ⒽⓂ Gras auf schrecklichen Hinterlassenschaften ☠

Das alte Verwaltungsgebäude.Interessant sind die eingelassenen Verzierungen des Portals.

 

Das abgesperrte und über viele Jahrzehnte hinweg gesperrte Gelände!

  Um über das Ammendorfer Orgacid Werk, das auf Weisung des Oberkommandos der Wehrmacht in den Jahren 1935-1938 in Halle/Ammendorf erbaut wurde, berichten zu können, bedarf es einer Vorgeschichte.

Dem Franzosen Alfred Riche gelang 1854 die Herstellung von Giftgas aus Chlor und Diethylsulfid. Lommel und Steinkopf, beide Mitarbeiter von Fritz Haber am
Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, kam später die Idee dieses Giftgas als Kriegswaffe einzusetzen. Aus den beiden ersten Buchstaben ihrer Namen entstand der Name Lost, welches ein starkes Hautgift und erwiesenermaßen krebserregend war.

Es riecht nach Senf und Knoblauch...

Das nicht hochgereinigte Produkt roch nach Senf oder Knoblauch und wurde deshalb auch Senfgas genannt. Wegen der entstellenden Verletzungen die es verursachte, wurde dieses Giftgas im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges zu einer der gefürchtesten Waffen. Gelangt auch nur eine geringe Menge dieses Giftes auf die Haut, dann entstehen große, stark schmerzende Blasen, die vergleichbar mit starken Verbrennungen oder Verätzungen sind. Diese Verletzungen heilen sehr schlecht, denn das Gewebe wird nachhaltig zerstört und die Zellteilung gehemmt. Großflächig betroffene Gliedmaßen müssen meistens amputiert werden. Werden Lost-Dämpfe eingeatmet, zerstört es die Bronchien! Im Ersten Weltkrieg setzten deutsche Truppen das erste Mal Lost als Kampfstoff ein. So warfen in der Nacht auf den 13. Juli 1917 deutsche Truppen bei Ypern in Belgien, mit Senfgas gefüllte Granaten auf ihre Gegner. Das Ergebnis war grausam, ein quälender und schmerzhafter Tod!

Die ehemalige Giftküche

Gegründet von der Theodor Goldschmidt AG, gehörte das Ammendorfer Orgacid Werk der Degussa AG in Frankfurt/Main und ihr selbst jeweils zur Hälfte. Die Errichtung der Anlagen zur Produktion von Kampfmittelstoffen erfolgte in den 1930er Jahren. Während der NS-Zeit produzierte man in Halle-Ammendorf S-Lost. Allein im Jahr 1944 verließen 816 Waggons mit Sprühbehältern, Fliegerbomben und chemischer Artillenemunition das Werk. Da nur wenige Tropfen genügten um tödliche Verätzungen zu verursachen, arbeitete man unter Vollschutzkleidung. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen kam es zu zahlreichen Unfällen.

Ein kontaminiertes Gelände

Am 13.04.1945 wurde die Produktion abrupt eingestellt. Denn am Ende des 2. Weltkrieges besetzten im April 1945 amerikanische Truppen Ammendorf und das Werk. Im Juli 1945 zogen dann sowjetische Truppen in Ammendorf ein. Wichtige Dokumente über das Werk, seine Produktionsanlagen und die zahlreichen unterirdischen Giftgasleitungen hatten bereits die amerikanischen Truppen mitgenommen. Das ist auch der Grund dafür, dass später keine Baupläne etc mehr aufgefunden werden konnten, die jedoch für eine Dekontaminierung des Fabrikgeländes notwendig gewesen wären! Die zum Teil schon während des Krieges dienstverpflichtete Belegschaft wurde unter Strafandrohung zu Aufräumungs- und Demontagearbeiten gezwungen, jedoch konnte ihnen dafür die erforderliche Schutzausrüstung nicht zur Verfügung gestellt werden! Auf eine Veranlassung Stalins vom 03.08.1945, wurde das gesamte Werk demontiert und nach Tschpajewsk gebracht.

Orgacid in der Ostsee

Eine Dokumentation vom Deutschen Bundestag: Drucksache 13/2733vom 24.10.1995 besagt, dass im Skaggerak 42 Schiffe und im europäischen Nordmeer ein Schiff mit insgesamt ca. 130 000 t Kampfstoffen und
Kampfstoffmunition versenkt wurden ist. Die Auflistungen der Mengen sind leider lückenhaft und können somit nicht eindeutig benannt werden.

Bernstein ist nicht immer Bernstein!

Noch heute tauchen immer wieder bernsteinähnliche Lostklumpen an den Ostseestränden auf, weil die Behälter im laufe der Zeit undicht geworden sind. An Stränden augefundene Klumpen, die man für Bernstein hält, werden achtlos aufgehoben oder in Taschen gesteckt. Werden Phosphorbrocken zwischen 20 und 30 Grad warm, können sie sich mit einer bis zu 1300 Grad heißen Stichflamme selbst entzünden. Da Phosphor hochgiftig ist, kann schon bloßes Anfassen die Organe schädigen. Immerhin lagern in der Ostsee insgesamt rund 300.000 Tonnen Giftstoffe. „Der Tourismus darf daher die Politik nicht aus der Haftung entlassen...“ Schrieb die Rüganer Zeitung, Ausgabe 5.-11.Dezember des Jahres 2001. Regelmäßig werden von Erdbebenmessgeräten Detonationen im Meer aufgezeichnet und den Fischern gehen mehrere bis zu 3000 Kilogramm Munition im Jahr in die Netze.

Halle gibt Gelder für Sofortmaßnahmen zur Erkundung und Beseitigung von Kampfstoffaltlasten zurück!

In der Dokumentation vom Deutschen Bundestag: Drucksache 13/2733 heißt es unter anderem:

“ 1990 wurde für Halle-Ammendorf vom Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Dr. Klaus Töpfer, ein Projektvolumen von 4 Mio. DM zur Sofortmaßnahme und Erkundung von Kampfstoffaltlasten bewilligt und zusätzlich durch 2 Mio. DM Landesmittel ergänzt.

Mit der Durchführung war der Magistrat von Halle beauftragt…

“ Man kam zu dem Schluss, dass keine Kampfstoffe mehr auf dem betroffenen Gelände lagern, obwohl die technologischen Wege des Kampfstoffes von der Synthese zum Lager und zur Weiterverarbeitung auf grund fehlender Unterlagen lokalisiert und somit nicht untersucht werden konnten.

Weiter heißt es:

“ Es gab auch keine Aussagen zur Neutralisation der Kampfstoffrückstände, die sich jetzt noch in den Kampfstoffzellen befinden. Gleichfalls gibt es keine Aussagen darüber, was sich in der Auffangwanne unter den Kampfstoffzellen befindet. Dioxinuntersuchungen wurden nicht durchgeführt.“

Deshalb gab die Stadt rund 2,5 Mio. DM aus dieser Sofortmaßnahme zur Erkundung von Kampfstoffaltlasten im Jahr 1993 zurück.

Was verbirgt sich unter dem brachliegendes Gelände?

Unter dem ehemaligen Ammendorfer Firmengelände an der heutigen Camillo-Irmscher-Straße liegen acht weitverzweigte grüngeflieste Zisternen, die nun also auf Grund fehlender Baupläne nur schwer zu entgiften waren und nach der Wende hermetisch versiegelt worden sind. Im Jahre 1990 wurden noch 30 Tonnen Giftstoffe durch das Grundwasser an die Oberfläche transportiert… Das seit vielen Jahren abgesperrten Gelände wird nur von einer sprärlichen Vegetation überwuchert, was noch gut erkennbar ist. Nach Probebohrungen, Wasserproben und Luftmessungen bis Mitte der 1990er Jahre hat die Stadt Halle den Fall offiziell (ab)geschlossen, mit Absperrzaun und Gras drüber!


Quelle: siehe im Text hinterlegte Links und Infos von der Seite der Ammendorfer Heimatfreunde
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7 Kommentare
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Lothar Teschner aus Merseburg | 15.01.2017 | 16:40   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 15.01.2017 | 16:47   Melden
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Waltraud Eilers aus Naumburg (Saale) | 15.01.2017 | 17:14   Melden
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Ralf Springer aus Aschersleben | 15.01.2017 | 17:42   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 15.01.2017 | 18:23   Melden
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Christine Schwarzer aus Dessau-Roßlau | 16.01.2017 | 10:41   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 16.01.2017 | 12:37   Melden
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