Mit der Ural nach New York, Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien

Halle - Zrenjanin ... googleMaps Screenshot

Ein Lob dem "social network"

Man mag von Facebook halten, was man will. Viele schimpfen und nutzen es trotzdem. Einige bleiben hart und verwehren sich dieser Plattform und ich meine: zu Recht.
Ich gehöre also auch zu denen, die schimpfen und es trotzdem nutzen. Ein Widerspruch? Nö! Denn ich schimpfe ausschließlich wegen der Demonstration der Blödheit einiger Mitmenschen, wenn zum Beispiel „Persönlichkeitstest“ erstellt und „gepostet“ werden, die verraten, welcher Star man ist, welches Tier, welcher Massenmörder. Unsäglich nutzlos und sinnfrei. Neulich kam mir der Test über den Bildschirm gerollt „Welches Wetter bist du?“ Und da machen tatsächlich Menschen mit! Aber ich will mich an dieser Stelle nicht auslassen, dafür gibt es andere Kanäle.

Was hat nun Facebook mit unseren fünf Reisenden zu tun? Eine ganze Menge, denn ohne dieses „social Network“ könnte ich nicht so zeitnah einen weiteren Teil der Berichtserie veröffentlichen.
Unmittelbar nachdem ich den letzten Teil hochgeladen hatte, erhielt ich eine Nachricht von Elisabeth bei eben diesem Netzwerk. Inhalt: Stichpunktartige Fakten der Lage. Ein Lob also dem „sozialen Netzwerk“.

Ein Ohrwurm gratis

Während ich lese, was in den letzten Tagen unterwegs geschah, drängt sich mir ein Ohrwurm auf. Ein Lied, dass ich seit Stunden versuche, aus dem Kopf zu kriegen. Ein Lied, dessen Text ich beinahe auswendig kenne. Und während ich mich frage, woher eigentlich, und warum, denn solches Liedgut widerstrebt meinem Geschmack in Sachen Musik mit jeder Note, bohrt sich die Melodie immer tiefer in meinen Kopf.
„Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort hab mich niemals deswegen beschwe….“
Na, geneigter Leser, hab ich es geschafft? Bist auch du jetzt vergiftet? Gut, denn man sagt ja: Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Ein Schmunzeln liegt auf meinen Lippen, wahrlich, jetzt, wo ich weiß, dass ich einige von euch angesteckt habe, ist es erträglicher.
 

Wieder was gelernt

Kommen wir nun aber endlich auf unsere Abenteurer zu sprechen.
In Tynne waren die Fünf zuletzt, bei dieser netten Familie, wo geschraubt und geräuchert, gegessen, getrunken und geschlafen wurde.
Nicht zufällig stießen dort dann auch Freunde der fünf Biker auf den Tross und vergrößern diesen nun. „ Wir sind eine wahnsinnig lange Kolonne und eine wahre Erscheinung“ -schreibt Elisabeth und meint die Erweiterung der fünf Ural-Maschinen-Flotte um einen 508er DüDo* Mercedes Bus.
Die nächsten zwei Wochen werden Alex und Christoph mit ihrem alten Gefährt die Gruppe durch Ungarn in Richtung Serbien begleiten.
(* DüDo: Der Mercedes T2 wird auch als „Düsseldorfer Transporter“ bezeichnet -in Fachkreisen DüDo-, da er bis 1991/92 im Werk Düsseldorf gebaut wurde. > Quelle: Wikipedia)

Technik ok – Mensch mit Defizit oder: Johannes die harte Sau

Die Motorräder scheinen zu laufen. Nach den letzten Zwangsstopps in Bayern und Österreich erwähnen die Fünf keine weiteren Defekte. Zumindest nicht technisch.
Dafür aber gibt es gesundheitliche Probleme. Sven und Johannes nämlich plagen seit Tynne Zahnschmerzen. Ich erinnere mich, dass vor einigen Wochen, als ich in Halle die Vorbereitungen der Reise begleitete, die Beiden bereits Probleme hatten und einige Male beim Zahnarzt waren. Offensichtlich schien bis zum Start alles in Ordnung zu sein. Nun jedoch stellt sich heraus, dass dem nicht so ist und wir alle wissen, dass gerade Zahnschmerzen verdammt peinigend sein können. Also unterzieht sich Johannes einer Wurzelbehandlung. Nicht die Letzte!

Der Tross verlässt das ungarische Dorf und die ans Herz gewachsene „Herbergs- und Schrauberfamilie“, nach diesem medizinischen Eingriff und bewegt sich durch Budapest, „weiter auf dem Weg um den besten Zahnarzt Europas zu finden“, schreibt Elisabeth und berichtet weiter:
„Das Wetter zieht an und so können wir seit Neustem unseren Atem sehen, teilweise waren wir nachts der 0 Grad Grenze schon gefährlich nahe. Unser Nachtlager ist gepolstert mit Schaffellen, sehr gemütlich und überspannt werden unsere Betten von einer riesigen Fallschirmseide. Der Fahrtwind wird kühler und wir beginnen zu erstarren -offiziell ist es noch nicht kalt. Wir wehren uns gegen unsere Winterkleidung, das heben wir uns für später auf.“

Im Süden Ungarns ist das Wetter dann wieder auf der Seite der fünf Fahrenden. Ähnlich wie in hiesigen Gefilden heizt der septemberliche Spätsommer die Atmosphäre noch einmal auf.
„Die Sonne im Visier halten wir Ausschau nach tollen Plätzen und dem nächsten Zahnarzt.“
Und sie werden fündig. Wie überall ist die Kolonne Blickfang der Menschen. So auch in Szeged, wo sie, sei es Zufall oder nicht, einen Zahnarzt konsultieren, der nicht nur sein Handwerk zu verstehen scheint, sondern obendrein auch noch ein echter Motorradliebhaber ist. So findet das Gespräch zunächst auf der Straße statt, wo sich gleich mehrere Zahnärzte um die Ural-Maschinen versammeln. Es wird gefachsimpelt und Plätze für die Nacht in der näheren Umgebung empfohlen.
Das Projekt beeindruckt die Ärzte so sehr, dass sie sogar überlegen, sich einfach zwei Jahre frei zu nehmen, um mitfahren zu können, bis die Sprechstundenhilfe irgendwann aus der Praxis gelaufen kommt, um die Männer daran zu erinnern, dass im Wartezimmer Leute mit Schmerzen sitzen.
Und auch Johannes nimmt ein weiteres Mal Platz auf dem Stuhl.

Wenn ich daran denke, in einem fremden Land auf dem berühmt berüchtigten Stuhl zu sitzen, unter Menschen in weißen Kitteln, mit Virenmaske vor dem Mund, deren Sprache ich nicht spreche und mich des Englischen bedienen muss, was auch diese Menschen tun, ihnen zu erklären, was das Problem ist, und dann obendrein eine Betäubungsspritze ablehne, dann muss der Schmerz schon wahrhaft weitgreifend sein. Ich persönlich hätte wohl um Vollnarkose gebeten, vielmehr gebettelt.
Einmal mehr beweist sich, die Damen und Herren haben das Indianer-Gen, denn ein Indianer, weiß man, kennt keinen Schmerz.
Und um das Ganze auch euch zeigen zu können, entstand von jener Behandlung ein Video, dass ich euch an dieser Stelle nicht vorenthalten will.

Zum Video hier klicken:
the darkside of the tooth

Ich verstehe nicht, wie Johannes so seelenruhig auf diesem Stuhl liegen kann. Keine Schweißperle ist zu sehen, kein Zucker, einzig die zusammengekniffenen Augen verraten, dass er sich beherrschen muss. Unglaublich.

Weiter geht es. Elle schreibt: „Einen traumhaften Schlafplatz finden wir am Fluss Tisza. Am Morgen entdecken wir eine warme Quelle und nehmen ein lauschiges Bad. Wir brechen auf und überqueren die Grenze nach Serbien. Die Landschaft streckt sich flach vor uns nieder, Autos überholen Pferdekutschen und wir mitten drin.„
Die nächste Nacht verbringen die Abenteurer auf einer serbischen Apfelplantage. Bane und Gordane heißen die Beiden, die hier arbeiten und deren Hund Abba sich als ein hervorragender Beschützer erweist, denn die Schakale dort sind nicht zu unterschätzen.

Und wie fast überall endet auch die nächste Etappe mit einer Einladung. In Zrenjanin, inzwischen befinden sich die Fünf 1108 Km (kürzeste Strecke) von Halle/Saale entfernt, trifft der Tross auf einen weiteren begeisterten Motorradfahrer. Micha ist Fahrschullehrer und in seinen Räumen sitzen die Mädels und arbeiten ihre virtuellen Postfächer ab, schreiben den Unterstützern des Crowdfunding – Projektes auf https://www.indiegogo.com/projects/leavinghomefunk... und halten eben stichpunktartig das fest, wovon ich justament berichte.
„Die Anderen machen gerade einen Ölwechsel vor der örtlich Bikerkneipe, in der gerade noch ein Kindergeburtstag stattfindte. Später wird er zu unserer heutigen Bleibe umfunktioniert werden... wir sind gespannt und werden sehr warmherzig aufgenommen.„ berichtet Elisabeth und schließt mit einem Gruß an die Leser ihre Nachricht.

Und auch ich schließe nun. Hannes Waders 1972 entstandenes Lied noch immer im Kopf lobe ich die Social Networks dieser Welt und warte gespannt, wie ihr alle, auf neue Nachrichten unserer fünf Freunde.

Lesen Sie mit:


30 000 Kilometer werden die fünf Reisefreunde auf ihrem Weg zum Ziel durch Europa, Asien, Alaska und Kanada zurücklegen. Wenn alles gut geht, parken die Uralmotorräder im August 2016 in New York.
Teil 9: Schießwütige Georgier, Hangranaten und Hünen mit Äxten
Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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