Stein mit Anstoß und paradiesische Sichten

Eröffnung
 
Otto Möhwald und Tatiana Skalko-Karlovska
 
Freunde der Kunst- ein wunderbares Miteinander!
Halle (Saale): Galerie Zaglmaier |

Zur Eröffnung der Ausstellungen von Tatiana Skalko-Karlovska und Otto Möhwald waren am vergangenen Sonnabend zahlreiche Kunstfreunde in die Galerie gekommen

Zwei Vertreter bester hallescher Kunsttradition präsentieren noch bis 2. Dezember Malerei und Grafik aus zwei Generationen

Kennen Sie dieses Gefühl beim Betrachten von Kunstwerken – wenn sich Gänsehaut über die Arme legt und man voll konzentriert und selbstvergessen genießt? Ich will nicht sagen, dass es sich hierbei um einen andauernden Zustand handelt – ich beschreibe eine Ausnahme, die selten genug eintritt, um sie dann allerdings auch in vollen Zügen genießen zu können. Hat man das Glück, wie ich, hier in der Galerie arbeiten zu können, stehen die Chancen gut, solche Empfindungen zu erleben. Und so kann ich Ihnen bereits jetzt versichern, dass ich von Zeit zu Zeit, ganz allein – vielleicht mit einem Glas Rotwein, hierher komme, um mich an den großartigen Kunstwerken zu erfreuen, welche uns Tatiana Skalko-Karlovska und Prof. Otto Möhwald zur Verfügung gestellt haben.

Halles Meisterdrucker für Lithografie Gerhard Günther, der wie kaum ein anderer Qualität gedruckter Grafik schätzt, machte mich vor einigen Jahren auf Stefan Zweigs Novelle „Die unsichtbare Sammlung“ aufmerksam. Ohne nun auf den Inhalt des ebenso Gänsehaut erregenden Textes eingehen zu wollen, ist es mir wichtig auf den haptischen Genuss hinzuweisen, der so bedeutend ist in der Kunst, eben auch bei der Druckgrafik und der als literarischer Ansatz bei Zweig so grandios herausgestellt wird. Es geht neben der visuellen Freude auch um Haptik. Die Beziehung, die ein Künstler auch handwerklich eingeht, beginnt spätestens beim Material. Otto Möhwald kennt seine Steine, welche er für die hier gezeigten Lithografien nutzte bestens. Er hat sie geschleppt, geschliffen, behandelt, bemalt oder darauf gezeichnet, gedruckt und wieder geopfert – immer wieder neu. (Einwurf des Künstlers: „Gerhard Günther war aber immer dabei.“) So sind und bleiben die Auflagen begrenzt. Und wie es in Halle üblich ist, erfährt der Stein selbst auch die Würdigung seines Charakters, in dem er geprägt als Rand auf immer in Bütten geprägt, sicht- und tastbar bleibt. So finden wir bei Prof. Möhwalds Lithografien immer wieder auch jenen Abdruck eines Steines, der manchmal rechts oben oder auch links unten am Bildrand charakterisch abgeplatzt ist.

Von den haptischen Erfahrungen zum visuellen Genuss. Prof. Otto Möhwald, der mehrfach preisgekrönte und weit über unsere Region hinaus bekannte hallesche Maler und Grafiker ist seiner Kunst treu geblieben. Gleichsam machte er Halle bekannt. Seine Straßenzüge und Stadtansichten sind, so könnte man heute sagen „Markenzeichen“. Es sind nicht Veduten, als wirklichkeitstreue Abbilder, wie wir sie aus früheren Epochen ebenso schätzen. Es sind vielmehr Abbilder von sensiblen Empfindungen unter Einwirkung von Farbe, Licht und Schatten. Und so erkennt der aufmerksame Betrachter auch sein Haus, seine Straße oder sein Viertel wieder. Manchmal mit marodem Charme, manchmal mit Baum oder Autos und manchmal mit Akt. Vom Exterieur zum Interieur. So, wie wir die gleichnamigen Bilder und Blätter von Prof. Möhwald empfinden, so zeigt sich sein Atelier bis heute. Diffus vom Licht durchflutet, erlebt man den Flur über den man vom Treppenhaus zu jenem Raum gelangt, in dem die Staffelei steht. Kaum zu glauben, hier lebt und arbeitet Otto Möhwald seit fast 60 Jahren. Tatsächlich steht das Jubiläum im kommenden Jahr an. Das hier vormals eine Kneipe war, ist nicht mehr zu ahnen. Als vor wenigen Jahren eine Sanierung vorgenommen wurde, kämpfte der Künstler um den Erhalt jener Details, die für ihn und seine Kunst so wichtig sind. Wenn die Bodenfliesen im Flur schon ausgetauscht werden sollten, dann mussten die Neuen wieder genau so sein und eben diese Haltung schätzen wir als Freunde der Kunst von Otto Möhwald. Der Erfolg gibt dem Künstler Recht, die hier gezeigten beiden Ölgemälde, sind die vorerst letzten frei verkäuflichen Arbeiten eines bemerkenswerten künstlerischen Lebenswerkes.

Die nachkommende Generation hallescher Künstler hat sich längst etabliert. Tatiana Skalko-Karlovska, die bekanntlich in der Ukraine geboren wurde, zähle ich unbedingt dazu. Es ist jene Generation, die nach der politischen Wende von 1989 von Beginn an auf wirtschaftlich eigenen Füßen stehen musste. Von der Kunst zu leben, ist eine Kunst und es ist bemerkenswert wenn junge Absolventen der Hochschulen damals wie heute unbeirrt weitermachen, sich mit individuellen und wunderbaren Werken, dem Überangebot und den Verlockungen der Märkte entgegenstellen. Die Arbeiten von Frau Skalko-Karlovska sind beispielgebend. Mit ihren Grafiken und Objektmalereien formte sie vor dem Hintergrund ihrer künstlerischen Entwicklung in Kiew und in Halle für sich hier ein starkes Alleinstellungsmerkmal, welches ihre Arbeiten deutlich für die Künstlerin identifizierbar macht. Auch sie ist ihrem Thema treu geblieben. Zentral bearbeitet sie das der Schöpfung. Ein wunderbares Thema meine ich. Denn nichts ist so schön, wie das, was Zukunft birgt und Entwicklung. Das betrifft den Menschen und die Menschheit ebenso wie Flora und Fauna. Tatiana Skalko-Karlovska ist eine ausgezeichnete Beobachterin und verlangt dem Betrachter ab einzutauchen in diese phantasievolle Welt, welche die Künstlerin mit Holzschnitten, Radierungen und Gemälden, gekonnt umgesetzten Vergoldungen, kombiniert mit Hinterglasmalerei wirklich werden lässt. Der Zyklus der apokalyptischen Reiter jedoch zeigt die intensive Auseinandersetzung mit der Realität. Das Paradies ist bedroht und die Folgen sind entsetzlich.
Zur Zeit arbeitet die Künstlerin gemeinsam mit dem Bildhauer Marcus Golter an einem Brunnenprojekt für das Seniorenheim Hospital St. Cyriaci et Antonii in Halle. Die Installation steht kurz bevor. Wir dürfen gespannt sein.
Unbedingt aufmerksam machen möchte ich auf Frau Skalko-Karlovskas buchkünstlerische Arbeiten. Seit nunmehr sechs Jahren präsentiert die Künstlerin diese mit großem Erfolg, auch auf der Frankfurter Buchmesse. Der Kreis der Bewunderer dieser äußerst hochwertigen und ästhetisch sehr anregenden Künstlerbücher und -kassetten wächst auch international stetig. Signifikant sind Ankäufe bedeutender Grafiksammlungen.

Nur ein Tor wehrt sich gegen die Möglichkeiten, die uns die schnelllebige digitale Welt derzeit bietet. Doch wie so oft darf eine positive Entwicklung nicht einseitig betrieben werden. Die Besinnung auf Haptik und Ästhetik des künstlerisch gefertigten Originals ist unser Anliegen. Wir würden uns freuen, wenn auch Sie dieses großartige Gänsehautgefühl der nunmehr eröffneten Ausstellungen mit uns teilen.

Text zur Ausstellungseröffnung vom 25.10.2014

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 13:30 - 18:30 Uhr
Eintritt: frei
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