Mit der Ural nach New York, Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau

der Luftfilter wird frei geblasen - Foto Tom van Endert (Foto: Foto Tom van Endert http://www.monsenstein-und-vannerdat.de/LeavinghomeFunktion_68.html)
 
Die erste Nacht im beiwagen ist überstanden... (Foto: http://www.monsenstein-und-vannerdat.de/LeavinghomeFunktion_68.html)
 
Gruppenfoto in der Glashütte Lamberts in Waldsassen/ Bayern - Foto: Efy (Foto: Efy)

Dass erst jetzt, gut zwei Wochen nach dem Start der fünf Hallenser, der nächste Bericht hier erscheint, liegt nicht etwa daran, dass nichts geschehen ist unterwegs, oder gar etwas Schlimmes, wobei schlimm im Falle des Vorhabens ja relativ ist. Schlimm in der absoluten Steigerung wäre zum Beispiel ein Unfall, eine Verletzung, die das ganze Projekt zum Abbruch zwingt, noch bevor es richtig begonnen hat.
Von daher ist das Schlimme dessen, wovon hier gleich die Rede sein wird, gar nicht so schlimm. Aber reden wir nicht um den heißen Brei, sondern kommen auf den Punkt.

Endlich unterwegs

Der Start zur zweiten Etappe begann mit einem weiteren schweren Abschied. Später als geplant bestiegen die Fünf ihre Maschinen im thüringischen Kühdorf, um sich gen Bayern aufzumachen.
150 km fahren die Biker ohne weitere Probleme, um am Abend in Waldsassen anzukommen.
An der 1934 gegründeten Glashütte Lamberts werden sie bereits erwartet. Diese Glashütte ist in Deutschland der einzige und auf der Welt einer von drei Herstellern von mundgeblasenem Flachglas. Und weil Elisabeths künstlerisches Schaffen gerade auf dem Gebiet der Glaskunst stattfindet, endet hier auch die zweite Etappe. Nach einer Werksführung besteht der Chef auf ein Gruppenbild, bevor die Fünf ihr Nachtlager im Hof des Werkes unter einer alten Eiche aufschlagen.

Am dritten Tag klingelt der Wecker früh, schließlich will die Gruppe endlich raus, „den Sprachraum verlassen“ wie Johannes mir sagt, denn das Gefühl auf Weltreise zu sein, will noch nicht so recht aufkommen, da, wo überall noch deutsch gesprochen wird. Ja, auch Bayern ist Deutschland, auch, wenn wir uns hier schon an der Grenze des Sprachraums befinden.
Allerdings verschätzen sich die fünf Freunde, was das Verschnüren des Gepäcks angeht. Das Nachtlager zu verstauen und alles an seinen Platz zu bekommen, gestaltet sich schwieriger als angenommen.
Johannes dazu: „Es dauert Stunden bis jedes kleine Teil seinen Platz in den Gepäcktaschen oder im Seitenwagen gefunden hat. Es gibt noch keine Routine beim Packen und alle sind auf der Suche nach den richtigen Spanngurten und den richtigen Tüten“

Nachdem endlich alles da ist, wo es hin gehört, geht es weiter. Die Straße ruft. Die Ferne schreit. Raus aus Deutschland. Die Welt wartet. Zunächst aber wartet erst einmal Österreich.
Also geht es auf kleinen Landstraßen in Richtung Nachbarland.
„Jeder achtet auf seinen Hintermann und gibt ein Signal an seinen Vordermann sobald der hintere außer Sicht ist oder auf der Straße liegen bleibt, ein Problem hat und rechts ran fährt. Es sind eine Menge Abläufe die erst geübt werden müssen.„ - schreibt mir der Diplom-Holzbildhauer in einer Mail.

Fehler aus denen man lernt

Nach 20 km auf der dritten Etappe der erste Zwangsstopp. Der Tross hält in einer Parkbucht, Helme werden abgesetzt, es wird geschaut, was passiert ist. Benzinhahn vergessen aufzumachen, dann ist es der noch gezogene Choke. Aufatmen, aufsitzen, weiter gehts.
Diese und ähnliche Kleinigkeiten sind es, die das Quintett alle 20 km stoppen lässt.
Anhalten, absitzen, schauen, die Anspannung sausen sehen, weil es doch nur ein kleines Missgeschick in der Handhabung der Uralmaschine war, wieder aufsitzen und die nächsten Kilometer abreißen.

Der vierte Stopp allerdings hat keinen solch harmlosen Grund. Mitten auf dem Marktplatz eines kleinen Dorfes irgendwo in Bayern bringt Lisa ihr Motorrad zum Stehen, das immer wieder aus geht. Kein Licht, kein Zündfunke, schreibt Johannes in seiner Mail und berichtet weiter:
„Nach etwas sinnlosem Rumfriemeln am Vergaser und an den Armaturen kommt die Idee, dass es sich um ein Problem in der Elektrik handeln könnte. Ein Wackelkontakt oder irgendwo ein loses Kabel. Bei alten russischen Maschinen keine Seltenheit und wer die Sache ein bisschen kennt, weiß, dass es sich bei den wüst angeschlossenen Kabeln und Steckern, die trotz des neuen Kabelbaumes für uns noch ein undurchsichtiges Knäuel bilden, um einen längeren Ausflug entlang der Stränge handeln kann. Wir fingerten alle zusammen an den Kabeln herum, machten die Lampe auf und befanden nach etwa einer halben Stunde das Zündschloss für kaputt. Ersatz eingebaut und tatsächlich scheint es jetzt weiter zu gehen.“

Nach etwa 150 zurückgelegten Kilometern dieser dritten Etappe, kommt die Karawane erneut in einem kleinem Dorf, mitten im Wald, gemütlich zwischen Feldern und Bächen gelegen, mit einer kleinen Kirche in dessen Mitte, zum Stehen. Jedes Haus sieht sauber und saniert aus, nichts deutet auf Landwirtschaft hin und kein Mensch weit und breit.
In einer Hofeinfahrt wird versucht, dem neuerlichen Halt auf den Grund zu gehen. „Wieder kein Saft, kein Zündfunke“ berichten sie, die Batterie: leer.
An Weiterfahren ist nicht zu denken.

Erste Bekanntschaften

Der Radius, in dem das Werkzeug sich nach und nach verstreut, wird immer größer. Es wird geschraubt, gesucht, probiert und wieder geschraubt. Irgendwann überkommt Neugier den Besitzer des Hauses. Er gesellt sich zu den fünf seltsamen Gestalten in seiner Auffahrt, zu den noch seltsameren Motorrädern. Auch dessen Frau und Sohn stehen bald dabei und bieten einen Schlafplatz in der Werkstatt des Anwesens.

„Da es dunkel wird beschließen wir seiner Einladung zu folgen und verbringen die Nacht in seiner Werkstatt. Er sei gerade dabei, sich einen Raum für seinen Bagger einzurichten. Früher sei er auch Motorrad gefahren, doch jetzt schraube er lieber an Baggern, sagt er uns und scheint erfreut zu sein, uns über die Schulter zu schauen und mit ein paar Tipps und Tricks helfen zu können.“

Die Nacht kommt. Und mit ihr eine feuchtfröhliche Garagenrunde. Der alte Schrauber holt Bier und es wird bis spät gefachsimpelt und über die Reise gesprochen.
Am nächsten Morgen geht es weiter. Schrauben, testen, schrauben, bis irgendwann klar ist: die Batterie von Lisas Motorrad ist hin. Keine Säure mehr drin. Auch das Auffüllen mit Resten einer anderen Batterie bringt nicht den gewünschten Effekt. Der Sohn des Gastgebers bietet an, mit seinem Auto in die nächste Stadt zu fahren. Sven, der sich am meisten mit der Technik der Ural Maschinen auskennt, begleitet ihn. Eine neue Batterie wird gekauft, eingebaut und endlich geht es auf zu Etappe vier. Ziel: Passau. Hier wartet ein Presseteam auf die fünf Hallenser Abenteurer.
Deshalb muss es jetzt zügig voran durch strömenden Regen gehen. Eine Panne und der Termin platzt.

Und es ist kein neuer Defekt an einer der Maschinen, der tatsächlich die Biker fast zu spät kommen lässt, sondern eine Irrfahrt durch die bayrische „Drei-Flüsse-Stadt“. Verabredet sind sie mit den Leuten der „Passauer Neuen Presse“ am Rathaus der 50 000 Einwohner zählenden, kreisfreien Universitätsstadt nahe der Grenze zu Österreich. Und ein Rathaus vermutet jeder vernünftig denkende Mensch im Stadtkern.
Jedoch ist das hier ein bisschen anders, womit ich nicht sagen will, dass die Passauer Stadtplaner weniger vernünftig sind.
Johannes in seiner Mail:
„Irgendwann erreichen wir Passau und versuchen, uns zum Treffpunkt, dem Rathaus, zu schlängeln. Durch Touristengruppen und enge Gassen versuchen wir vergebens, es zu finden. Nach einer Weile wird uns berichtet, dass das Rathenaus nicht mitten in der Stadt ist, wo wir es vermutet haben, sondern am Ufer der Donau an der Promenade.
Vier mal sind wir vorbei gefahren an dem üppig geschmückten Gebäude.
Gespräch mit den Journalisten, ein schnelles Foto und ein Plausch mit interessierten Touristen und schon geht es weiter.“

Der nächste geplanter Halt ist verbunden mit einem Überraschungsbesuch eines Freundes der Fünf, den sie auf der letzten Reise mit den S50 Mopeds Richtung Indien, kennen lernten. Lucky bot ihnen damals, vor vier, Jahren Obdach, als sie völlig durchnässt in einer Bar dieses kleinen, oberösterreichischen Dorf standen. Unangekündigt wollen sie ihn besuchen und ein Wiedersehen feiern.
Die Bar von damals gibt es nicht mehr. Dafür aber nebenan eine neue. Und kaum sind die Fünf drin, sehen Lucky da sitzen, wo sie ihn vermuteten. Natürlich am Tresen. Und natürlich wird das Wiedersehen gefeiert. Und natürlich freut sich der ehemalige Rennfahrer, der sich selbst „Lucky der Schreckliche“ nennt, so sehr, dass er das Quintett zu sich einlädt und am liebsten gar nicht gehen lassen will. Zwei Tage verköstigt er die Fünf, bis sie schließlich doch ihre Maschinen besteigen und weiter in Richtung Ungarn fahren.

Es bleibt spannend

Wir können gespannt sein, wie es weitergeht. Vom Verlger der Fünf weiß ich, dass Svens Motor sich verabschiedet hat. Aufwändig wird versucht, einen neuen zu finden. Wie das gelingt, warum Svens Maschine mit einem Mal zum Superbike wird, wo die Fünf gerade sind, erfahrt ihr im nächsten Teil, der diesmal auch gar nicht so lange auf sich warten lässt.


Lesen Sie mit:


30 000 Kilometer werden die fünf Reisefreunde auf ihrem Weg zum Ziel durch Europa, Asien, Alaska und Kanada zurücklegen. Wenn alles gut geht, parken die Uralmotorräder im August 2016 in New York.
Teil 9: Schießwütige Georgier, Hangranaten und Hünen mit Äxten
Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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1 Kommentar
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 07.10.2014 | 08:58   Melden
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