Mit der Ural nach New York - Sibirien ist nichts für Anfänger

Einige von Euch haben sich sicher schon das ein oder andere Mal gefragt, ob dieser Kruppe keine Lust mehr hat, die Berichterstattung über das leavinghomefunktion Projekt weiterzuführen. Dem ist nicht so. Dieser Kruppe wartet und wartet seit geraumer Zeit auf Kontakt zu den Jungs und Mädels der „fahrenden Zunft“ und muss gestehen, dass es nicht leicht ist, diesen herzustellen. Und dieser Kruppe wartet eben schon lange auf die Freigabe des letzten Artikels seitens der Uralisten.
Ich will etwas vorgreifen, um mich zu erklären: den folgenden Bericht habe ich vor einigen Wochen bereits verfasst und bis heute gewartet, ob es da nicht doch noch Korrekturwünsche gibt.
Aber Anne, Johannes, Elisabeth, Kaupo und Efy sind aktuell schwer beschäftigt, die Projektkasse, die durch unzählige Reparaturen und andere ungeplante Zwischenfälle geschröpft ist, wieder aufzubessern. Zu diesem Zwecke griffen sie auf Plan B zu, unterbrachen ihre eigentliche Tour und sind derzeit in Vancouver / Kanada, wo sie sechs tage die Woche arbeiten, damit New York nicht nur ein Wunschziel bleibt. Diesem Umstand ist die Tatsache geschuldet, dass wir bislang nicht wieder „zusammenkamen“ und mich das schlechte Gewissen Euch gegenüber plagt, denn auch, wenn einige ganz bestimmt wegen des unregelmäßigen Turnus schon keine Lust mehr haben, weiter zu lesen, wo und wie es unsere fünf Freunde durch die Welt treibt, andere aber sind vielleicht noch dabei, noch immer interessiert und daher auch ein wenig enttäuscht, dass es so still geworden ist.
Dem soll nun entgegen gewirkt werden. Ohne Zustimmung der leavinghomefunktion Leute will ich den vorletzten Artikel der zweiten Etappe und für dieses Jahr nun endlich zur Verfügung stellen und hoffe, mir damit keinen Ärger einzuhandeln.

Wenn fast nichts klappt... – Resignation ist etwas für Anfänger


Das Telefon klingelt. Passt mir eigentlich gerade gar nicht, weil ich am Bericht Etappe II Teil sieben sitze und für gewöhnlich im Schreiben keine Anrufe entgegen nehme. Trotzdem schiele ich kurz aufs Display, das mein kleines Arbeitszimmer erhellt. Dort steht leavinghomefunktion – Johannes. Keine Frage, ich unterbreche meine Arbeit und lasse meinen Finger über die glatte Oberfläche in des „Annehmen“ Buttens gleiten.
Freudige Begrüßung, die mit etwa fünf Sekunden Verspätung am „anderen Ende“ ankommt.
Johannes ist gut gelaunt, fragt zunächst nach meinem Befinden, aber was ist das schon gegen die Neugier, wie es dem abenteuerlustigen Quartett geht. Und sogleich legt Johannes los, spricht in einem Redeschwall, dass es mir schwer fällt, ihn zu unterbrechen, weil ich mit dem schmieren der Notizen nicht hinterher komme. Und so kritzele ich Buchstaben auf die stets bereit liegenden weißen Zettel, für den Fall dass einer der inzwischen selten gewordenen Anrufe kommt.
Beinahe euphorisch erzählt der 31jährige Weltenbummler was in den letzten Tagen los war, was vor ihnen liegt und dass sie aktuell am kältesten Punkt der Erde sind. Ich verstehe ihn nur schlecht, muss mir vieles von dem, was er sagt, zusammenreimen und komme nur mit Hilfe von google und wikipedia tatsächlich dahinter, wo genau das Quintett gerade Station macht.

Oimjakon, ein 460 Einwohner Dorf im Osten Russlands. Genauer gesagt im Osten der Teilrepublik Sache (Jakutien). Wikipedia erklärt mir, dass das Dorf als der „Kältepol aller bewohnten Gebiete der Erde“ darstellt. Wörtlich könnte man das jakutische Wort am ehesten mit „heiße Quelle“ übersetzen.
Und heiße Quellen sind wohl angebracht. Derzeit herrschen Temperaturen von circa zwei bis drei Grad Celsius. Das nennt sich dann dort „Sommer“. Im Winter wird es hier durchschnittlich Minus Fünfzig Grad kalt. Am 6. Februar 1933 wurden sogar -67,8 Grad gemessen.
Freiwillig, sagt Johannes, wohnen die Leute hier nicht. Einst gab es hier alle zehn Kilometer ein Gulag und die Menschen, die hier leben, seien ausnahmslos Nachkommen ehemals hier Gefangener.


„Jetzt kommt der haarigste Punkt unserer Reise.“...

... sagt Johannes und wird etwas ruhiger. Seine anfänglich fast schon euphorische Stimmung legt sich etwas, er wird nachdenklicher, bedachter im Ton. „Auf uns warten 300 Kilometer ohne Zivilisation. Kein Handy-Empfang, kein Internet, keine Straßen. Selbst die Ural-Trucks kommen auf dieser Strecke kaum durch. Es ist Sommer, Brücken sind weg geschwemmt, Wege schlammig und schwer passierbar. Aber wir wollen es trotzdem versuchen.“
Mein erster Gedanke: die sind wahnsinnig!
Aber ist es nicht genau das, was es braucht, um eine solche Tour überhaupt anzugehen? Ein kleines bisschen Wahnsinn ist, denke ich, schon von Nöten, die Sachen zu packen, im Wissen auf Verzicht von Luxus und Bequemlichkeit. Und dieses keine bisschen Wahnsinn ist ganz sicher auch ein Grund dafür, dass die Fünf seit einem Jahr von Panne zu Panne, von Grenze zu Grenze, von Abenteuer zu Abenteuer, zu glücklichen Momenten und solchen der Verzweiflung fahren.


Erste Zweifel kommen auf

Seit einem Jahr begleite ich die Fünf nun schon indirekt auf ihrem Trip und eben dieser Wahnsinn war stets mit dabei. Nun aber komme auch ich zum ersten Mal wirklich ins Wanken und Überlegungen drängen sich mir auf, Worte der Zurückhaltung und der Skepsis zu sprechen. Ich hatte nicht eine Sekunde Zweifel bisher, aber wenn selbst Einheimische, wie mir der hallesche Künstler erzählt, davon abraten, die geplante Strecke auf der „Road of Bones“ zu fahren, es weder Handy- noch Internetempfang gibt und nicht einmal ein Sateliten-Telefon vorhanden ist, weil Selbiges irgendwo auf dem Postweg in Deutschland klemmt, dann kribbelt es mir schon ein bisschen im Magen. Und dieses Kribbeln ist ganz sicher kein Schmetterlingsschwarm schöner Gefühle, sondern wahrhaft Angst um die Fünf, die ich Freunde nenne.

Keine Risiken eingehen

Johannes weiß zu beruhigen und ich weiß im Grunde auch, dass leavinghomefunktion auch bedeutet, keine Risiken einzugehen, die absolut unnötig sind, keine Wagnisse, die die Kompetenzen der wissentlichen Zumutbarkeit eines jeden Mitglieds übersteigen. Alles, und das weiß ich, ist wohl überlegt, kalkuliert und bedacht. Dies als ein Fakt, der sich über den Wahnsinn schiebt, denn wir können das Quintett „verrückt“ nennen - dumm und lebensmüde sind sie definitiv nicht.
Und schon ist da wieder die Euphorie in Johannes' Stimme: „Das wird echt anstrengend und tatsächlich extrem krass, aber eben auch geil!“ sagt er und erzählt, dass sie gestern in einem Bauwagen schliefen, der ihnen Sicherheit vor den hier lebenden Bären gab. „Heute Mittag sind wir dann in Oimjakon angekommen. Wie in den letzten Wochen oft, wurden wir bereits erwartet und freundlich empfangen. Mit dem Dorfschweißer haben wir meinen gebrochenen Rahmen geschweißt.“

Schwieriger Untergrund

Den letzten Asphalt haben sie vor drei Wochen gesehen. Seither sind sie auf schlammigen Pisten unterwegs. Auf solchen Wegen die russischen Ural-Motorräder zu steuern ist nicht einfach. Und so kam es, wie es kommen musste. Auf einer steinigen Strecke brach das Rad von Kaupos Beiwagen. Dieser schlug auf den Boden und zog so die gesamte Maschine herum und brachte sie zum Überschlagen. Kaupe selbst wurde durch die Wucht in den Wald geschleudert, verfehlte -ein Hochlob der Schar an Schutzengeln- drei Bäume und landete, zwar unsanft aber doch verhältnismäßig weich, auf dem moosigen Boden. Dem nicht genug schlug nun der sich verselbständigte Beiwagen auf den Esten.

Schadensaufnahme

Bilanz des horriblen Geschehens: keine ernstzunehmenden Verletzungen, ein zerschürftes Gesicht, ein blitzeblaues Gesäß, und ein Beiwagen, der nicht mehr brauchbar ist. Glück im Unglück quasi und das gleich doppelt, denn abgesehen von dem glimpflichen Ausgang des Unfalls wurde das Team von einigen Trucks begleitet, die Zeugen waren und sofort hilfreich zur Seite standen. Sie luden Kaupos Gepäck auf und transportierten es, denn der Beiwagen war nicht mehr zu benutzen. Kaupo fuhr seine Ural von da an vorerst auf nur zwei Rädern.

Trennung

200 Kilometer später kommen die Damen und Herren an die einzige Tankstelle weit und breit und schlagen dort ihr Lager auf. Ein neuer Beiwagen muss her und glücklicherweise gibt es punktuell Internet. Schnell ist einer gefunden. Anne und Pedro (der Kolumbianer, der sich dem Tross anschloss) fahren mit einem der Trucker ins 300 Kilometer entfernte, einste Goldgräber-Nest Ust Nera, um den neuen Beiwagen dort „irgendwie“ abzuholen. Die Anderen bleiben zurück, ohne Handy-Empfang, ohne Internetzugang, ohne Satelliten-Telefon. Die Gruppe ist kommunikationslos von einander abgeschnitten. Das Ganze Unterfangen wird mindestens zwei Tage in Anspruch nehmen.
Als aber auch nach vier Tagen keine Nachricht von den beiden Abtrünnigen kommt, beginnen Elisabeth, Johannes, Efy und Kaupo, sich Sorgen zu machen. War das richtig, die Zwei einfach mitfahren zu lassen? War es gut, so viel Vertrauen zu haben?

Russische Botschaft

Mitten in der Nacht hält bei den Wartenden dann plötzlich ein heruntergekommener Twingo. „Die Karre hatte nicht einmal eine Frontscheibe, keine Kotflügel und so“ lacht Johannes und erzählt weiter: „Der Typ steigt aus und quatscht uns zunächst auf russisch voll. Wir haben versucht, ihn zu verstehen, aber der war so betrunken, dass selbst ein Russe das kaum verstanden hätte. Dann übergab er uns einen Zettel und fuhr wieder weg.“
Eine surreale Situation. Da kommt ein Typ aus einer 300 Kilometer entfernten Stadt, hackedicht, mit einem Auto, das eigentlich keins mehr ist, übergibt einen Zettel und fährt 300 Kilometer zurück. Dazu muss man wissen, dass die Leute vom leavinghomefunktion – Projekt dort inzwischen Berühmtheiten sind. Nach ihrem Auftritt im russischen Fernsehen kennt sie förmlich jeder und jeder will helfen, will begrüßen und fiebert den den Leuten aus dem Westen mit. Da kann es schonmal vorkommen, dass ein (über-)eifriger „Einheimischer“ dieses Wagnis eingeht, um eine Nachricht zu überbringen.
Was aber stand nun eigentlich auf diesem Zettel? Anne schreibt, dass ein Beiwagen gefunden ist, dass außerdem Federn bestellt sind, die die gebrochenen Stoßdämpfer von Elles Motorrad ersetzen werden und dass das Duo am nächsten Tag um neun in einen Truck steigen wird, der sie zum Lager der Wartenden bringt. Aufatmende Erleichterung.

Lieferung ins Nirgendwo

Aber auch nach inzwischen fünf Tagen sind die Beiden noch nicht zurück. Stattdessen hält, erneut mitten in der Nacht, ein Jeep an der Tankstelle, die im Grunde nichts anderes ist, als ein Truck, an dem Benzin gezapft werden kann, aber Lager der wartenden Vier also. Die Post ist da. Ein Paket aus dem 600 Kilometer entfernten Jakutsk. Drinnen die angekündigten Federn.
Und wenn ich sage Post, meine ich Folgendes: da die „Deutschen“ ja weit und breit bekannt sind und jeder helfen will, wird in Jakutsk ein Paket aufgegeben, auf dem steht: „an die deutschen Motorradfahrer“. Ein bereitwilliger Trucker nimmt dieses Paket auf seiner Strecke mit, übergibt es einem anderen, der in die Richtung fährt, der es dann wieder einem anderen übergibt und so gelangt die Post zum Adressaten. Beinahe problemfrei. Etappenlieferung in die Pampa.
Am sechsten Tag des Wartens dann endlich die Erleichterung. Ein LKW hält, Anne und Pedro steigen aus und laden einen völlig verrosteten Beiwagen ab. Soweit so gut. Allerdings gibt es da auch noch eine schlechte Nachricht, denn Anne hat ihren Schlafsack in dem Ort vergessen, in dem sie den Beiwagen „fanden“. Schlafen, am kältesten ort der Welt, ohne Schlafsack... keine schöne Sache!

Land in Sicht

Einige Kilometer entfernt gibt es Empfang und Anne telefoniert mit Leuten aus dem Ort. Die versprechen, den Schlafsack zu bringen, was einige Zeit dauern wird, denn dieser Ort liegt, wie erwähnt, 300 Kilometer entfernt. Nach vier Stunden ein Anruf. Das Auto, das den Schlafsack transportiert, hat eine Panne, irgendwo im Nirgendwo, aber das corpus delikti soll einem Trucker übergeben worden sein, der hier vorbeikommen soll. Der aber lässt auf sich warten. Die Nacht kommt. Eine unbequeme Nacht. Eine kalte Nacht. Die fünf liegen eng beisammen um sich gegenseitig zu wärmen bis sie von einem Motorengeräusch geweckt werden. Erfreut gehen sie dem LKW entgegen, doch der Schlafsack ist nicht da. Den habe der Fahrer seinem Bruder übergeben, weil der schneller sein sollte. War er nicht. Und im Grunde glauben die Fünf das auch nicht. Warum sollte das stimmen, wenn der Fahrer doch sowieso hier vorbei kommt? Die Hoffnung ist dahin, Frust macht sich breit und es wprd überlegt, wo zur Hölle man nun einen neuen Schlafsack herbekommen könnte. Fertig zur Abfahrt steht das Quintett an der Straße, also plötzlich ein weiterer Truck kommt und das Ding tatsächlich dabei hat. Wären sie nur drei Minuten eher losgefahren, hätten sie ihn nie wieder gesehen. So aber hat einmal mehr ein Trucker den Jungs und Mädels „den Arsch gerettet“ wie Johannes sagt, denn „ohne Penntüte bist du hier aufgeschmissen.“
Und so kommen die Damen und Herren dann doch recht unversehrt in Oimjakon an, können sich ausruhen und auf die 200 Kilometer (Off-) Road of Bones vorbereiten über die ich an dieser Stelle bald berichten werde.
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4 Kommentare
MZ - BürgerReporter aus Halle (Saale) | 29.12.2015 | 13:11   Melden
2.559
Roland Worch aus Aschersleben | 30.12.2015 | 08:04   Melden
MZ - BürgerReporter aus Halle (Saale) | 30.12.2015 | 12:36   Melden
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M. Kruppe aus Halle (Saale) | 01.01.2016 | 17:42   Melden
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