Mit der Ural nach New York - Von Georgien nach Russland

           

Freunde, der Winter ist da. Als ich eben ins Büro fuhr, zeigte mir das digitale Thermometer im Auto ein Minus vor der Drei. Die kleine Stadt in der ich wohne, lag in ihrem Tal, zugedeckt von dichtem Nebel, während vor mir der bewaldete Ortsausgang unter dem blauen Himmel zu einem silbrigen Meer aus reifbedeckten Zweigen zu sagen versuchte, dass Winter, zumindest optisch, doch ganz idyllisch sein kann. Die Felder, ebenfalls von weißem Glitzern belegt, taten ihr Übriges, mich zu überreden, zumindest im Kommen der Kalten Jahreszeit, keinen Gram zu hegen, ob der nächsten Monate. Und beinahe hätten sie es geschafft. Ich bereute für einen Moment, meine Kamera nicht dabei zu haben und dachte gleichzeitig daran, wie es wohl jetzt in Georgien ist, so … wettermäßig.
Ich frage Freund Google, denn der weiß bekanntermaßen alles. Und ich sage euch, ich wäre jetzt gern dort. Nicht nur, dass ich dann fünf Verrückte in ihrem Winterlager treffen könnte, um bei Bier und Holzfeuer über die letzten Wochen reden zu können, sondern weil dort noch angenehme neun Grad den Winter verzögern. Einen Monat muss ich mich noch gedulden und wenn ich Glück habe, steige ich hier bei Minus zweistellig ins Flugzeug, und dort bei Plus einstellig aus. Wir werden sehen.
Nun aber erst mal zu Lisas Bericht. Ihr erinnert euch. Wir begleiteten sie von der Türkei nach
Georgien, trafen auf schießwütige Einheimische, die doch ganz harmlos waren, trafen auf zwei Hünen, die halfen, zu Bier und Salz zu kommen und wollen nun sehen, wie es weitergeht, nach Russland.

 

„Tag 39 - Donnerstag 16.10.14 / 125,8 km / 10 l

 
Über den Wolken. Der Morgen am blauen Häuschen verläuft unspektakulär-idyllisch. Als die Ersten von uns die hölzernen Stufen nach draußen poltern, liegt das Tal noch unter einer flauschigen Decke verborgen, die sich erst nach und nach lichtet und den kitschigen Blick aufs Tal entblößt.
Die Hirten, die ihre lethargischen Kühe die Wiesen hinauf treiben, geben den Impuls zum Aufbruch. Dass Anne’s Zündkerzen mucken ist aus späterer Sicht ein nahezu niedliches Problem - denn die läppischen 14 km bis ins Dorf entwickeln sich zu einem Feuerwerk der Pannen. So hatten wir immerhin Gelegenheit, unsere „eine Ural schiebt die andere aus dem Dreck“-Technik zu verfeinern. An anderer Stelle, half, wie so oft schon, ein kurzes Telefonat in die Heimat, mit unserem Telefonjoker dem „Ural-Pabst“ Tom Van Endert.
Aber Spaß machen die rauen Bergstraßen trotzdem - kommt man auf ihnen auch mal in den Genuss, das ein oder andere kleine Bächlein zu durchfahren. Mit Schmackes - versteht sich.
Als wir das Tal erreichen, macht Sven an der Schwelle - unbefestigte Straße zu Asphalt, kurz einen pathetischen Stopp - bevor er sie, mit erhobener Siegerfaust, übertritt. Ab da können wir wieder unsere durchschnittlichen 70-80 km/h fahren und kommen endlich voran.
 
Pünktlich zum Wolkenbruch, erreichen wir mittags das Dorf eines alten Bekannten, in dessen gut beheizter Wohnstube unsere Hosenbeine trocknen können. Zum ersten Mal erlebe ich die berühmte georgische Gastfreundschaft. Der Vater des Hauses, hält über plötzlich reich gedecktem Tische, ausschweifende Trinksprüche (Lobeshymnen auf unsere Beider Länder,
unsere Familien, die Gesundheit etc. pp) die Gocha sein Sohn und Deutschlehrer, den die Anderen auf der Mopedreise vor vier Jahren kennengelernt haben, uns widerwillig übersetzt.
Hierzulande lernt man ziemlich schnell, dass man wenn die Sättigung abzusehen ist, lieber das ein oder andere Renkali auf dem Teller liegen lässt - denn ist er leer, bedeutet das, man ist nicht satt geworden und in Windeseile geht das Tischlein-deck-dich Spiel von vorne los. Dasselbe gilt für das eigene Glas.
Wir müssen die emsige Mutter des Hauses fast schon vehement davon abhalten, noch mehr zu kochen, den Vater, hausgemachten Wein nachzuschenken.
Nach dem wir gegessen, und Gocha noch wegen unserer anstehenden Wohnungssuche in Georgien ausgequetscht haben, brechen wir auf.
 


Sieht scheiße aus - hält bombenfest. Echt georgisch halt!

Den nächsten Zwangsstop machen wir in Achalzieche. Bei der Pass-Überquerung, hatte sich Elisabeth’s Schutzblech des Vorderrades verabschiedet, da die windige Aufhängung Marke Eigenbau den vergangenen Strapazen nicht gewachsen war. Es war nicht das erste Mal, dass sie, das abmontierte Teil auf den Gepäckträger geklemmt, ohne fährt, aber das erste Mal auf! vom Regen völlig aufgeweichten Straßen. Nach einigen Kilometern dann der Stopp, bei dem ich erst nicht weiß was los ist, bis ich Elisabeth fluchen höre: „ey ich sehe überhaupt nichts mehr – mir schleudert’s den ganzen Dreck vorne hoch, genau ins Gesicht - so eine Scheiße“.
Der Matsch perlt von ihrem Lenker, der Matsch perlt von ihrer neuen Jacke, der Matsch perlt von Ihrem Gesicht - so geht das nicht, da müssen wir jetzt was machen.
Wir fragen die übliche Traube von Männern, die sich um uns bildet wenn wir irgendwo anhalten nach einer Werkstatt. Der Weg ist schnell erklärt, aber als Anne, Sven und ich, zwei Ecken weiter auf dem Hof dieser halt machen - fehlen die Herrschaften Oertel und Fötsch. Anne fährt zurück, um der Sache auf den Grund zu gehen und bevor auch Sven und ich wieder zurück fahren, lässt er sich noch schnell, beim Kauf einer einzigen Mutter, die ihm verloren gegangen war und die wir in der Größe nicht noch mal da hatten, behumsen. 5 Lari - also ungefähr 2,30€, für eine Mutter.
Naja was solls.
 
Wir finden die Anderen auf einem nahegelegenen Parkplatz, umringt von einer neuen Traube wieder, wo sich gerade darum gestritten wird, zu wem wir in die Werkstatt mitkommen. Scheinbar hat hier jeder Zweite eine. Bis einer der Männer zu Elisabeth aufs Motorrad steigt und uns zu sich nach Hause lotst.
In einer der Hallen auf dem Grundstück befindet sich eine Art Allround-Werkstatt, bei deren Anblick man nicht hätte sagen können, was er da genau macht. Er legt sofort los und wuselt in dem vollgestopften, chaotischen Raum zwischen Spittel-übersähten Schränkchen und Metall-Stangen/-Platten/-Teilen umher und wir können bis zuletzt nicht folgen, wie er nun vor hat, das Ding zu fixen. Er scheint allerdings einen konkreten Plan zu verfolgen.
Der Aha-Effekt kommt, als er die gesägten, zurechtgebogenen Teile am Schutzblech befestigt und ein Schweißgerät herbei holt. Als das Schweißgerät aus ist, und wir wieder gucken dürfen, das Ergebnis: Sieht scheiße aus - hält bombenfest. Echt georgisch halt.“
 
An dieser Stelle stoppte ich bereits mehrfach. Ist es tatsächlich so, dass es in Georgien eher um Zweckdienlichkeit als um Optik geht? Ich kenne die Vorurteile, kenne die Phrasen, wenn etwas hier in Deutschland zwar funktioniert, aber irgendwie von den üblichen Standards abweicht. Und auch, wenn man dann eher sagt „sieht russisch aus“ wage ich zu behaupten, dass das ein wenig bedachter Satz ist. Ein Satz, den man schnell dahinsagt. Bald werde ich mich überzeugen können und ich hoffe inständig, dass diese Vorurteile nicht bestätigt werden.
Geld wollte der Mann im Übrigen nicht. Ganz im Gegenteil zu seinem Landsmann, der für eine Mutter -ich schreibe es absichtlich in Worten- zwei Euro fünfzig wollte. „Ein echt lieber Mann“ sagt Lisa und erzählt, dass in Deutschland ein Kind in ihrem Alter habe und er sich durch die fünf daran erinnert fühlt. Zum Abschied wünscht er viel Glück.

 
Heiße Quellen und komische Cops

Der Weg führt die Ural Gang weiter bis Borschumi. Vorbei an heißen Quellen und seltsamen Polizisten in Richtung Nachtlager.

Ich muss sagen, dass ich, stoße ich auf uniformierte Gesetzeshüter, stets ein schlechtes Gefühl in der Magengegend habe. Das kann vielleicht an meiner Vergangenheit liegen, die wild und chaotisch war. Egal wo, egal wann, immer, wenn ich den Ordnungshütern begegne schaltet sich automatisch ein Film ein, der die letzten drei Wochen Revue – passieren lässt. Ich überlege, was ich wann und wo gemacht habe, das nun zu einem Konflikt führen könnte.
Im östlichen Ausland aber glaube ich, dass aus diesem unguten Magen-Gefühl eine tatsächliche Furcht würde, stieße ich auf dortige Polizisten. Wahrscheinlich habe ich zu viele Filme gesehen, zu viele Bücher gelesen, die fernab der Realität ein völlig verzerrtes Bild hinterlassen haben.
Die erste Polizeikontrolle an diesem Tag geht ganz glimpflich ab. Nachdem die Beamten festgestellt haben, dass es sich bei dem Quintett nicht im eine Motorradgang mit verbrecherischem Hintergrund handelt, darf man weiterfahren.
Als wenig später Sven angehalten wird, wird es skurril. Nicht, dass es Ärger gibt, einer der Uniformierten laut wird, mit Knast droht oder gar zur Waffe greift. Im Gegenteil, als er erfährt, dass es sich bei den Fünfen um Deutsche handelt, greift er nicht zum Holster, sondern in die Herzgegend, reißt den rechten Arm hoch und lacht: „„Ahhh – Germania - Heil Hitler!“. Lisa schreibt hier nur: „ohne Worte“ und ich denke, ich wäre mindestens ebenso sprachlos gewesen.
Ohne weitere Vorkommnisse geht’s gen Abend.
Eingedeckt mit Süßigkeiten und Bier also findet sich an diesem Abend ein geeignetes Gebüsch als Schlafplatz.
„Am Feuer lassen wir uns die satten Weintrauben von Gocha schmecken und während das Feuer allmählich stirbt, kommen auch wir nach einem ziemlich vollgestopftem Tag zur Ruhe.“ sagt Lisa
 

Kühe mit Alarmanlagen, geplante Schnullli-Fächer und Deutsche, die sich treiben lassen!

„Tag 41 - Freitag 17.10.14 / 230 km / 14 l!
 
Kling, klang, klong - werden wir geweckt. Neben dem Lager, hat sich eine braun-weiß gescheckte Kuhherde eingefunden, deren Glockenspiel das stoische Grasen untermalt.
Hier in Georgien hat so ziemlich jede Kuh eine Alarmanlage, um sie im Unterholz wiederfinden zu können, da sie überall frei herumlaufen. Dass es keine Koppeln oder Gehege etc. gibt, ist ziemlich seltsam, da die Tiere hier viel wert sind.
(Ein Bekannter, hat sogar das Haus in dem er mit seiner Familie lebt, gegen eine Kuh! eingetauscht)
Heute geht es nach Kazbegi, von wo aus die georgisch-russische Grenze, nur ein Steinwurf entfernt ist. Als wir über die steppenartige Hügellandschaft des Nachtlagers zur Straße zurückkehren, verliert Elisabeth ihr blaues Pack-Fass, das mit einem Satz auf der Erde landet und seine Einzelteile sowie den Inhalt um sich verstreut. Nur gut, dass das dort passiert ist, denke ich, als wir etwas später mit 80-90 Sachen (Spitzengeschwindigkeit) einen Highway Richtung Kazbegi entlang prügeln.
Das ewige Ein- & Auspackspiel, das Gepäck festzurrender Spanngurtsalat, geht uns allen auf die Nerven. Wir hatten jetzt 6 Wochen Zeit, die Schwachstellen unserer Hausrat-Organisation zu entlarven und ich lechze nach den Umbaumaßnahmen meiner Karre, die ich mir für die Winterpause vorgenommen habe. Das muss alles viel unkomplizierter werden.
Ich zum Beispiel, habe die Küche, die viele Einzelteile beinhaltet, die täglich mehrmals benutzt werden. Es ist quasi unmöglich, Ordnung im Beiwagen zu halten. Am Ende fliegt alles irgendwo rum, krümelt alles voll oder läuft aus. Und wenn jemand anderes etwas sucht, ist es sowieso zu spät.
Also feile ich seit Wochen an einem ausgeklügelten Packsystem, dass mir durch Steck Trennwände, zusätzlich in das Beiwagen-Boot gesägte Zugangs-Luken und diverse Fächer, innen und außen, erlaubt, einzelne „Module“ (Geschirr / Nahrungsmittel / Unterhosen …) zu stapeln, einzeln zu entnehmen und wieder einzusetzen. So, dass sich jeder einfach Zugang verschaffen kann und alles seinen festen Platz hat und diverse „Schnullli-Fächer“, den Kleinkram aus der Schusslinie ziehen.
Ja, während der Stundenlangen Fahrten hat man viel Zeit für Gedanken und rutscht dabei in die unterschiedlichsten Abteilungen.
Ich werde aus meiner Planung gerissen, weil während der Fahrt eines meiner Schienbeine verdächtig heiß wird. Ich überhole die Anderen, und fahre rechts ran. Nachdem ich meine Beobachtung kundgetan habe, rotzt Johannes auf meinen Zylinderkopf und gibt Entwarnung.
„Der is nich zu warm - wenn es so wäre, würde die Spucke sofort verdampfen - hier, siehst du…“
Ok, ok - dann war es in diesem Fall eben nur Paranoia - aber ich mag meine Ural und beobachte jede Veränderung. Neue Geräusche, verändertes Fahrverhalten etc. etc.
 
Wir wollen gerade wieder los, da bemerken wir den Defender, dessen Fahrer uns angestikuliert und vor uns auf den Seitenstreifen einschert. Jetzt sehen wir auch das Kennzeichen - Deutsche!
Ein langer Lulatsch steigt gelassen aus der Fahrerkabine, beifahrerseits, eine kleine, quirlige Frau mit raspelkurzen Haaren. „Anna und Alex“, stellen sie sich vor. „Wir haben euch schon heute Vormittag immer mal wieder gesehen“. Außerdem hatten sie wohl schon Zuhause, über das Internet, von unserem Vorhaben Wind bekommen und uns so, gewissermaßen, wiedererkannt. Im Gespräch erfahren wir, dass sie sich, einfach mal so, für ein paar Wochen frei gemacht haben um sich in Georgien treiben zu lassen - und dass sie wohl öfters solche Touren machen. Die Beiden sind uns sympathisch.
Mit an Bord des imposanten Geländewagens, auf dessen Dach sich ein ausfahrbares Zelt befindet, in dem sie schlafen, ist ein kleiner, brauner Pinscher namens Ida - der scheinbar nicht weiß, dass er klitzeklein ist und die Beiden des Nachts mutig verteidigt, wenn irgendwo im Gebüsch ein Zapfen zu Boden fällt, auf dessen Geräusch hin er dann wie wild Alarm schlägt.
Sie wollen in unsere Richtung, und so verabreden wir uns lose für später - „wär doch nett“ – und fahren erstmal weiter.
Gen Nachmittag erreichen wir die große Heeresstraße, die für uns die letzte, größere Hürde vor Kazbegi bedeutet. Nach anderthalb Stunden bergauf machen wir an einer Tankstelle Rast, und ich liege falsch mit meiner Vermutung, dieser Stopp sei das Bergfest der Überquerung dieses Gebirgspasses, der viel gewaltiger ist, als der letzte. Nein, wir schlüpfen lediglich in unsere Ski-Hosen, denn es wird langsam eisig kalt hier oben und ich bekomme die Ansage, ich könne mich schon mal frisch machen - für den Rest der Strecke. Es bewahrheitet sich.
Wir sind noch eine gefühlte Ewigkeit unterwegs (Straßen, die nur im Schneckentempo zu befahren sind) bis wir endlich das Ortsschild „Kazbegi“, am Fuße dieses ca. 2800 m hohen Berges passieren. (9x der Petersberg, die, nebenbei bemerkt, größte Erhöhung zwischen Halle und dem Uralgebirge)
 
Wir haben kaum beide Beine auf dem Boden, da taucht der Defender wieder auf. Anna und Alex sind guter Dinge. „Wir sind schon seit dem Pass hinter euch“ - sagen sie – „wann halten die denn mal an? - haben wir uns gefragt“. „Tjaaa, wir ziehen durch“ - sagt Elle und lacht. Mittlerweile ist es dunkel und alle 2 Minuten spricht uns ein neuer Mann an „Hotel?? Hotel??“.
Der Erste fällt gleich mit der Tür ins Haus, „the border is closed“ - dazu macht er die typische Schlafgeste.
Keine schlechte Idee. Aber Alex und Anna haken ein, sie hätten kurz vor dem Ort am Straßenrand ein billiges Gasthaus gesehen, dass sehr einladend ausgesehen habe. Wir fragen ihn, was es denn kosten soll und als uns die entgegneten 20 Lari pro Person zu viel sind, geht er noch 3 mal mit dem Preis runter. Elle lenkt ein: „Die selbe Situation hatten wir schon auf der letzten Reise. Damals sind wir dann mit jemandem mitgegangen, der behauptet hat, ein Gasthaus zu unterhalten und dazu noch ein sehr günstiges Angebot gemacht hat. Am Ende sind wir in einer anderthalb-Zimmer-Wohnung gelandet, in der wir hinter einem Vorhang in einem Ehebett geschlafen haben - und die alte Frau, die offensichtlich darin wohnte, in der Küche auf einem Stuhl. So was, bitte nicht noch mal. Dann lieber wieder ein Stück aus dem Ort raus“
Gesagt getan - der Mann nimmt die Nachricht eher schlecht auf und zieht ab, wir fahren zurück und nisten uns in besagter Herberge ein.
 
Tag 42 - Samstag 18.10.14 / 54 km
Ich erwache im Schlafzimmer der sieben Zwerge. Schräg gegenüber, liegt Schneewittchen, die eigentlich Anne heißt, und durch das Fenster über ihrem Bett, die Berge mit weißen Gipfeln zu sehen sind. Sieben Zwerge sage ich, weil die hutzeligen Zimmer der Herberge, mit ihren kleinen Holzbetten, stark daran erinnern.
Im Zimmer sieht es aus, als wäre eine Bombe explodiert, da wir, jedes Mal wenn wir weiter als zwei Meter entfernt von unseren Karren schlafen, alles mitnehmen. Also stapeln sich die Taschen, Rucksäcke, Pack-Fässer und Klimbim. Dazu habe ich gestern Abend noch irgendwas gesucht, und dabei auch noch (wie so oft) die letzte Socke aus meinen Taschen gezottelt.
Ohje - na dann wollen wir mal.
Alex und Anna sind auch schon wach und versorgen uns mit Tüten voller Feigen, Mandarinen und Bananen während wir unsere Motorräder beladen. Wir hatten die fünf Maschinen gestern Abend noch in den Hof der Herberge gefahren wo sie, den Defender umringend, die ganze Nacht von Ida gut bewacht worden sind.
Irgendwie ist die Stimmung scheiße, obwohl wir eigentlich Grund zur Freude hätten: Russland!
Heute übertreten wir die Schwelle zum Ziel unserer ersten Etappe und liegen dabei noch richtig gut in der Zeit. Drei Tage haben wir noch, bis die Visa verfallen. Vielleicht sind es auch die Anstrengungen der letzten Wochen, die der Gruppe noch in den Knochen sitzen. Vielleicht aber auch die Tatsache dass wir, obwohl es sich am Ende dort gut aushalten ließ, von den Herbergsbetreibern gewissermaßen abgezogen worden sind.
Was heißt abgezogen - mit den Preisen war irgendetwas nicht ganz koscher, und auch die
Stimmung der finsteren Wirte, war eher argwöhnisch - distanziert als einladend und froh über Gäste. Wir haben uns ‚geduldet’ gefühlt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das richtige Ganoven waren, bei denen wir uns da einquartiert haben.
Aber das ist jetzt Schnee von gestern - und schwupdiwupp, sind wir, ein Gruppenfoto später, schon auf dem Weg zur Grenze.
 

Chaos an der Grenze zu Russland

2-3 Kilometer seltsames Niemandsland, befinden sich zwischen den beiden Grenzposten – der georgischen Seite und der russischen. Das Passieren der georgischen Seite, glich eher einem Abklatsch als einer, wie erwarteten, stundenlangen Identitätsprüfung, Gepäck-Filzen und was man nicht so alles für Bilder im Kopf hat, zum Thema Grenze. Und dann die russische …
 
Als wir in der „dead zone“ vor der Grenzstation an einer Schlange von LKWs vorbeifahren, die einfach nicht abreißen will, wird uns schon anders. Stoßstange an Stoßstange, warten sie vor der Grenze. Die, wie sich später herausstellt, letzte kurve vor dem Ziel ist völlig verstopft und wir kommen zum stehen.
Dort bewegen sich drei finster aussehende Männer, inmitten des Wirrwarrs von kreuz und quer stehenden Autos, die alle versuchen, an der Bulli-Kette vorbei, dieses Nadelöhr zu passieren. Sie wirbeln mit den Armen, winken von links ein Auto durch und stoppen die nachdrängenden Autos von rechts. Ihre lauten Schreie werden dabei immer wieder vom Hupkonzert der ungeduldigen Schlange übertönt.
Ja - so in etwa habe ich mir das vorgestellt, jetzt heißt es warten.
Nach über zwei Stunden Warterei bis ins Grenzinnere — einem drei mal falsch ausgefüllten Formular und einer Schnipseljagt der Unterschriften und Stempel, sind wir endlich zur ersehnten Schranke vorgedrungen ….!“
 
An dieser Stelle, liebe Freunde, hören wir erstmal auf, was weniger an mir, als eher daran liegt, dass das Lisas letzte Worte waren. Nun heißt es warten auf den nächsten Bericht. Der wird dann von Elisabeth kommen und ich fürchte, auch hier wieder wenig zu tun zu haben.
Mit ihr kommt neben Sven wieder eine derjenigen zu Wort, die schon vor einigen Jahren mit der Simson in Richtung Indien fuhren und woraus mit „Gedacht – Gemacht“, ein - ich erwähnte es bereits mehrfach - empfehlenswertes Buch wurde.
Ich bin also mindestens genauso gespannt wie ihr.
Jetzt aber bleibt mir nur, euch einen herrlichen Winteranfang zu wünschen und mit einem Dank zu schließen. Danke, dass ihr dabei seid, dass ihr immer wieder lest und kommentiert, „gefällt mir“ klickt und so ein nicht unerheblicher Teil der Reise seid...!

Lesen Sie mit:


30 000 Kilometer werden die fünf Reisefreunde auf ihrem Weg zum Ziel durch Europa, Asien, Alaska und Kanada zurücklegen. Wenn alles gut geht, parken die Uralmotorräder im August 2016 in New York.

Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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