Akrobatik am Morgen

 
Der Bahnhofssaal von Novosibirsk. Einfach imposant.
Tag vier in der Transsib ist angebrochen. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Draußen ist es hell, meine Uhr auf dem Iphone zeigt aber 3:55 Uhr - das ist Moskauer Zeit. Moskauer Zeit gilt auf der gesamten Bahnstrecke - im Zug und auf allen Bahnhöfen. Das verwirrt und bringt einen völlig durcheinander. Denn eigentlich ist es vier Stunden später, also kurz vor acht. Eben haben wir Acinsk passiert. Dieser Ort liegt bei Kilometer 3917. Die Landschaft wird langsam etwas hügeliger. Obwohl noch immer Birken über Birken vorbei huschen, wechseln sie sich jetzt schon einmal mit Kiefern ab. Auch sehen wir jetzt öfter kleinere Ortschaften mit zehn, zwölf Häusern - allesamt kleine Holzhütten. Wie mögen die Menschen darin wohl leben? Wir können es uns nur schwer vorstellen. Jedes Häuschen hat einen Gemüsegarten, in dem Gänse umherlaufen und wo Wäsche trocknet. Alles sehr spartanisch...


Waschen auf einem Quadratmeter

Heute morgen habe ich einmal versucht, mir eine etwas umfangreichere Körperwäsche angedeihen zu lassen. Das grenzte schon an einer größeren artistischen Übung. Der Waschraum, der gleichzeitig auch Toilettenraum ist, ist nicht größer als ein mal ein Meter. Egal wie man sich hinstellt, irgendwo eckt man immer an. Das größte Problem meines Versuches einer Körperwäsche war der Wasserhahn. Diesen dreht man nicht einfach auf - nein, man muss den Hahn irgendwie nach oben drücken, erst dann rieseln (!!!!) ein paar Wassertropfen heraus. Ich habe mein Teeglas irgendwie daruntergepresst. Nach etwa einer Minute war es dreiviertel voll. Ich habe so dann meinen Kopf in das schmale Waschbecken gezwängt und mir das bisschen Wasser über die Haare geschüttet. Diese Prozedure habe ich sechs Mal wiederholt, dann waren meine Haare vollständig naß und konnte diese ENDLICH waschen. Ein herrliches Gefühl. Mir war egal, dass jetzt der gesamte Waschraum eingeseift war. Jetzt galt es, den Prozess des Glas-Befüllens erneut sechs Mal zu wiederholen, bis meine Haare endlich abgespült waren. Jetzt noch den Körper waschen. Der kleine Raum schwamm mittlerweile. Am Boden war ein gusseiserner Deckel, den ich hochhob. Ein Loch tat sich auf, unter dem ich die Gleise vorbeihuschen sah. So konnte der überflutete Waschraum wieder halbwegs trockengelegt werden. Ich fühlte mich aber wieder frisch. Jetzt noch schnell die Füße hoch in das Waschbecken zwängen - eine Übung, die mich an die Beinpresse in meinem Fitness-Studio erinnerte. Hierin hatte ich dank meines Fitness-Trainings im Studio einigermaßen Übung, so dass ich meine Beine ohne größere Probleme säubern konnte. Nach gut einer halben Stunde fühlte ich mich endlich wieder frisch. Jetzt hängt mein Bayern-München-Handtuch zum Trocknen im Gang unseres Waggons.


Hochzeitsreise von Moskau nach Peking


Nachzutragen bleibt noch, dass seit zwei Tagen unsere Reisegruppe um ein Pärchen aus Detroit reicher geworden ist. Sie befinden sich auf Hochzeitsreise von Moskau nach Peking. Auf solch eine Idee muss man erst einmal kommen. Scott, der Mann, ist Musiker der Detroiter Philharmonie, spielt Fagott und arbeitet jetzt im Management des Orchesters. Er spricht sehr gut deutsch, hat mehrere Jahre in Deutschland gelebt. Während Scott uns gestern abend bei einem Glas Wodka aus seinem Leben erzählte, schlief seine Frau. Irgendwann bin ich dann ins Bett. Daniel kam später nach. Heute morgen klagte er über Kopfschmerzen. Wer weiß, wieviel Wodka er mit den anderen gestern noch getrunken hat...

Nachzutragen bleibt auch noch unsere gestriger nächtlicher Halt in Novosibirsk - von der Größe her die drittgrößte Stadt Russland. Der Bahnhof un d der Bahnhofsvorplatz erstrahlten im nächtlichen Lichterglanz, das war schon ein fantastischer Anblick.

Gleich halten wir in Krasnojarsk. Das ist dann der Kilometer 4.098. Gut 1.000 Kilometer liegen dann noch vor uns.


Lesen Sie mit:

Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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