Nicht alle rufen Halleluja in Halle/Saale - "Zorn" - Versuch einer Annäherung

In der Wahrnehmung mancher Hallenser hielt die Welt gestern wieder einmal den Atem an. Aber nicht wegen eines Selbstdarstellers jenseits des Atlantiks, nein, die ARD strahlte zur besten Sendezeit die neue Verfilmung eines Krimis des halleschen Autors Stephan Ludwig aus. Ein guter Grund, sich über diesen Autor, seine Bücher und deren Leser Gedanken zu machen.

Vom Musikproduzenten zum Buchautor

Es war 2012, als Stephan Ludwig, bis dahin wenig bekannter Betreiber eines kleinen Tonstudios in Halle und Produzent von Werbespots, Hörbüchern, Musik sowie Jingles, durch eine zufällige Verkettung ungeplanter Umstände, wie seiner Vita auf dem Buchdeckel des Erstlings zu entnehmen ist, einen neuen Weg einschlug, welcher für ihn seitdem bestimmend sein sollte. Mit seinem Krimidebüt „Tod und Regen“ legte er in jenem Jahr bei S. Fischer in Frankfurt/Main einen in Halle spielenden Thriller vor, welcher die Kritik verblüffte, den Leser erfreute und dessen Erfolg wohl auch den Autor überraschte. Das Feuilleton war des Lobes voll – Wolfgang Weniger, Rezensent des Onlinemagazins Krimi-Couch verstieg sich gar zur Äußerung „Lesespass mit Kultpotential“ und verglich die beiden Protagonisten Zorn und Schröder mit den legendären Tatortakteuren Börne und Thiel aus Münster.

Dem Debüt folgte zügig der zweite Band („Vom Lieben und Sterben“, 2012), seitdem liefert der Autor im Jahrestakt einen neuen Thriller („Wo kein Licht“, 2013/ „Wie sie töten“, 2014/ „Kalter Rauch“, 2015/ „Wie du mir“, 2016). Dem Verlag bescherten die Bücher bislang durchgängig gute Auflagenhöhen, von den bisherigen Bänden wurden bereits über 350.000 Exemplare verkauft. Verfilmungen fürs Fernsehen brachten dem Autor zudem zusätzliche Aufmerksamkeit, die ersten vier Filme sahen immerhin 16 Millionen Zuschauer.

Aber schon der erste Band weist neben Licht auch Schatten auf, deren Proportionen sich in den nachfolgenden Bänden zudem noch verschieben sollten. Stephan Ludwig nimmt sich und seinen Protagonisten Zorn, glaubt man verschiedenen mündlichen und schriftlichen Äußerungen, nicht wirklich ernst – das macht ihn sympathisch und verbindet uns.

Protagonist Zorn - erfolgreicher Versager

Zorn, Schimanski-Abziehbild, welches statt durch selbstzerstörerischen Drang nach Gerechtigkeit durch zerstörerischen Hang zur Selbstgerechtigkeit auffällt, ist es aber, welcher der Reihe den Namen gibt, allen Büchern zusammen mit Schröder seinen Stempel aufdrückt. Zorn, zu Beginn seiner Buchkarriere Anfang 40, durch eine willkürliche Aneinanderreihung von Zufällen bei der Polizei gelandet, Kettenraucher und von seiner Arbeit genervt, ist ein mittlerer Beamter in einer mittelmäßigen Stadt, zudem bekennendes Faultier, „welches eine nahezu greifbare Aura des Desinteresses und der Gleichgültigkeit“ verströmt. Selbstverliebt und sozial hochgradig gestört, mit einem gewissen Humor versehen und – wenn auch oft spät, wenn nicht regelmäßig zu spät – von Schüben kritischer Selbstreflexion befallen, so tritt er uns anfangs entgegen.

So mögen oder akzeptieren ihn viele Leser und vor allem wohl Leserinnen, ihn, der gerade nicht nach Dienstvorschrift lebt, im Gegensatz zu seinen literarischen Artgenossen statt Überstunden zu schieben lange Zeit bis zur Verweigerung sein Phlegma pflegt, in regelmäßigen Schüben das bekennende Arschloch oder infantile Trotzköpfchen auf dem Niveau eines Viertklässlers gibt, soziale Bindungen meidet oder mit Regelmäßigkeit (zer-)stört. Ludwig konstruiert ihn – im Gegensatz zu den Hauptfiguren anderer hallescher Krimiautoren (Thamm bei Bernhard Spring oder Waldo bei Peter Godazgar) konsequent als Versager und Verweigerer, bei dem auch der psychologisch weniger gebildete Leser Anzeichen einer frühkindlichen Störung und markante Devianz wahrnehmen kann, ohne je von diesen Begriffen gehört zu haben.

Kollege Schröder


Er schafft damit in einer Zeit, in der Kommissare mit Handicap in Mode sind, mit Zorn als konsequenten Antihelden eine in sich weitgehend stimmige fiktive Figur. In seiner Adaption eines klassisch englischen Konstruktionsmusters für Krimis stellt er Zorn zudem mit Schröder eine diametrale Figur zur Seite und kreiert so wohl eher unbewusst die moderne Variante des "Hero with Sidekick" – die "Zero with Sidekick". Während Zorn das sich Vorgaben, Pflichten und Zwängen entziehende oder gar verweigernde Ich im Leser ansprechen soll, sorgt Schröder für den notwendigen Ausgleich in dessen innerem Team, ist für die Ansprache an das dort ebenso beheimatete und dem Pflichtethos ausgelieferte andere Ich zuständig.

Der dicke Schröder, im Gegensatz zum smarten Zorn übergewichtig, oft schwitzend und im Unterschied zu seinem zum Knuddeln einladenden Filmdarsteller Axel Ranisch mit rötlichem Resthaar und Seitenglatzenscheitel gestraft, stellt sein Ego weitestgehend zurück, verkörpert trotz kaschierter eigener körperlicher wie mentaler Probleme Intelligenz, Ausdauer und Leistungsbereitschaft, also all die Eigenschaften, welche Zorn bekanntlich abgehen. Nicht nur dienstlich fühlt er sich für Zorn verantwortlich und erledigt dessen Aufgaben, auch in privater Mission puffert er oft selbstlos und quasi brüderlich dessen Stimmungsschwankungen ab.


Ludwig, schreibender Bob Ross der mitteldeutschen Krimilandschaft


Obwohl das grundlegende Verhältnis zwischen beiden und damit die Rollenzuweisung trotz Schröders temporärem Ausstieg und späterer Umkehrung dienstlicher Hierarchien konstant bleibt, entwickeln sich die Protagonisten, wenn auch in unterschiedliche Richtungen. Während Schröder sich teilweise von Zorn und anderen Dingen emanzipiert, gelingt es Zorn immer weniger, mit seinen Störungen und der ihn erfassenden Midlife-Crisis umzugehen.

Der besonders im Debüt auffallende Humor, welcher sich gerade in den Dialogen zwischen Zorn und Schröder entwickelte, kommt im Laufe der Jahre zunehmend sparsamer und flacher daher. Mit Blick auf die Handlung und deren Gestaltung zeigt sich Ludwig von Anfang eher als literarischer Handwerker statt als feinsinniger Poet, sie wirkt oftmals etwas gewollt und konstruiert. Stephan Ludwig ist ein schreibender Bob Ross der mitteldeutschen Krimilandschaft – er ist gut, aber bei Weitem nicht genial.

Die Handlungsmuster


Beim auf Thrill ausgerichteten Verbrechen geht es von Anfang an deftig und oftmals tödlich, wenn auch selten wirklich originell zu. Hier bedient sich Ludwig ordentlich aus der durch eine Vielzahl an Autoren reichlich mit schmerzhaften, blutigen und unappetitlichen Handlungsmustern gefüllten Trickkiste. Gut gelingt es Ludwig jedoch regelmäßig, Handlungsorte zu beschreiben und mit Stimmungen aufzuladen, zudem Anspielungen auf Personen und Ereignisse zu streuen – beides nimmt der lesende Hallenser gern an. Was den halleschen Leser darüber hinaus oder den Leser überhaupt wirklich an Ludwigs Thrillern fasziniert, ist die Frage, auf welche ich noch keine befriedigende Antwort finden konnte. Auf der Suche danach beschlich mich aber ein fürchterlicher Verdacht:

Könnte es sein, dass der Autor nicht nur in Halle raucht, wie eine Kernaussage seiner Kurzbiographie lautet, sondern dort auch wegen seiner zahlreichen Leser vor Lachen manchmal nicht in den Schlaf kommt?
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