Die Fahrt beginnt - ich sitze in der Transsib

  Seit einer Stunde sitze ich in der Transibirischen Eisenbahn. Man kann die Atmosphäre, die einen schon am Bahnhof gefangennimmt, schwer beschreiben. Es ist irgendwie faszinierend, man fühlt sich wie in einer kleinen Familie. Unsere beiden Schaffnerinnen für unseren Waggon Nummer 4 - Julia und Swetlana - versehen geflissentlich, aber sehr freundlich ihren Dienst. Heute ist in Russland der Tag der Eisenbahner - ich habe beiden vorhin gratuliert, sehr zu Ihrer Freude. Im Abteil neben mir schläft Igor seinen Rausch aus. Er hat gestern gefeiert, ich habe aber nicht ganz verstanden, was der Anlass seiner Feier war. Nachdem er in den Zug gestiegen war, hat er noch ein Bier und einen Wodka getrunken - jetzt schläft er auf der oberen Liege friedlich.


Wie sieht es in unserem Waggon aus?


Alles wirkt ziemlich russisch - schlicht aber zweckmäßig. Am Waggonanfang steht ein großer Samowar, der stets heißes Wasser bereithält für Tee, Kaffee oder mitgebrachte Maggi-Suppen. Wenn man von einem Waggon zum nächsten geht, kommt man sich vor wie auf einer Achterbahn. Es klappert extrem, man sieht die Gleise durch den Fußboden vorbeihuschen. Unser Abteil hat eine Größe von 1,50 Meter Breite und 2,50 Meter Tiefe - grob geschätzt. Vier Liegen, die tagsüber hochgeklappt sind und auf denen wir sitzen, nehmen den ganzen Raum ein. Unter der untersten Liege sind die Koffer verstaut. Eben kamen Julia und Swetlana in unser Abteil und brachten uns unsere Bettwäsche. Betten beziehen ist angesagt. Ich verschiebe diese Arbeit auf den Abend.
Denn jetzt erkunde ich erstmal den gesamten Zug. Zwei Abteile weiter liegen zwei Russen und schlafen. Zwei Waggons weiter befindet sich das Restaurant. Ein Bier kostet 140 Rubel - etwa drei Euro. Die Flasche Wodka kostet 15 Euro. Nebenan am Tisch sitzen zwei Russen bei einer Flasche Wodka und einer Flasche Wasser - mehr nicht.

Pause

In drei Stunden hält der Zug zum ersten Mal. Dann müssen wir auf dem Bahnsteig etwas kaufen für unser Abendbrot. Im zugeigenen Restaurant kann man zwar auch speisen, aber die Preise sind entsprechend hoch. Ich hoffe also auf den ersten Stopp am Bahnhof. Pelmeni wäre nicht schlecht.
Unterdessen ist Igor kurz aufgewacht und schwankt auf die Toilette. Er hat ein Bier in seiner Hand. Ich werde ihn nachher einmal fragen, wohin er eigentlich muss.
Julia und Swetlana haben ihr Abteil eingerichtet. Sie haben jetzt Pause. Ich habe ihr meine Fotos von der Abfahrt des Zuges gezeigt. Sie können nur schwer verstehen, wie ein Foto auf meinen Rechner kommt. Unsere Unterhaltung klappt eigentlich ganz gut - meine Russisch-Kenntnisse aus der Schule helfen mir ganz schön weiter. Das hätte ich so nicht gedacht.
Mittlerqweile haben wir Reisende unseres Waggons uns miteinander bekannt gemacht. Es sind insgesamt 12 Reisende, die mit mir zum Baikal fahren. Gabi und Andrea haben mir ihren geheimen Ort zum Rauchen gezeigt: Die Verbindungstür zwischen zwei Waggons. Da stehen sie zusammen mit ein paar Russen eng zusammengepfercht und frönen ihrem Laster.
Unser erster Stopp brachte nicht das gewünschte Einkaufsergebnis. Außer Eis und Bier gab es nichts auf dem Bahnhof zu kaufen. Nun warten wir noch eine Stunde. Dafür war die Babuschka, die uns das Bier verkaufte, sehr geschäftstüchtig.
So. Und nun hoffe ich, dass ich diese Zeilen irgendwie online bekomme. Denn außer Birken und das Rattern der Transsib gibt es hier weiter nichts. Das ist es also - die Nostalgie der Transsibirischen Eisenbahn. Auf der Fahrt von Moskau zum Baikalsee.
Ich melde mich wieder.


Lesen Sie mit:

Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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