Zurück in die Zukunft

Survival Kit im LivingLab © Herr Treffler
 
© Herr Treffler
Halle (Saale): Living Lab |

Viel Licht. Wohnküche. Bad ohne Fenster. Wenn oben gespült wird, rauscht es auch unten bei mir. Ansonsten ist es sehr still in der Unstrutstraße 7. Mein Fahrrad nehme ich trotzdem mit in die Wohnung. Auch wenn ich es sonst immer draussen vor der Tür stehen lasse.

Das Klischee von der gefährlichen Plattenbausiedlung habe ich also schon einmal verinnerlicht. Dabei sollte ich es besser wissen. Die erste Hälfte meines Lebens ist untrennbar mit Halle-Neustadt verknüpft. Ich bin hier aufgewachsen, im selben Viertel, nur ein paar Blöcke weiter. Mit Kindern aus der Nachbardschaft und späteren Freundschaften. Eltern, die vom Balkon aus immer einen Blick auf das Geschehen im Viertel hatten. Leute, die an warmen Nachmittagen die Felgen von Autoreifen polierten. Halbstarke Jugendliche. Wettrennen über zwölf Etagen. Ab und zu ein Zeppelin über unseren Köpfen. Mit dem Wechsel in die siebte Klasse gehörten auch Kinder mit fremd klingenden Namen zu meiner Welt. Insgesamt aber ein überschaubares Soziotop, eingebettet zwischen Wohnblock 311 und 536. Noch am selben Abend treffe ich auf drei junge Journalisten aus München. Wie ich haben sie für ein paar Tage eine Gästewohung des Bauvereins bezogen. Wir sprechen über Lebensqualität und Perspektiven und ob Halle-Neustadt für mich Heimat bedeutet. Ebenso könnte ich ‚Heimat‘ durch ‚Liebe‘ oder ‚Glück‘ ersetzen, weil eine Antwort kompliziert ist. Also frage ich zurück, wieviel Heimat überhaupt möglich ist, an einem Ort der kaum fünfzig Jahre existiert? Heimat als Ergebnis einer Blaupause, nach den Maßstäben einer Wirklichkeit die es heute nicht mehr gibt. Was ist heute noch übrig von der utopischen Stadt?

Die Geschichte von Halle-Neustadt erinnert mich an die Erzählung von Dr. Frankenstein

Wie besessen sucht Frankenstein nach einer Möglichkeit, die Grenze zwischen Leben und Tod zu überwinden. Aus den Teilen lebloser Körper soll ein lebendiges Wesen werden. Das Experiment gelingt. Aber dieses Wesen hat weder Geschichte noch Familie. Ein Körper der unter großer Anstrengung in diese Welt geboren wurde. Frankensteins Monster ist ein Ideal, dazu da seinen Selbstzweck zu erfüllen. Es steht aufrecht, geht, isst und spricht sogar. Aber ist es wirklich lebendig? Frankenstein muss sich eingestehen, dass das Leben nicht zu kontrollieren ist. Halle-Neustadt ist ein in Beton gegossenes Konzept, unfähig sich auf die Umbrüche nach der Wiedervereinigung einzustellen. In der Utopie bildeten Wohnhäuser und Versorgungseinheiten (Kaufhallen, Ärzte, Kindergärten) lebendige Viertel, in denen der Alltag organisiert war. Wohnen, einkaufen, Kinderbetreuung waren keine fünf Minuten voneinander entfernt. Halle-Neustadt wächst zum real-existierenden Ideal des modernen Lebens in der DDR. Nur wenige Jahre, dann verändert sich alles in nur einer Nacht. Das erste Mal in der Geschichte von Halle-Neustadt wollen immer weniger Menschen Teil der gebauten Utopie sein. Dem sozialistischem Ideal geht das Leben verloren.

Am nächsten Morgen fühle ich mich immernoch so wenig willkommen, wie am Abend zuvor. Meine vier Wände präsentieren sich als eine unglückliche Verkettung pragmatischer Umstände. Ich muss mich dazu zwingen nicht in die Altstadt und an meinen gewohnten Arbeitsplatz zu flüchten. Stattdessen richte mich in der Küche ein. In meiner Mittagspause unternehme ich einen Streifzug durch das Viertel. Vieles ist mir vertraut. Das Licht. Die Geräusche. Die Gesten der Menschen auf der Straße. Kein Unterschied zum ‚Ha-Neu‘ vor fünfzehn Jahren. So wie überall werden bebrillte Sechstklässler von Gleichaltrigen schikaniert. Frauen mit osteuropäischen Akzent sitzen vor den Discountern und bitten um Kleingeld. Den Lebensmittelpunkt bilden die Lebensmittelgeschäfte im Viertel. Ein Gegengewicht dazu ist das Mehrgenerationenhaus ‘Pusteblume’. Die ehemalige Kita beherbergt seit Mitte der neunziger Jahre verschiedene Kunst- und Kulturinitiativen. Seit der Gründung ist Uwe Duday verantwortlich für den Kinderzeichenzirkel. Ein kreativer Ort für zwanzig Kinder und Jugendliche, die für ein paar Stunden in der Woche neugierig sein und sich ausprobieren können. Eines der wenigen Angebote, das neben Musikschulen, Schwimmhalle, Sportverein und Skatepark vor allem junge Menschen eine Alternative zum Konsumzwang in einen der beiden Einkaufszentren (eins davon mit Kino) bietet.

In meiner Erinnerung definiert sich das Leben in Halle-Neustadt vor allem durch private Momente

Nicht zurückgezogen, aber räumlich begrenzt auf die Wohnung, den Block oder die Nachbarschaft mit der man lebt. Kennt man niemanden an dem einen oder anderen Ende der Magistrale, gibt es eigentlich auch keinen Grund dort zu sein. Wenngleich immer alles in der Nähe scheint. Straßenbahnen und Busse verkehren im Minutentakt zwischen den verschiedenen Zentren. Mit dem Fahrrad ist man ebenso schnell unterwegs. Am Abend oder am Wochenende weggehen, das passiert immernoch nicht in Neustadt. Oder nicht mehr. Zumindest nicht in der näheren Umgebung. Neben den wenigen und oft sehr einseitigen Möglichkeiten noch nach Ladenschluss in Gesellschaft zu sein, gehörte die ‚Skybar‘ zu den Besonderheiten, die ich mir während meines Aufenthalts ansehen wollte. Leider zu spät. Seit dem letzten Sommer: geschlossen. Stattdessen begleite ich Emil, Min Thu und Sebastian zu einem Interviewtermin. Auf einem Hausdach, in sichtweite des verbindenden Verkehrsknotens zwischen Alt- und Neustadt, treffen wir Manuela. Gemeinsam mit ihrer Familie führt sie ein Unternehmen für Computerhardware. Mein ganzes Leben lang ist sie Neustädterin. Fragt man sie warum, deutet sie auf eine endlose Aussicht und die Windkrafträder im Süden. Uns gegenüber sind Tische und Bänke aus Holzpaletten zu einer langen Tafel angeordnet. Einfache Palettenmöbel, welche der gefühlten Anonymität im Plattenbauviertel etwas entgegen zu setzen scheinen. Und erfüllen damit den eigentlichen Zweck Richard Paulicks Architektur: Lebensraum zu spenden.
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 12.06.2017
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