ⒽⓂ Wenn ihr gegessen und getrunken habt, seid ihr wie neu geboren … ♨

Romy und Jörn Müller vor ihrer Ammendorfer Brotbüchse

 

Vorderansicht der Ammendorfer Brotbüchse

… Behauptete schon Johann Wolfgang von Goethe


Vieles hat sich im Verlauf der Geschichte gewandelt, verändert, ist verschwunden oder neu entstanden. Auch an den kleinen und unscheinbaren Brotbüchsen ist die Geschichte nicht spurlos vorbei gegangen. Waren sie früher ein praktisches Transportmittel für Butterbrote, mutierten sie im Laufe der Zeit zur Lunchbox, in der ein ganzes Mittagsmenü untergebracht werden konnte. In Ammendorf gibt es seit 2006 sogar eine „Brotbüchse“, die täglich frisch zubereitete Gerichte zum Verzehr anbietet! Das gibt es nicht? Gibt’s doch!

Denn wenn es um das leibliche Wohl geht, dann verstehen wir Menschen keinen Spaß mehr! Das müsste nun auch den letzten Ungläubigen überzeugt haben, denn diese Tatsache brachte nämlich schon 1551 die Gebrüder Bose zur Einsicht. Nach dem Tod des letzten Nachkommen Konrad von Ammendorf, starb das Adelsgeschlecht aus und die beiden Brüder übernahmen ihren reichen Besitz. Es kam zu einem Teilungsvertrag, bei dem Georg Bose neben anderen Ländereien auch das Ammendorfer Gebiet erhielt. In diesem Vertrag wurde damals schon festgeschrieben, dass „…Die sich südlich des Weges nach Radewell (heute Regensburger Straße) befindliche Erbschenke…“ erhalten bleiben sollte.

Durch das Fischereigeschäft, zu der auch die Perlenfischerei gehörte, den erfolgreichen Kümmelanbau, die einträgliche Landwirtschaft und Bierbrauerei gewann das Dorf an Bedeutung und war bald eines der reichsten und größten Gemeinden im Herzogtum Magdeburg und dem späteren Brandenburg-Preußen. In einem Zinsregister des Amtes Beesen wird Mitte des 18 Jahrhunderts eine Schenke unter dem Namen „Die Kümmelbüchse“ erwähnt. Studenten der im Jahr 1694 auf Veranlassung des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. entstandenen Friedrichs-Universität, gaben der erhalten gebliebenen Erbschenke diesen Namen. Denn Kümmel wurde in Ammendorf auch in hochprozentig flüssiger Form, und nicht nur von Studentenkehlen „gekümmelt“. Auch in der damaligen Broihanschenke ging neben dem süß-sauren Weißbier so mancher Kümmelschnaps, besser bekannt als Aquavit, über die Theke.

Als im Dezember 1821 eine neue Straße aus Richtung Süden an Ammendorf vorbei führte, gewann die „Kümmelbüchse“ an Bedeutung. Der kleine Gasthof war oft Ausspanne für 20 und mehr Fuhrwerke die in Ammendorf übernachten wollten. Da der Verkehr immer mehr zunahm, baute man einen angrenzenden Pferdestall zu einem Gasthaus mit Fremdenzimmern um. Bekannt wurde dieser unter dem Namen „Goldener Adler“. Die alte und für den Fremdenverkehr zu klein gewordene „Kümmelbüchse“ wechselte nun des Öfteren seinen Besitzer. Man baute sie um, baute an und durch einen nördlichen Vorbau war es später möglich geworden, sie als Schmiede nutzen zu können. Schließlich veräußerte der letzte Eigentümer die ehemalige „Kümmelbüchse“ im Jahr 1903 an den Kaufmann Gustav Schurig, der die Schmiede (ehemalige Kümmelbüchse) ein Jahr später abreißen ließ. Auf diesem Gelände errichtete er dann ein ansehnliches, an den damaligen Jugendstil angelehntes, mehrstöckiges Haus mit Ladengeschäft und eigener Kaffeerösterei. Von der günstigen Lage des Hauses, direkt an der Überlandstecke von Ammendorf nach Merseburg, auf der seit 1902 auch die erste Straßenbahn fuhr, versprach sich der Kaufmann ein einträgliches Geschäft.

Der Laden wechselte später noch einige Male seinen Inhaber. Ende des zweiten Weltkriegs zog das Fotogeschäft Trostel ein. Als man Anfang der siebziger Jahre in Ammendorf eine neue Straßenbahnwendeschleife baute, wurden die unmittelbar an das Schurig-Haus angrenzenden Gebäude abgerissen. Nicht nur der “Goldene Adler“, welcher zu DDR Zeiten in „Volkshaus“ umgetauft wurde, auch die Gaststätte „Elstertal“ fielen den Bauarbeiten für die Wendeschleife zum Opfer. Das war nun das Ende für die Ammendorfer „Gastronomiemeile“ an der einträglichen Überlandstrecke in Richtung Süden.

Das Haus der Familie Schurig, welches mit seinen Verzierungen aus floralen Ornamenten und symbolischen Figuren zu einem baulichen Blickfang in Ammendorf geworden war, wechselte mit Eintritt der Familie Trostel in ihren verdienten Ruhestand, wiederum den Ladeninhaber. Die Fleischerei Schröter zog ein. Die Ammendorfer kauften ihren Aufschnitt und das Schnitzel gerne bei Schröters. Aber nach einigen Jahren übernahm ein Rundfunkgeräte-Reparaturdienst das kleine Geschäft und kümmerte sich um defekte Radios und Fernsehapparate. Doch diese Dienstleitung war nur von kurzer Dauer, bald darauf zeugte wiederum Leerstand von einer erneuten Ladenaufgabe!

Das alte Haus könnte uns Geschichten erzählen… Junge Leute sind gerade dabei mit ihm zusammen ihre eigene, eine neue Geschichte zu erleben. Familie Müller erfüllte sich einen beruflichen Traum. Die jungen Eheleute wagten schon im Jahr 2006 den Weg in die Selbständigkeit und eröffneten in der Merseburger Straße ihre lecker gefüllte „Brotbüchse“. Im März des Jahres 2011 erfolgte dann der Umzug in das Ladengeschäft des Schurig-Hauses.

Ein kleines Stück Vergangenheit wird nun wieder lebendig. In der ehemaligen Gastronomiemeile mit Stehbierhalle und Gasthaus mit Fremdenzimmern, beköstigt eine Brotbüchse wieder viele hungrige Leute. Den Ammendorfer freut’s, den Hungrigen ganz besonders!

Quelle: Aufgeschrieben von Monika Habermann/Geschichtliche Daten aus dem Buch von Wolfgang Engel "Ammendorf"/Mit Freundlicher Unterstützung von Herrn Herber/ Frau Grigul danke ich für die Bereitstellung der Bilder aus dem Heimatkalender 2017
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Ralf Springer aus Aschersleben | 07.02.2017 | 13:33   Melden
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Waltraud Eilers aus Naumburg (Saale) | 07.02.2017 | 13:41   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 07.02.2017 | 13:59   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 07.02.2017 | 14:00   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 07.02.2017 | 14:03   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 07.02.2017 | 14:56   Melden
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Lothar Teschner aus Merseburg | 07.02.2017 | 18:29   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 07.02.2017 | 18:42   Melden
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Christine Schwarzer aus Dessau-Roßlau | 08.02.2017 | 13:21   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 08.02.2017 | 13:35   Melden
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Christine Schwarzer aus Dessau-Roßlau | 08.02.2017 | 13:43   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 08.02.2017 | 14:05   Melden
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