ⒽⓂ Von einer die auszog jemand anderes zu sein, um sich selbst zu leben! ☆

Jutta Hoffmann zusammen mit ihren Eltern Alice und Erich und ihrer jüngeren Schwester Sabine 1948

(Foto: Filmmuseum Potsdam/Sammlungen/Vorlass Jutta Hoffmann)
 

Blick in die heutige Friedrichstraße von Ammendorf, im Süden von Halle/Saale ( Februar 2017 )

 

In diesem Haus verbrachte Jutta Hoffmann einen Teil ihrer Kindheit (Bild Februar 2017)

Als am 03.03.1941 ein kleines Mädchen in Ammendorf geboren wurde, nannten es ihre Eltern Jutta. Als ob die Eheleute Hoffmann damals schon erahnen konnten, welchen Weg ihre Tochter einmal in ihrem Leben einschlagen würde. Denn dieser Name ist eine Koseform des biblischen Namens Judith und bedeutet „die Gepriesene“.

Als eine der profiliertesten Schauspielerinnen Deutschlands, ordentliche Professorin für Schauspiel und Kulturbotschafterin des Landes Sachsen-Anhalt wird die unverstellte, ausdauernde und kämpferische Frau nämlich für ihre hervorragenden Leistungen und Verdienste in der deutschen Kulturlandschaft ganz zu Recht geehrt und gepriesen.

Die Eltern von Jutta Hoffmann kamen vom Land. Doch schon ihre Großväter waren Fabrikarbeiter in Halle/Ammendorf. Juttas Vater erlernte den Beruf eines Buchhalters und ihre Mutter nahm im Alter von 14 Jahren eine Lehre im Konfektionshaus Kurt Binnewies auf. Nach Heirat der Eltern wurde Jutta als älteste Tochter im Jahr 1941 geboren und drei Jahre später kam ihre Schwester Sabine zur Welt. Während sich ihr Vater bis zum Jahr 1947 in französischer Kriegsgefangenschaft befand, kümmerte sich ihre Mutter tapfer um die kleine Familie in der Ammendorfer Friedrichstraße. Heinz Rosenthal, ein Freund der Familie und Schauspieler am damals gerade wieder eröffneten Thalia Theater in Halle, stand ihnen bis zur Rückkehr des Vaters hilfreich zur Seite.

Er war es auch, der zu einer Schlüsselfigur in Juttas jungem Leben wurde. Denn oft besuchte die Familie Hoffmann seine Vorstellungen und die älteste Tochter war fasziniert von der Welt des Schauspiels. Nach den Juniaufständen im Jahr 1953, kam es zum Zerwürfnis zwischen Rosentahl und ihrem Vater, da beide unterschiedliche politische Meinungen vertraten. Kurze Zeit später ging Rosentahl in den Westen.
Die Kindheit von Jutta Hoffmann war geprägt von der ideologischen Diktatur des Sozialismus in der damaligen DDR. Nachdem sie einige Jahre die Friedenschule in Ammendorf besuchte, zog die Familie nach Schkopau und später nach Merseburg. Ihr Interesse an der Schauspielerei blieb jedoch ungebrochen. Schon während der Schulzeit versuchte sie sich in kleineren Rollen als Mitglied einer Laienspielgruppe der Buna-Werke. Ihr Wunsch war es, nach dem Abitur an der Theaterhochschule in Leipzig studieren zu können. Man erkannte dort auch ihr Talent und sie bestand die Aufnahmeprüfung.

In der damaligen DDR gab es jedoch einen sogenannten Immatrikulationsschlüssel. Er sah vor, wie viel Kinder von Arbeitern und Intelligenzlern einen Studienplatz erhalten durften. Da Juttas Vater weder zu der einen noch zur anderen Bevölkerungsgruppe zählte, konnte man Jutta leider nicht zum Schauspielstudium zu lassen. Ihren Vater brachte dieser unbegreifliche Entschluss völlig aus der Fassung, wo doch seiner Jutta ein großes Talent bescheinigt worden war! Die Familie Hoffmann wollte sich diese Ungerechtigkeit nicht gefallen lassen, auch wenn man Gefahr lief, als aufmüpfiger und linienuntreuer Abweichler zu gelten. Ihr Vater fuhr wiederholt nach Leipzig und griff sich nicht nur die Krawatte eines ganz gewissen Herrn Professors …!
Jutta Hoffmanns Immatrikulationsbescheinigung von der Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg war datiert auf den 29. Juli 1959.

Die empfindsame und doch unbeugsame junge Frau mit den großen wachen Augen, verließ nun ihren Heimatort und zog in eine andere Welt, in ein Zimmer einer Villa des Sängers Richard Tauber. Ab diesem Zeitpunkt befand sie sich in der Gesellschaft von UFA-Schauspielern und Regisseuren und nur einen Steinwurf entfernt von Westberlin!

Von der Leiterin ihrer Laienspielgruppe hatte Jutta ein Buch geschenkt bekommen, das den Titel „Theaterarbeit-Aufführungen des Berliner Ensembles“ trug. Jutta Hoffmann half dieses Buch, Theaterarbeit an der Wirklichkeit orientiert, zu begreifen. Mit den Inhalten ihres Schauspielstudiums konnte sie sich nicht identifizieren, da man eine solche Auffassung von Theater und Schauspiel an der Filmhochschule nicht vertrat. Obwohl ihr die Unmittelbarkeit zur Praxis und einige Ausbildungsrichtungen ganz gut gefielen, brach sie ihre Ausbildung ab und wechselte nach einem erfolgreichen Engagement in der Komödie "Und das am Heiligabend" von Vratislav Blazek, an das Maxim Gorki Theater Berlin. Sie erhält Rollen in Klassikern als Minna von Barnhelm und brilliert auch in modernen Stücken. Im Jahr 1960 debütierte sie in dem DEFA-Streifen „Das Rabaukenkabinett“. Dann wechselt sie zum Deutschen Theater und gehörte ab 1973 dem Berliner Ensemble an. Jutta Hoffmann übernahm zahlreiche Film- und Theaterrollen. In Fernsehproduktionen konnte man sie nicht so häufig sehen. Die Schauspielerin erhält zahlreiche Auszeichnungen und doch werden einige Filme in denen sie mitspielt, in der DDR verboten. Denn diese Filme passen nicht in das vorgeschriebene Raster einer sozialistischen Gesellschaftsordnung.

Die zierliche Schauspielerin stellte in vielen DEFA-Filmen Persönlichkeiten dar, die sich ihren Lebensweg nicht von Parteiprogrammen vorzeichnen ließen. Das entsprach auch ihrer eigenen Lebensphilosophie. Texte und Regieanweisungen, mit denen sie sich nicht identifizieren konnte, lehnte sie bei ihrer Arbeit immer ab. Nach der Biermann-Affäre zählt Jutta Hoffmann auch zu den Unterzeichnern der Protestresolution.

Im Jahr 1982 erhält die Schauspielerin eine Arbeitserlaubnis für die Salzburger Festspiele und arbeitet von 1985 bis 1990 am Schauspielhaus in Hamburg. An der dortigen Hochschule für Musik und Theater lehrte sie auch von 1992 bis 2006 als Professorin. Seit mehr als 50 Jahren steht Jutta Hoffmann vor der Kamera und auf der Bühne. Man kann an dieser Stelle nicht alle Auszeichnungen der Ammendorferin benennen, es würde den Rahmen dieses kleinen Berichtes über sie sprengen. Darum möchte ich nur einige von ihnen erwähnen. Im Jahr 1998 erhielt sie den Caroline-Neuber-Preis der Stadt Leipzig und 2005 verlieh man ihr für „Verdienste um den deutschen Film“, den Preis der DEFA-Stiftung. Auf Grund ihrer herausragenden schauspielerischen Leistungen wurde sie in diesem Jahr für die Verleihung der Goldenen Kamera am 04.März 2017 in Hamburg nominiert.

In ihrer letzten Fernsehproduktion „ Ein Teil von uns“, habe ich Jutta Hoffmann in der Rolle einer alkoholkranken und hilflosen Obdachlosen bewundert. Brutal und doch anrührend mit Mut zur Entstelltheit spielte sie die Irene (die sich selbst immer Wanda nennt) und "Zeit online" schreibt, dass sie in dieser Rolle ihr letztes Stück Schutzschild Scham abgeworfen hat

Der Regisseur Egon Günther hat einmal über die Schauspielerin geschrieben:⋆)“Jutta Hoffmanns Leistung entsteht aus Identifikation und Opposition.“ Rückblickend auf ihre berufliche Laufbahn, die geprägt wurde durch eine erfolgreiche und bedeutsame Zusammenarbeit mit starken und außergewöhnlichen Persönlichkeiten, trifft wohl keine Aussage besser zu, als der in einem Gespräch über Einar Schleef geäußerte Satz: ⋆⋆)„Durchsetzungskönnen in der Kunst ist immer auch die Frage, wen man trifft“!

Jutta Hoffmann lebt in zweiter Ehe mit dem österreichischen Schauspieler und Regisseur Nikolaus Haenel in Potsdam, ist verheiratet und Mutter einer Tochter und eines Sohnes.
Alle an der Geschichte Ammendorfs interessierte Leser und diejenigen, die Frau Hoffmann schätzen, möchten ihr am 03. März zu ihrem Geburtstag, alles erdenklich Gute wünschen!


Das beste Drehbuch schreibt das Leben und ⋆⋆⋆) „Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern der, welcher sein Leben am meisten empfunden hat.“


Aufgeschrieben von Monika Habermann im Februar 2017



Zitate
Mitteldeutsche Zeitung Nr.99 v. 30.04.1993/von Hans-Erdmann Gringer
⋆⋆ Myrte und Goldband/Ein Gespräch mit Jutta Hoffmann über Einar Schleef
Berliner Zeitung 20.07.02 von Detlef Friedrich

⋆⋆⋆Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778), Denker der Aufklärung

Quellen:
„Jutta Hoffmann - Schauspielerin“ – ein Buch von Peter Warnecke und Birgit Scholz; herausgegeben vom Filmmuseum Potsdam /Tagesspiegel v. 16.11.2016; "Die abstoßende Mutter" v. Thomas Gehringer/ Eingefügte Links / Stadtarchiv Halle „Triangel“ vom März 2006 FA 10222 und MZ Nr.99 v. 30.04.1993 / Das Buch „Ammendorf“ von den Anfängen bis zur Gegenwart, von Wolfgang Engel
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Waltraud Eilers aus Naumburg (Saale) | 28.02.2017 | 18:23   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 03.03.2017 | 22:55   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 09.03.2017 | 17:19   Melden
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