Zwei hallesche Kunstpreisträger

"Die lange lange Straße lang", Lithographie von Hans-Christoph Rackwitz zu W. Borchert (Foto: Galerie / Litho: H.-C. Rackwitz)
 
Hans-Christoph Rackwitz
 
"Auf großer Fahrt", Radierung von Hans-Christoph Rackwitz (Foto: Galerie / Radierung: Rackwitz)
Halle Saale: Galerie Zaglmaier |

Hans-Christoph Rackwitz und Uwe Pfeifer stellen aus

Entlang eines langen, langen Weges


Wir schreiben das Jahr 2014. Entlang des langen, langen Weges der Sonde Rosetta zum weit entferntesten Ziel, welches jemals Menschen zu erreichen, sich vornahmen, starben auf der Erde zahllose Menschen sinnlos durch Krieg, Hunger und Krankheit. Begeistert bejubelten wir die Sportler der Welt und den Fußball. Wenige legten Millionen in Kunstwerke an, während Viele gegen Bildungsabbau protestierten. Auf dem Weg zu den Sternen verlieren wir immer häufiger den Blick auf die Dinge, die das Leben Wert machen, auch die Sorgen der Anderen. „Unter dem Radar“, wie Uwe Pfeifer sagen würde, also nur von Wenigen wahrgenommen, gibt es Menschen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenseins, die sich mit großartigen Leistungen selbstlos einbringen, den Blick offen halten.
So auch Wolfgang Borchert, der mit seiner Kurzgeschichte „Die lange lange Straße lang“ ein zeitgeschichtliches Dokument des ausgehenden 2. Weltkrieges und der frühen Zeit danach schuf. Hans-Christoph Rackwitz widmete u. a. diesem literarischen Werk sein Diplom an der halleschen Kunsthochschule bei Prof. Ruddigkeit im Jahr 1982. Es ist die tragische Geschichte des 25-jährigen Herrn Fischer, der Leutnant war. Zitat: „Und so läuft er, die lange lange Straße lang, läuft mit seiner Angst durch die Welt, läuft vor den Schreien davon, links ein Fußballstadion, rechts die Oper“. Die dazu geschaffenen Lithografien von Rackwitz entstanden übrigens im Rahmen des Studiums der Lithografie bei Uwe Pfeifer. Zu sehen sind auch weitere Arbeiten seiner Studienzeit im Obergeschoss der Galerie, die sich unmittelbar mit dem Faschismus auseinandersetzen. Es sind selten gezeigte Radierungen im Zusammenwirken mit der Aquatinta-Technik. Diese und die grafischen Arbeiten zu Bildung und Militarismus, welche 1985 entstanden, zeigte Rackwitz im Mai desselben Jahres in einer Ausstellung in der Marktkirche in Halle.
Während die offiziellen Vertreter der SED und der Stadt damals mehr als skeptisch auf die Präsentation blickten, fand der Künstler bemerkenswerten Zuspruch eines breiten Publikums. Es finden sich Einträge im Gästebuch von Besuchern aus Holland, der CSSR, der Bundesrepublik Deutschland und natürlich unserer Stadt.
Im Laufe der Jahre hat sich Hans-Christoph Rackwitz, aufbauend auf diesen frühen Arbeiten, neuen Themen verstärkt zugewandt. Diese sind bekanntlich das Naturstudium und die Architekturdarstellungen. Mit Begeisterung betrachten wir immer wieder die Radierungen des Künstlers. Entdecken Bauwerke unserer Stadt mit Details, die Rackwitz mit feinstem Werkzeug aus der Zinkplatte herausgearbeitet hat. Was für Kompositionen tun sich da auf, in denen man spaziert und wunderbare Details findet. Ansichten, die es oft so nicht gibt, der Phantasie eines Grafikers entsprungen, und doch real, nur weitergedacht und grandios künstlerisch umgesetzt. Grafisch nach dem Vorbild des Piranesi und träumerisch dem des Jules Verne nahe, sind es die Bauten Halles als Kugelperspektive, die Veduten akribisch eingefügt in den Raum des Hauptbahnhofes, die ganze Stadt auf hoher See von der Kraft des Windes und des Dampfes getrieben zu neuen Ufern. Wer sich für Architektur interessiert, kommt an dem Studium der Natur nicht vorbei. Der sowjetische Architekturtheoretiker Lebedew schrieb 1977: „Vielmehr hat die Architektur-Bionik eine sogenannte dienende Funktion, ihre Spezifik besteht in der schöpferischen Umsetzung der Naturformen, der Bau- und Wachstumsprinzipien, in der gebauten Umwelt. Dabei ist festzustellen, dass die von uns als „schön“ empfundenen Naturformen immer Ergebnisse einer absolut zweckmäßigen Anpassung und Harmonisierung an die Umwelt auf der Grundlage objektiver Entwicklungsgesetze der Natur darstellen.“
Das Wissen um diese Beziehung besteht mindestens seit der Antike und behält seit Fibonacci und den Erkenntnissen um den „Goldenen Schnitt“ bis heute seine Aktualität. Der Künstler Hans-Christoph Rackwitz treibt mit seinen Architekturphantasien das Thema auf die Spitze, in dem er baut, was Architekten nicht wirklich denken dürfen. Mit waghalsigen Konstruktionen reizt er Sehgewohnheiten und provoziert zu neuer Kreativität.



Wird ein Kind geboren, so heißt es, sollten ihm alle Wege offen stehen. Dürfen wir in Frieden und gesund aufwachsen und verfügen wir über ein soziales Umfeld, das uns fördert, haben wir besonders gute Chancen unseren Lebenstraum zu verwirklichen, zu tun was uns Freude bereitet, was uns und anderen gut tut. Der mittlerweile 6. Tagtraum von Uwe Pfeifer zeigt die Optionen der Realität. Was das eben noch fröhlich spielende Mädchen im Leben erfahren wird, ist offen. Die Zeit vergeht für Jeden schnell. Mancher bleibt sein Leben lang Indianer, immer auf der Suche und mit den Elementen verbunden. Andere bieten sich an, werden kalte Mitläufer oder Suchen Zuflucht in Alkohol und Drogen. Der Baum der Erkenntnis ist verdorrt und gar tödliches Hindernis auf der Jagd durch das Leben nach Erfüllung und Selbstbestätigung. Jedoch ist ein Traum, ein Tagtraum und nicht zwingend die Realität. Wer könnte der Tanzbär sein, herumgestoßen und wider der Natur, das ausführend, was die Existenz sichert? Es ist bekannt, dass Uwe Pfeifers Lithografien immer auch seine aktuellen großen malerischen Arbeiten reflektieren. So gibt es mittlerweile auch sechs großformatige Gemälde aus der Serie, die anknüpfen an das bereits bekannte künstlerische Schaffen des halleschen Kunstpreisträgers. Es sind Bilder deren intellektuellen Zugang sich auch der geübte Betrachter ggf. schrittweise erarbeiten muss. Menschen in Papierkörben, in der Tristesse der langen, langen Tunnel stehen heute gegenüber dem ewig röhrenden Hirsch, der Lust und dem bissigen Establishment, in der verkehrten Welt, hinter einer Ecke lauernd. Die Scheinheilige wendet sich ab, wenn zwielichtige Gestalten hilflose, johlende Jugendliche all dem zuführen. Der Künstler nimmt Entwicklungen war und serviert sie uns ohne Umschweife. Er schärft unseren Blick auf das was Änderung bedarf und weist zugleich auch das das Schöne. Und so bleibt ein langer, langer Weg auch das Wunderbare zu entdecken. Es ist die Natur, die Welt der wir entstammen und die wir für unsere Kinder erhalten. Das Schöne liegt so nahe. Pfeifer nimmt uns mit auf seine Wanderungen, der Weg ist das Ziel.
Und so gibt es in beiden Ausstellungen keinen verklärten Blick auf unsere Zeit, sondern vielmehr Anstöße auf Besinnung zum selbstkritischen Betrachten, zum Innehalten.
Die Botschaft ist formuliert – machen wir etwas daraus. Mit Hoffnung blicken wir auf ein neues Jahr. Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien Frieden und Gesundheit für 2015 und entlang des langen, langen Weges, der uns allen bevorsteht. Greifen auch wir zu den Sternen und behalten wir den Blick auf das Erhaltenswerte.

T. Zaglmaier
zur Ausstellungseröffnung Hans-Christoph Rackwitz und Uwe Pfeifer am 06. Dezember 2014
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