Amok, Polizei, Presse und Schule

Manche Weiterbildungen dienen dazu um die Zeit totzuschlagen, andere um sich Wissen anzueignen. Einige gibt es aber, die machen nur betroffen. So zum Beispiel, wenn es um Amoktaten jugendlicher Täter an Schulen geht. 13 Jahre nach Erfurt, wo die Welt stillstand, kam Bewegung ins Land und es wurde ein Krisenordner an die Schulen verteilt. Gestern saßen in den Franckischen Stiftungen Vertreter der Schulen, sogenannte Sicherheitsbeauftragte, zusammen und hörten zuerst einmal Prof. Britta Bannenberg zu, die Amoktaten insbesondere in Deutschland untersucht hat. Obwohl einem die Tatsachen durch die Medien bewusst waren, wurde man von der Realität wieder eingeholt und merkte erst mal, welch segensreiche Erfindung die Verdrängung sein kann. Wohl kaum bei den Opfern und den Schulen, wo die Taten stattfanden, aber bei denen, die so etwas nicht erleben mussten.

Die Täter

So erfuhren die Zuhörer vieles über den Aktionismus der Täter und ihre monate- sogar jahrelange Vorbereitung, wozu auch das Darknet und insbesondere die Medien ihren Anteil haben. Jugendliche, die ihre Wut schon mal rausschreien oder gar anderen die „Fresse“ polieren, sind für einzelne gefährlich, wohl aber keine Amoktäter. Am gefährlichsten sind die fast Unsichtbaren, die in sich hineinleben, keinerlei Regung zeigen, zu Hause sich in die Zimmer einschließen und ihre mörderische Fantasien in Videospielen, Comics, Zeichnungen oder geheimen Tagebüchern ausleben. Sie haben keinen Bezug mehr zu Menschen, sind narzisstisch und fühlen sich schon durch geringste Anlässe unverstanden und sogar gemobbt. Trotz Behauptungen waren nach Prof. Bannenberg keiner der Täter ein Mobbingopfer, auch wenn in einigen Fällen Erfahrungen vorlagen, die aber keinerlei Anlass zu solchen Taten gegeben hätten.

Der Workshop

Nach den Ausführungen kam dann der Workshop. Ein Polizist berichtet über die Arbeit der Polizei in solchen Fällen und auch darüber, was man effektiv dagegen tun kann. Im Moment der Tat eigentlich nichts, außer die Tür zu verrammeln, abzuwarten, was draußen geschieht und das der Täter vorbeizieht. Mit dem Täter zu kommunizieren zu wollen, kann schlichtweg tödlich sein, da er nur eines will, sich am „atmenden Fleisch“ (aus dem Darknet) zu rächen. Das Feindbild heißt Mensch. Im Vorhinein kann man nur aufmerksam sein und das Verhalten der Schüler beobachten, doch vor der elterlichen Tür ist Schluss. Was sich dahinter abspielt, ist meist die eigentliche Vorbereitung. Und dann kam das Thema, was der Polizei die meiste Sorge nach dem Täter macht; die Presse. Natürlich hat sie den Auftrag die Öffentlichkeit zu informieren, aber wie sie das macht, spottet jeder Beschreibung und hilft nur einem: dem Täter. Es wird spekuliert über den Täter, seiner Familie, man hat dies und das gehört, versucht mit riesigen Lettern sofort (s)eine Weisheit zu postulieren. Wer die meisten Bilder, Interviews und Gerüchte verbreitet, hat gewonnen. Hauptsache man liegt in der Quote ganz vorn, verdient das meiste Geld. 70 Übertragungswagen waren in Winnenden vor Ort. Alle stürzten sich auf die Opfer beziehungsweise Zeugen. „Die fragen die Zeugen und Opfer solange bis sie zusammenbrechen, verfolgen Lehrer und Schüler bis nach Hause, übertreten Absperrungen und halten einer Schulleiterin, die physisch am Ende ist, das Mikrofon ungeniert unter die Nase“, führte der Polizist aus. Damit verlängern sie das Leiden über die Tat hinaus, veröffentlichen Namen und jeder Sender vom Frühstücksfernsehen bis zu Nachrichten weiß immer neue Wendungen und hat nicht nur kritische Fragen an die Polizei, sondern kennt auch schon die Lösungen. Hätte, sollte, könnte, warum, wieso. Sicher müssen kritische Hinterfragen erlaubt sein, aber doch nicht auf Teufel komm heraus und schon gar nicht, wenn die Polizei ihre Arbeit noch nicht getan hat. Es ist immer faszinierend wie Menschen an Stammtischen oder im Sessel zu Hause sofort ganz genau wissen, was man hätte tun müssen. Zeitungen verteilen so etwas mal gleich in Millionenauflage, was danach kommt und wirklich geschah, kann dann noch mal gedruckt werden. Natürlich wieder mit Millionenauflage. Auftrag erfüllt. Das hat weder etwas mit Pressefreiheit, noch Informationspflicht zu tun. Es ist die blanke Jagd nach Einschaltquoten und Gewinn. Ich bin sicher, diese Ereignisse gehen auch einigen Journalisten nahe, aber Job ist Job und fast glaubt man, die Presse erwartet sehnsüchtig solche Aktionen.

Epilog

Als Zuhörer des Workshops machte sich eine Art „Ohnmacht“ breit, als in einem Columbine Video (zwei Täter töteten in einer amerikanischen Schule) ein Opfer mit einer Reporterin live telefonierte und man sich erstmal über die Lieblingsshow unterhielt. Wenig später war eine Reporterin erzürnt, weil eine andere Medienanstalt mehr Material als sie hatte.
Mir wird schmerzlich bewusst, dass ich 13 Jahre (fast 14) immer noch den Namen des Täters aus Erfurt weiß und sogar seinen Lebenslauf und Vorlieben zu mindestens in Teilen. Ich kenne aber kein einziges Opfer mit Namen, geschweige denn irgendeiner Einzelheit. Genau das hat der Täter erreicht und die Presse ihm ermöglicht, bewusst oder unbewusst.
So mahnte auch Prof. Bannenberg zu einem maßvollen Umgang mit der Pressefreiheit und Informationspflicht der Medien. Doch solange es die Zeitung mit den großen Lettern gibt, die auf diesem Ohr fast völlig taub ist - solange müssen die anderen Medien mitziehen, es geht ja um viel Geld und Marktanteile. Damit wird es auch immer Trittbrettfahrer und Nachahmer geben, denn ihr Name wird noch lange in aller Munde sein.
Manche Weiterbildungsveranstaltungen machen nur betroffen.
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