Das schlimmste Hochwasser seit 400 Jahren?

Hochwassermarken an der Neumühle (20. 2. 2006)
 
Hochwassermarken an der Neumühle (1. 6. 2009)
 
Hochwassermarken an der Giebichensteinbrücke (11. 1. 2008)
Halle (Saale): Trotha | Halle scheint einem der schlimmsten Hochwasser seiner Geschichte noch einmal vergleichsweise glimpflich entgangen zu sein, weil nicht nur professionelle Helfer eingesetzt wurden, sondern auch Tausende freiwillige Helfer hinzu geeilt sind. Doch war es das schlimmste Hochwasser seit 400 Jahren? Nein! Das schlimmste bekannte Hochwasser ereignete sich vor 400 Jahren. Das ist ein großer Unterschied. Nur aufgrund einer Bemerkung des OB Bernd Wiegand, der während einer Pressekonferenz sinngemäß sagte, er habe im Vorbeigehen (!) gesehen, dass es das schlimmste Hochwasser seit 400 Jahren war. Böswillig könnte man nun sagen: Wenn Passau 500 Jahre bietet, dann müssen wir eben mit 400 Jahren mithalten. Es ist aber offensichtlich, dass hinter dieser verfälschenden Aussage lediglich Unkenntnis steckt, die man in einer derartigen Krisensituation verstehen kann, die aber einer Korrektur bedarf.

Der verdiente und mittlerweile leider verstorbene Hydrologe Dr. Gerhard Zinke (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) hat 2011 seine jahrzehntelangen Forschungen zum Hochwassergeschehen in Halle unter dem Titel „Die historische Entwicklung der hydrographischen Bedingungen in der Stadtregion Halle unter besonderer Berücksichtigung der Hochwasserverhältnisse“ veröffentlicht. Er hat sich darin unter anderem darum bemüht, die Hochwasserstände der letzten Jahrhunderte zusammenzutragen. Er kam zu dem Ergebnis, dass es drei Saale-Hochwasser mit über 10 Metern Pegelstand in Halle-Trotha gab: Das schlimmste bekannte Hochwasser war demnach das vom 2. März 1595 mit 10,15 Metern. Das zweitschlimmste übertraf das derzeitig Hochwasser aber noch immer um zwei Meter und liegt etwas mehr als 200 Jahre zurück: am 24./25. Februar 1799 erreichte der Saalepegel einen Stand von 10,12 Meter. Das drittschlimmste Hochwasser seines Untersuchungszeitraums (1559 bis 1958) liegt etwas mehr als 120 Jahre zurück: 10,10 Meter am 24./25. November 1890 hat man ermittelt, aber nicht konkret an dieser Stelle gemessen. Das derzeitige Hochwasser fiel zum Glück bei weitem nicht dermaßen heftig aus. Schmälert es die Bedrohlichkeit wenn es ‚nur‘ das schlimmste Hochwasser seit 120 Jahren war und nicht seit 400 Jahren? Keinesfalls. Die Botschaft könnte vielmehr lauten: Halle hat das schon oft durchgestanden und wird es auch diesmal schaffen, denn bei diesen drei Extremereignissen hört die Geschichte keinesfalls auf. Das aktuelle Hochwasser ist noch nicht mal unter den zwanzig schlimmsten Hochwasser-Ereignissen der letzten 430 Jahre! Es gab seit dem Jahr 1585 zehn Hochwasser, die die Neun-Meter-Marke übertroffen haben, sowie weitere elf die ebenfalls höher waren als das derzeitige Hochwasser. Dieses liegt also mit seinen 8,10 Metern in Trotha in den letzten 430 Jahren auf Platz 25.

Diese Relativierung soll aber keine Kritik an der damit erreichten – und durchaus legitimen – Aufmerksamkeit der überregionalen Medien sein, sondern vielmehr eine Mahnung: Es wird immer wieder schlimme Hochwasser-Ereignisse geben. Auch mit diesen Fakten war (und ist) es noch immer ein sehr gefährliches Hochwasser. Es schmälert seine Wucht in keiner Weise. Die Schäden an Peißnitzhaus und MMZ werden wohl in die Millionen gehen, von den zahlreichen Dämmen und Straßen, Privathäusern und Firmengeländen, dem „Krug zum grünen Kranze“ usw. ganz zu schweigen. Das wichtigste Resultat sollte aber sein, dass man aus dieser brenzligen Situation lernt, denn wenn es in den letzten Jahrhunderten so viele Hochwasser gab, die noch schlimmer waren als das aktuelle, dann kann man sich leicht ausrechnen, dass es die auch weiterhin geben wird.

Vielleicht wird das Wasser erst in einigen Jahrzehnten wieder so hoch steigen, vielleicht aber auch schon nach einer schnellen Schneeschmelze im nächsten Winter/Frühjahr. Extrem-Hochwasser sind zumeist nur kurzfristig abzusehen, und wenn man sich die Auflistung von Dr. Zinke ansieht, dann muss man feststellen, dass sie zu jeder Jahreszeit auftreten können. Ja es gibt nur einen Monat, in dem die Saale nicht schon mindestens einmal die Acht-Meter-Marke überschritten hätte. Einzig für den Oktober ist kein solches außergewöhnliches Hochwasser bekannt. Die extremsten drei fanden hierbei im Frühjahr bzw. Herbst statt, doch auch im Juni sind Hochwasser von so extremen Ausmaßen keine Seltenheit. Am 30. Juni 1698 stand die Saale bei 8,35 Metern, am 26. Juni 1802 bei 9,30 Metern, am 2. Juni 1803 bei 9,25 Metern. Und es ist bei weitem nicht für alle bekannten Hochwasser auch der entsprechende Pegelstand bekannt, wenngleich man annehmen darf, dass die mit den unbekannten Pegelständen auch nicht ganz so extrem ausfielen wie die für die Nachwelt genauer festgehaltenen. Extreme Hochwasser sind zum Glück keine jährliche Erscheinung in Halle, aber nicht so selten wie man aufgrund des letzten Jahrhunderts denken könnte. Dieses brachte durchaus Erfolge in der Eindämmung der Höchstpegel. Der 5. Juni 2013 brachte Halle den höchsten Pegelstand nicht nur des 21. Jahrhunderts, sondern auch im gesamten 20. Jahrhundert stand die Saale nie höher in Trotha. Das zeigt die Ausmaße der derzeitigen Lage mehr als deutlich, und macht es legitim, von einem Jahrhunderthochwasser zu sprechen.

Hochwasser haben in Halles Geschichte zu Stilblüten geführt, die man für Übertreibungen halten mag. Die Hochwassermarken an der Neumühle und an der Mühle in Trotha belehren uns eines Besseren: das Wasser stand nicht nur einmal, sondern Dutzende Male höher als am Morgen des 5. Juni. Nicht ohne Grund finden sich auch an der Passendorfer Kirche Hochwassermarken der Saale, obwohl die doch über einen Kilometer von der Saale entfernt steht. Von dem einstigen Dorf Gimritz auf der Peißnitz ist nicht mehr viel übrig, genauso wenig von der ersten Niederlassung des Deutschen Ordens in Deutschland in der heutigen Hafenstraße in Halle. Vom Dorf Gimritz vermutet man, dass es wegen der zahlreichen Hochwasserereignisse mit der Zeit von den Bewohnern verlassen wurde, wird es doch bereits im Jahr 1170 als „im Saale-See“ gelegen erwähnt. Nur das Gut und die Mühle blieben bestehen. Vom Deutschorden weiß man, dass sie nach dem dritten schweren Hochwasserschaden kurz vor der Reformation aufgegeben und ihre Besitztümer verkauft haben. Nach jedem Hochwasser hatten sie im großen Geld sammeln müssen, um die Schäden wieder zu beseitigen. Teilweise stand das Wasser bis zum Altar ihrer Kirche. Hätte man nicht vor einigen Jahren eine Gedenktafel in der Hafenstraße angebracht, würde nichts mehr an die Existenz dieser einst wichtigen Kommende (eine Art Kloster) erinnern.

Der wichtige hallische Chronist Johann Christoph v. Dreyhaupt berichtet uns 1749, dass im Jahr 1345 die Saale so hoch stand, „daß man auf den Zinnen der Stadt-Mauren hat Wasser schöpfen können.“ Dasselbe berichtet er vom Jahr 1365. Das sind Nachrichten aus Jahren als die Saale noch direkt unterhalb der Moritzkirche an der Altstadt vorbei floss. Vom Jahr 1432 berichtet der Historiker gar: „ist das Wasser … über die Stadtmauer gegangen, so daß man mit Kähnen über die Stadtmauer fahren können.“ Dieses vermutlich höchste dokumentierte Hochwasser hat allein in Thüringen 40 Dörfer verwüstet, zudem in Dresden die Elbbrücke zerstört und auch entlang der Elbe „viele Dörffer weggerissen“. Es war also eine ähnliche Lage an den Flüssen Mitteldeutschlands wie wir sie zurzeit erleben, nur war der Pegel der Flüsse im Jahr 1432 wohl noch deutlich höher.

Da wir nicht wissen, wann uns das nächste derartige Hochwasser erreicht, wäre es klug von den Stadtoberen, wenn sie auf solche Situationen noch besser vorbereitet wäre, denn noch ist das Hochwasser nicht vorbei, noch kann ein Deich durchweichen oder gar brechen, auch wenn es zum Glück von Tag zu Tag weniger wahrscheinlich ist. Wie würde die Lage aber aussehen, wenn es den Stand des nächsthöchsten Juni-Hochwassers erreicht hätte? Wenn das Wasser auf 8,35 Meter gestiegen wäre wie 1698? Wäre Halle-Neustadt auch dann noch zu retten gewesen? Das mittlerweile 25. Hochwasser in 430 Jahren mit über acht Metern Saale-Pegel sollte zu denken geben. Daraus zu folgern, dass uns das nächste Extrem-Hochwasser erst in 17, 170 oder 400 Jahren ereilen wird, wäre sicher ein Trugschluss. Die meisten Hochwasser über acht Meter (sechs der 25) gab es übrigens im August, in dem der Saale-Pegel in Trotha allein fünf Mal (in den Jahren 1585, 1661, 1737, 1752, 1757) über 8,95 Meter stieg. Auch Jahre in denen zwei oder drei stärkere Hochwasser auftraten hat es schon mehrfach gegeben. Aber zum Glück noch nie in Verbindung von zwei extremen Hochwassern.
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3 Kommentare
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Martin Beitz aus Teutschenthal | 10.06.2013 | 17:20   Melden
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Gottlob Philipps aus Halle (Saale) | 04.07.2013 | 21:48   Melden
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Martin Beitz aus Teutschenthal | 06.07.2013 | 18:26   Melden
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