neuen Motorrad.

Die in Deutschland ersteigerte Ural befindet sich derzeit auf hoher See und wird noch einige Tage auf sich warten lassen. Ungeduldig fiebern Anne, Elisabeth, Efy Johannes -und bald auch Kaupo- also dem Stichtag 19.03.2915 entgegen, wenn der motorisierte Zuwachs in Empfang genommen werden kann.
Leicht war es nicht, an das Schmuckstück heranzukommen und glaubt man den Worten Tom van Enderts, Verleger, Freund und technischer Berater der leavinghomefunktion-Leute, Schrauber, Bastler und Auskenner in Sachen historischer Fahrzeuge, der sich maßgeblich um Begutachtung und Versand der Maschine kümmerte, ist die Ural auch nur äußerlich ein Schmuckstück.
Auf der Website des Verlagshauses Monsentstein und Vannerdat, bei dem schon die S50 Tour gen Indien in Buchform erschien (ich berichtete darüber), schreibt Tom van Endert, dass er auf ein optisch gut erhaltenes Motorrad trifft, aber beim Tritt auf den Kickstarter schnell feststellen muss, dass die alte Lady arge Mängel aufweist. Es klänge, so van Endert „...als wenn jemand eine Ladung Schraubenschlüssel in einen Betonmischer geworfen hätte.“
Immerhin habe sie TÜV, die Bremse funktioniert und die Hupe geht (was in Georgien selbst keine unwesentliche Funktion ist)
Ausweichmöglichkeiten gibt es keine. Man könnte meinen, in Georgien sei der Kauf einer Ural unproblematisch. Dem allerdings ist nicht so, denn hier bevorzugt man Dnepr, lese ich ebenfalls auf der Seite des Verlages und es scheint, als sei der deutsche Uralmarkt restlos aufgekauft. Bis eben auf diese Maschine.
Gut, dass Johannes sich in den letzten Monaten vom Laien zum „Fast-Experten“ gemausert hat und bestätigen kann: Reparatur ist machbar. Kaufen!
Und so drehen sich die organisatorischen Räder im georgischen Winterlager auf Hochtouren. Nach Recherche und Kaufabwicklung müssen nun Transportmöglichkeiten und Versand ausgelotet werden. Verhandlungen werden geführt, um am Ende den Kompromiss einzugehen, dass die Maschine ohne Beiwagen verschifft wird, weil alles andere viel, viel zu teuer wäre.
Auch muss das grasgrüne Gefährt in Deutschland angemeldet und zugelassen werden, was ebenfalls kein leichtes Unterfangen ist in Anbetracht der Tatsache, alles vom provisorischen leavinghomefunktion - Büro in Tserovani nahe Tiflis in die Wege zu leiten.

Überhaupt wurde in den vergangenen Monaten keineswegs dem Stillstand gefrönt. Die Zeit der Etappenpause wurde genutzt, Freunde aus Deutschland, der Schweiz und der Türkei zu empfangen, sich Georgien etwas näher anzusehen und natürlich, um die nächste Etappe zu organisieren, Pressetermine wahrzunehmen, Interviews zu geben, Filme entstehen zu lassen, Bilder zu bearbeiten, zu schreiben und zu schrauben, zu schrauben und nochmals zu schrauben. Die Schäden und Mängel der ersten Etappe wurden weitestgehend behoben, Verbesserungen vorgenommen und mit der Unterstützung vieler unverzichtbarer Helfer wurden die Ural-Maschinen optimiert. Dabei war wohl der Besuch des Verlagstrios Tom von Endert, Hannes Monse und Marc van Endert, der auf der Website „Meisterschrauber“ genannt wird, einer der technisch gesehen wichtigsten. Getriebe, Lichtmaschinen, Zündkabel, Kickstarter werden repariert und unter Zuhilfenahme eines improvisierten Lötkolbens, der kurzerhand aus einer Kupferdrahtspirale und dem Gasherd (fragt mich nicht wie und bitte: NICHT NACHMACHEN!) kann sogar ein Transistor wieder gangbar gemacht werden.
Von Vorteil ist auch die Freundschaft zu Verleger Hannes Monse,der Arzt ist, aber nur noch als Verleger arbeitet und schon vor Ort ein Medi-Kit zusammenstellt, dass er in Deutschland erweitert und den Damen und Herren zukommen lässt. Ein erste Hilfe Koffer mit allem, was man in den Weiten Kasachstans, der Mongolei und Sibiriens braucht.

Bestens ausgerüstet gehts geht also bald wieder los.Vier Beine schwingen sich über vier ledern bezogene Sitzbänke, treten Kickstarter, vier Hände drehen an vier Gashebeln, vier vollgepackte Maschinen rollen zum letzten Mal durch das Tor eines georgischen Datscha-Vorgartens, fünf Menschen, Efy als Beiwagenpilotin, wagen den Schritt ins Abenteuer der Weiten, denn klar ist, dass alles, was bis hier her gewesen ist, eher ein Ausflug war, im Verhältnis zu dem, was nun, auf Etappe II kommen wird. Kasachstan, die Mongolei, Sibirien, um nur einige zu nennen. Gebiete, wo nicht mal eben umme Ecke eine Tanke ist, wo nicht alle hundert Kilometer „Zivilisation“ wartet und gut zu befahrende Straßen die Allerwertesten der Fünf schonen.
Nicht mehr lang hin, und das eigentliche Abenteuer beginnt. Bis dahin erfahren wir noch, wie das Ankommen im Winterlager war, was dort, in dieser beinahe luxuriösen, drei etagigen Datsche unweit von Tiflis in den letzten Monaten geschah und wer eigentlich dieser Kaupo Holmberg ist.

Am Telefon sagt Anne, dass sie erst kürzlich so richtig realisiert hat, dass es schon in drei Wochen wieder los gehen wird. „Wir sind alle sehr aufgeregt, denn bald verlassen wir das Winterlager.“ Endlich geht es wieder auf die Straßen, was Anne als „sehr spannend“ betrachtet, denn klar, nach fast sechs Monaten der winterbedingten Sesshaftigkeit muss man sich erst einmal wieder daran gewöhnen, nicht mal eben in duschen gehen zu können, den Ofen anzuschüren, wenn es zu kalt wird, eine ordentliche Toilette zu haben, Strapazen stundenlanger Fahrten hinter sich zu bringen und die Widrigkeiten spontaner Stopps wegen irgendwelcher Reparaturen hinnehmen, und dabei einen fest gestrickten Zeitplan einhalten zu müssen.
Der wird in diesen Tagen konkretisiert. Auf zwei Tage plus minus im Detail werden Strecken recherchiert und in terminologische Strukturen gewebt. Es wird ernst und das freut das Team vom leavinghomefunktion-Projekt.
Drei Wochen voll von Organisationsstress, einem viertägigen Besuchs des ZDFs, das einen ausführlichen Bericht über den Trip senden wird, der Inempfangnahme von Kaupo und der „grünen Lady“ heißt es dann: on the road again!


Lesen Sie mit:


Teil 9: Schießwütige Georgier, Hangranaten und Hünen mit Äxten
Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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