Mit der Ural nach New York - Dünne Geduldsfäden

     

Ich persönlich gehöre ja eher zu derjenigen Sorte Mensch, deren Geduld nur in begrenzter Kapazität vorhanden ist und wenn etwas nicht geht, wie ich es will, schmeiß ich es schlichtweg an die nächste Wand, oder, wenn keine Wand in der Nähe ist, irgendwo in die Botanik und gehe meiner Wege. Packt mich die Wut im Unermesslichen, was nicht selten dann der Fall ist, wenn ich mich dem weggeworfenen Gegenstand noch einmal widme um seine Funktionalität doch vielleicht wieder herzustellen, dann bin ich auch nicht abgeneigt, einfach einen großzügigen Schluck Feuerzeugbenzin mit einer Flamme aus dem Feuerzeug selbst zu kombinieren und den ganzen -entschuldigt den Ausdruck- Scheiß ganz einfach anzuzünden.

Und da liegen wir bei einem weiteren Grund für die Tatsache, dass ich liebend gern auf das Abenteuer „Auf dem Landweg nach New York“ verzichte, lieber von zu Hause aus ab und an telefoniere und schreibend meinen beteiligenden Beitrag leiste. Denn wenn zu zehnten, elften, dreißigsten Mal mein Motorrad aussteigt, ich würde mich vergessen.
Dies als Bekundung meines Respektes allein die Geduld betreffend, die unsere fünf fahrenden Freunde beweisen, wenn sie in scheinbar stoischer Ruhe jeden kleinen und großen Defekt beheben, sich Gedanken machen, basteln, tüfteln, reparieren und nicht längst schon den nächstbesten Zug gen Heimat genommen haben.

Wir erinnern uns diesmal recht einfach, dass die Fünf den 80 km Umweg in Richtung Astrachan nahmen, weil die direkte Strecke eher ein schlechter Feldweg ist, wie einer der Polizisten einer Straßenkontrolle sagte. Solche Kontrollen folgen nun alle 20 km, die die Route direkt durch die Krisengebiete Nordossetien und an der Grenze zu Tschetschenien führt.
Kurz vor Beslan dann ein erneuter Zwangsstopp. Annes Motorrad geht aus, der Kickstarter ist fest. Es ist stockdunkle Nacht und der Fehler lässt sich auf die Schnelle nicht finden. Ein Abschleppseil bildet die Verbindung vom defekten zum funktionierenden Fahrzeug, Elisabeth schleppt Annes „Rooster“ zu einem unweit gelegenen Waldstück. Das Nachtlager wird errichtet, ein Einheimischer, der auf seinem Pferd unterwegs ist, fragt freundlich nach dem Befinden. Und während die Fünf in ihren Schlafsäcken allmählich in Richtung Schlaf taumeln, umgibt sie die Geräuschkulisse des Draußenseins. Die Krähen, die über ihnen kreisen, als läge da unten ein gefundenes Fressen, wollen keine Ruhe geben. Es krächzt und kräht über den müden Gliedern des Quintetts und das Einschlafen zieht sich wie Gummi gen Morgen.

Das Erwachen am nächsten Tag heißt Arbeit. Werkzeug und fragende Blicke umgeben die blaue Maschine von Anne, Befürchtungen werden laut und lauter und am Ende steht fest: „Rooster“ ist zumindest hier, mitten in der Pampa nicht reparabel. Der Kolben ist fest. Glück im Unglück quasi ist die Tatsache, dass Beslan nur drei Kilometer entfernt ist und dort eine Familie lebt, die bereits bei der Visite im September mit Ersatzteilen aushelfen konnte. Und so geht es mit Hilfe des Abschleppseils in Richtung Beslan*.

Das Haus besagter Familie ist flink gefunden, seine Bewohner aber scheinen nicht da zu sein. Aber wie so manches Mal hilft der Zufall und so treffen die Fünf Igor, jene Zufallsbekanntschaft von vor fünf Monaten, die damals schon den Kontakt zu Leonid, dem Oberhaupt der Schrauberfamilie herstellte. Letzterer sei auf dem örtlichen Ersatzteilmarkt und so warten Anne und Efy am Haus, während der Rest sich auf den Weg zum Mark macht.
Einige Stunden später ist es dann soweit. Als nach einem ausgedehnten Frühstück Leonid am Haus ankommt, wird sofort Hand angelegt, es dauert keine halbe Stunde und Annes Ural ist sprichwörtlich skelletiert. Schnell stellt sich heraus, dass das Grauen einen Namen hat: Kurbelwellenbruch. „Das ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Motor passieren kann.“ sagt Elisabeth am Telefon. Aber der Schrauberheld und Ersatzteilkönig Leonid zaubert eine original verpackte Kurbelwelle von 1985 aus einem seiner Regale, baut sie ein und Annes Ural wieder zusammen. Ich kann mir die Erleichterung vorstellen, die in diesen bangen Momenten in jedem Einzelnen der fünf fahrenden Künstler vorging. Um Mitternacht sind die Hände ölig, die Karre gängig aber an Aufbruch ist nun kaum noch zu denken und so lädt die Familie unsere Abenteurer ein, im Haus zu übernachten.

Der Start am Morgen wird zu einem versuchten Start. Wieder überschattet ein Defekt das Losfahren. Weder Annes, noch Kaupos Motorrad wollen anspringen. Wieder hilft Leonid. Wieder wird sechzehn Stunden geschraubt, gebastelt, ausgetauscht, repariert, probiert und wieder stehen Johannes und Kaupo nur sehr kurz vor einem Zusammenbruch. Wie gesagt, ich hätte den Mist an die Wand geworfen, mich bedankt, mir den nächsten Bus zum nächsten Flughafen genommen und wäre stocksauer nach Deutschland zurückgeflogen, Das Wort Ural hätte ich nie wieder in den Mund genommen und alles, was auch nur im Entferntesten mit dieser Tour zusammenhängt hätte ich aus meiner Zukunft verbannt. Aber das Quintett hat ein Ziel, ein Vorhaben und Geduld, so viel Geduld, wie ich sie selbst in Summe meiner Lebensjahre nicht hätte.
Nach also sechzehn Stunden Bastelei, Flucherei und Schrauberei schläft das Team erneut bei der Familie, wird gastfreundlich umsorgt und aufgenommen.

Neuer Tag, neues Glück, neuer Startversuch und.... Morgenstund hat Dreck im Mund. Beziehungsweise Öl. Erneut ist es Annes Motorrad, das strikt den Dienst verweigert und auch Kaupos Maschine schließt sich dem Streik an. Die Elektronik seiner Maschine, sagt Elisabeth, sei wohl verhext. Es nützt also nichts, Kommando Schraub und Bastel in Beslan die Dritte. Und verhext ist wohl auch Anne ein bisschen, denn als sie am späten Nachmittag ihrem Ärger in Form eines Schreis Luft macht, springen plötzlich beide Urals an, als hätten sie Angst vor dem finalen Kick, dem Motorradfriedhof oder dem Uralhimmel bekommen. Doch die Maschine des Esten, die liebevoll die „grüne Elise Lindenhorn“ genannt wird, will nicht mehr. Selbst der ebenfalls inzwischen genervte Leonid weiß sich keinen anderen Rat als einen Bekannten anzurufen, der tatsächlich noch eine Ural herumstehen hat.
„Nach einem langen Abend läuft die „grüne Elise Lindenhorn“, nach maßgeblicher Veränderung endlich wieder“ liest man im Blog des leavinghomefunktio-Projektes. Es gibt ein weiteres üppiges Abendessen, bevor es dann in aller Herrgottsfrühe wieder on the road gehen soll, denn die Zeit kneift, Kaupos Visum läuft aus und bis zur Grenze nach Kasachstan sind es noch achthundert Kilometer.

Drei Uhr Nachts dann klingelt der Wecker. Lubov die Frau von Leonid die schon die letzten Tage warme Mahlzeiten kochte, steht mit auf, um den Fünfen zum Abschied noch das Frühstück zu bereiten. Sie scheint ein wenig verwirrt ob des frühen Erwachens. Warum drei Uhr, wenn es erst um fünf los gehen soll, fragt sie und Elisabeth fällt die Zeitumstellung wie Schuppen von den verschlafenen Augen. Eine Stunde zu früh aufgestenaden. Ein schlechtes Omen?

Durchaus. Denn nachdem der Tross den Hof mit einem Hupkonzert verlässt und einige Meter gefahren ist, fehlt etwas. Elisabeth: „Wir sind gerade losgefahren, ich sehe in den Rückspiegel und... Anne ist nicht da! Ich dachte „das kann doch jetzt nur ein schlechter Scherz sein“ und wir fuhren deprimiert zurück“.
Glücklicher Weise stellt sich der Schaden als schnell behebbar heraus und endlich kann es weitergehen. Bis...
...ja, bis auf der Strecke in Richtung Inguschetien die nächste Polizeikontrolle den Tross stoppt, der erste Beamte aber, etwas verwirrt, weiterfahren lässt. Ein Fehler, wie sich kurz danach herausstellt, als ein Wagen der Polizei mit Blaulicht die Fünf überholt und zum Anhalten auffordert. Man dürfe hier nicht mit Motorrädern fahren und das Nichtbeachten dieser absurden Regel koste nun läppische fünfhundert Euro. Verzweifeltes Diskutieren und schauspielerisches Dummstellen helfen nichts, die Cops wollen Kohle und werden immer stinkiger. Wieder hilft Leonid. Diesmal als Telefonjoker. Der Angerufene Schrauber spricht mit einem der Beamten, der sich schnell beruhigen lässt und freundlich zur Weiterfahrt bittet.

Nicht weniger als fünfzehn weitere solcher Kontrollen müssen die Fünf an diesem tag noch über sich ergehen lassen, freundlich jedoch und wesentlich problemfreier. Einzig die Papiere werden geprüft und gute Fahrt gewünscht. Einige wollen Bilder mit den drei Deutschen, der Zypriotin und dem Esten machen.

Schaffen es die Fünf vor Ablauf des Visums von Kaupo bis zur Grenze? Wie ist das eigentlich, so ganz ohne Navi und also nur mit Karte durch die Welt zu kutschen, durch Weiten, die schon sehr an Sibirien erinnern? Und was passiert in diesen Weiten, wenn das Benzin knapp wird? Setzt man sich einfach auf das Selbstgebaute Fluggerät eines fast fremden Menschen, um die Welt von oben zu sehen?
Die Antworten gibt es ganz bald.

(Alle Bilder von www.leavinghomefunktion.com)

Was bisher geschah ...

Lesen Sie mit:


Teil 12: Warum es in Russland jetzt schnell gehen muss
Teil 11: Fehlende Papiere
Teil 10: Ende der Winterpause
Teil 9: Schießwütige Georgier, Hangranaten und Hünen mit Äxten
Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 10.06.2015
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