Weihnachtliches Erinnern

Beim Anblick von buntbezuckerten Lebkuchenhäusern kommt mir eine alte Geschichte aus meiner Kinderzeit wieder
in den Sinn.

= Als mein Puppenhaus verschwand =

So kurz nach dem Krieg waren die Zeiten noch schlecht. Der Mangel prägte allerorts den Alltag, auch den von uns Kindern. Alle Gedanken der Erwachsenen drehten sich darum, satt zu werden, nicht hungern zu müssen.
Weihnachtsüberraschungen waren dann beispielsweise ein Paar feste Schuhe oder ein größerer Pullover aus der Auftrennwolle eines anderen gestrickt...und wir freuten uns sogar darüber. Für Spielzeug, Naschwerk und dergleichen war kein Geld da. Das wenige Spielzeug, das wir besaßen, hüteten wir wie unseren Augapfel vor Beschädigung oder Verlust.

Selbstgemachtes von der Oma

Aber ich hatte eine erfinderische Oma. Sie wusste sich immer zu helfen und vor allem mir. Ich bekam von ihr mehrere kleine gehäkelte Püppchen, die sie mir angefertigt hatte und damit konnte ich stundenlang spielen. Zu meinem Kummer - nur allein, denn ich war ein Einzelkind. Als ganz besondere Weihnachtsüberraschung hatte sie mir aus einfachem Lebkuchenteig ein großes Hexenhaus gebacken. Zum Aufessen war es mir viel zu schade, denn es ließ sich ja so gut damit spielen. Nur einmal probierte ich möglichst unauffällig, es an einer Ecke anzuknabbern, aber wahrscheinlich hatte die Oma sehr mit Zucker gespart, sodass das Haus wirklich viel besser zum Spielen taugte, als zum Essen.
Meine Häkelpuppen gingen lange Zeit im Lebkuchenhaus ein und aus und ich wurde nicht müde, es mit einfachen Hilfsmitteln zu verzieren und neue Spiele zu erfinden. Dass mein Haus essbar war, hatte ich so gut wie vergessen.
Dem mit Zuckerglasur bestrichenen Dach sah man bereits deutlich die ständige Benutzung an - seine Glasur war grau geworden, unansehnlich und das schloss die Option "Aufessen" erst recht aus.

Unverhoffte Gesellschaft

Eines Tages war Oma schnell noch einmal zum Einkaufen gegangen, hatte mich für eine kurze Zeit allein gelassen und mir eingeschärft, niemandem zu öffnen.
Selig spielte ich mit meinem Puppenhaus, als es klingelte. Vor der Tür standen zwei Mädchen aus der Nachbarschaft und wollten mit mir spielen. Zuerst unterhielten wir uns brav nur durch die Tür - durch das Guckfensterchen konnten wir uns sehen. Was ich denn gerade spiele, fragten sie mich und ich schwärmte ihnen von meinem wunderbaren Puppenhaus vor. "Ach, zeig es uns doch mal", bettelten sie und in meinem Besitzerstolz ließ ich sie ein.

Schockierender Ausgang

Als Oma vom Einkaufen kam, war sie nicht begeistert über meine Gesellschaft. Ich musste mit ihr aus dem Zimmer gehen und dort hielt sie mir eine gepfefferte Standpauke. Meine Spielkameradinnen waren in dieser Zeit allein bei meinem Puppenhaus zurückgeblieben. Danach ging ich wieder zu ihnen, um sie zu verabschieden und stand starr. Mein Puppenhaus bestand nur noch aus ein paar kleinen Mauerresten. Die beiden Mädchen drehten mir ihrer Gesichter zu und ich sah entsetzt, dass sie eifrig kauten. Mein schönstes Spielzeug hatten sie einfach aufgegessen und die Oma hat mir nie wieder eines gebacken.
So war das damals mit der Not und mit dem Hunger, der nicht einmal davor Halt machte, dass die schmutziggraue Glasur den Kindern eigentlich hätte gründlich den Appetit verderben müssen.


Spiegel auf die heutige Zeit

Viel Zeit ist über diese kleine Episode schon hinweggegangen, aber geblieben ist mir der stets achtsame Umgang mit Lebensmitteln. Heutzutage ist die Zeit widersprüchlich. Die Läden sind voll, die Regale quellen über, die meisten Einkaufswagen werden randvoll gepackt. Es herrscht Überfluss und auch gleichzeitig Not. Manchmal gleich nebenan.
Erinnern wir uns, zu helfen. Geben wir der Weihnacht ihren tieferen Sinn wieder. Richtig weh tut es, wieviel Essbares mitunter in den Abfalltonnen landet. Trotzdem hoffe ich, dass es besser gelingt, alle Menschen satt zu machen, damit es keine Notzeiten mehr gibt.
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Ralf Springer aus Aschersleben | 17.12.2015 | 13:50   Melden
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